Edgar Selge. Foto: Murie Liebmann/hf

Bürgerliche Kindheit um 1960: Edgar Selges Prosadebüt handelt von Prügeln, Hausmusik und dem NS-Erbe. An diesem Freitag liest er in Stuttgart.

Stuttgart - Der Vater ist Gefängnisdirektor, seine Freizeit verbringt er übend am Flügel, um bei Hauskonzerten mit Bach und Beethoven zu glänzen. Praktisch alle in dieser deutschen Familie sind hochmusikalisch, leider spielt die Mutter nicht gut Geige. Sie hätte auch eigentlich lieber nicht geheiratet, hat aber trotzdem fünf Söhne mit ihrem Mann. Am Mittagstisch rechnen die älteren Brüder mit dem Muff von tausend Jahren ab, der ihren Eltern in den Kleidern hängt. Und der zwölfjährige Edgar schaut sich das alles an. Wenn der Vater ihn nicht gerade verprügelt.

 

Klingt nach den Klischees einer überdrehten Streaming-Serie, liest sich aber nicht so, nicht beiEdgar Selge. Der heute 73-jährige Schauspieler erzählt in seinem Buch „Hast du uns endlich gefunden“ die Geschichte einer Kindheit um 1960, wie sie noch nicht erzählt worden ist. Im Lockdown-Frühjahr 2020 schreibt Selge: „Die Pandemie hält die Zeit an, damit ich ausspreche, was mir so schwer auf die Zunge will. (…) Ich will nicht zugeben, von jemandem geschlagen zu werden, den ich liebe. Und noch weniger will ich zugeben, dass seine Schläge meine Liebe nicht ausgelöscht haben. Ich will nicht einer sein, der den liebt, der ihn schlägt.“

Züchtigungen bis zum sexuellen Übergriff

In Selges Erzählen führen die Schmerzpunkte des Kindes zu den Fragen, Zweifeln, Verlusten des alten Mannes, der er heute ist. Damals hatten alle Erwachsenen in der Umgebung dieses 1948 geborenen Jungen den Krieg mitgemacht und das, was sie „Zusammenbruch“ nannten. Alle waren vom Nationalsozialismus geprägt. Die einen so, die anderen so. „Sie wissen noch, was das ist: ein Volk, eine Identität, ein Zusammengehörigkeitsgefühl. Und jetzt haben sie die Moral für sich entdeckt, vor allem den Unterschied zwischen Wahrheit und Lüge. Dabei stehe ich im Fokus. Denn ich habe einen Hang zur Unaufrichtigkeit.“

Allerdings ist es nicht nur seine überschießende Fantasie, die den jungen Edgar bei den Eltern verdächtig macht, sondern auch, dass er immer mal ein bisschen Geld klaut und lügt, um zu verheimlichen, dass er im Kino oder auf der Kirmes war. Dass er an den schön polierten Möbeln herumgeschnitzt hat, die sich der Vater von den Strafgefangenen tischlern lässt. Bloß hat das bei Selges nicht Hausarrest oder Taschengeldentzug zur Folge, sondern den Rohrstock. Der Vater misshandelt den Sohn, als zwinge ihn etwas dazu, bis zur Erschöpfung, bis zum sexuellen Übergriff.

Schönheit und Resilienz

Der Sohn übersteht vernichtende Erfahrungen wie diese mit bemerkenswerter Resilienz, die sich vor allem aus dem Erleben von Schönheit speist – in der Musik oder an einem Menschen. Hier verdichtet sich die ganze Vieldeutigkeit des Lebens, in dem das Schöne einen dazu bringt, auszuhalten, was nicht auszuhalten ist.

Wie der alte Erzähler sein kindliches Ich immer wieder innerlich aufrichtet, ist oft von grausamer, zärtlicher Komik. Sie vibriert unter den Sätzen wie das Zwerchfell des Jungen, wenn er die Backen zwischen die Zähne ziehen muss, um nicht loszulachen. Manchmal steckt sie in der Vorstellung, wie der Zwölfjährige vom Birnbaum des elterlichen Gartens aus für sich allein martialische Reenactments von Bombenangriffen auf europäische Großstädte inszeniert. Manchmal nur in einem lapidaren Satz.

Elterliche Traumbilder

Edgar Selge hat gesagt, beim Schreiben sei er darauf angewiesen, etwas zu wecken, das er die „Körpererinnerung“ nennt. Wieder zu empfinden, was Muskeln und Sehnen damals empfunden haben. Nicht zufällig erkennt sein junges Ich im Beginn von Prousts „Suche nach der verlorenen Zeit“ sich selbst – und die Gleichzeitigkeit dessen, was wir gewohnheitsmäßig als Vergangenheit und Gegenwart bezeichnen. Was Marcel Proust jedoch in langen Perioden entfaltet, drückt Selge in diesem sorgfältig komponierten Buch ganz einfach aus, in Kapiteln ohne chronologische Ordnung, die sich meist auf wenige, vielsagende Szenen konzentrieren.

In Träumen kehren die Eltern zurück, aus einem solchen Traum stammt auch der Buchtitel. „Hast du uns endlich gefunden“, sagt die Mutter zum träumenden Erzähler, doch ihre Freundlichkeit reicht nicht bis zu ihm, und sie verschwindet. Der Leser, die Leserin wird in diesen Erinnerungen vieles finden und wiederfinden, was menschliches Dasein ausmacht, über die Grenzen der Generationen und der Geschlechter hinweg. Ein Wahnsinnsbuch.

Buch Edgar Selge: Hast du uns endlich gefunden. Rowohlt Verlag, Hamburg. 300 Seiten, 24 Euro.

Termin Am 5. November, um 19.30 Uhr, liest Edgar Selge im Stuttgarter Schauspielhaus aus seinem Debüt.