Kai Wieland ist eine Entdeckung von Literatur-Bloggern Foto: Marijan Murat

Der in Backnang geborene Autor Kai Wieland öffnet in seinem eindrucksvollen Debüt „Amerika“ schwäbische Hinterwelten für die Verheißungen des gelobten Landes.

Stuttgart - Wenn sich die Literatur den Dörfern zuwendet, verspricht das kein schöner Anblick zu werden. Die Zeit der Idyllen ist vorbei. Hinter den sieben Bergen der modernen Dorfgeschichte hausen engstirnige Rumpfexistenzen, die im Morast sexueller Verfehlungen, bigotter Gewaltbereitschaft und alten Schuldverhältnissen ihre aktuellen Animositäten züchten.

Auf den ersten Blick würde man auch das tief im Schwäbischen Wald „fernab der Zivilisation selbst solch bescheidener Metropolen wie Backnang und Murrhardt“ vor sich hin schwindende fiktive Rillingsbach auf dieser literarischen Landkarte verorten. Es ist der Schauplatz des Romandebüts „Amerika“ des 1989 in eben jener bescheidenen Metropole Backnang geborenen Autors Kai Wieland. Zwei Straßen, zwanzig Häuser, einige davon leerstehend, und wer es hier noch aushält, sammelt sich in dem ehemaligen Dreisternehotel Schippen, dessen Absinken zur Dorfkneipe die allgemeine Entwicklung im Leben der Gäste gut beschreibt.

Unter das zerzauste Häuflein dieser Übriggebliebenen mischt sich ein Chronist, um dem aus der Welt gefallenen Flecken sein Gedächtnis zurückzugeben. Unter dem, was er dabei aufschnappt, findet sich das erwartbare grobromantische Inventar der kritischen Dorfgeschichte wieder: Altnazis, Kopfschlächter, Rebellen, gefallene Grazien und dunkle Geheimnisse. Und doch gehen diese Notizen aus einer Randzone der Gegenwart in einer Geschichte auf, wie man sie so noch nicht gelesen hat. Denn der Chronist entlockt den wackeren Trinkern und Trinkerinnen im Schippen nicht nur die wesentlichen Ereignisse ihres Lebens, er verfolgt zugleich mit wachem Sinn, was die Erinnerung daraus macht.

Eingeborener Starrsinn und intellektuelle Schlagfertigkeit

Der schwarzen Poesie einer ramponierten Hinterwelt, in die erst die Nazis, dann die Amis eingezogen sind, folgt eine Poetologie des Gedächtnisses auf den Fersen. Sie findet in dem engen Rahmen einer Dorfchronik immer wieder Schlupflöcher und Ausgänge, die ins Offene führen: Fluchten in die Wharton Baracks des fernen Heilbronn, in die Weiten der Moave Wüste und des gelobten Landes der amerikanischen Literatur.

Immer wieder kann es begegnen, dass das, was als Erzählung aufbricht, als Parabel zurückkehrt. In den Dialogen durchdringt sich auf wundersame Weise eingeborener Starrsinn mit intellektueller Schlagfertigkeit. Und weil sich der Chronist weigert, seine Figuren an verbriefte Typenlehren preiszugeben, sind sie eben doch weit mehr als Nazis, Schlächter und Rebellen: eigenwillige Irrläufer zwischen der Wirklichkeit und der Erinnerung, zwischen Traum und Gerücht, zwischen tief tiefster Provinz und den Hochlagen der Literatur.

Zu der Gebietserkundung dieses widerborstig-schönen Romans gehört, dass er selbst einer Region entstammt, die von alteingesessenen Grenzwächtern oft mit Herablassung betrachtet wird. Kai Wieland ist eine Entdeckung des Sachverstandes, der sich auf Literatur-Blogs im Internet austauscht. Sein Roman wurde mit dem Blogbuster-Preis ausgezeichnet. Dahinter verbirgt sich das Experiment, Literatur-Blogger Nachwuchstalente vorschlagen zu lassen, unter denen eine Fachjury den Sieger kürt. Dessen Buch erscheint dann in einem klassischen Print-Verlag - in diesem Fall bei Klett-Cotta.

Mit „Amerika“ ist den digitalen Scouts ein kapitaler Fang ins Netz gegangen. Er spricht allen Vorurteilen Hohn, bei dem, was jenseits der bewährten Kanäle hereindringt, müsse es sich notwendig um Leichtgewichtiges handeln.

Termin: Die Buchpremiere findet am 1. Oktober um 19.30 Uhr im Literaturhaus Stuttgart statt.

Kai Wieland: Amerika. Roman. Klett-Cotta, Stuttgart. 240 Seiten, 20 Euro.

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