Gotthard Bauer ist in der Eselsmühle geboren und aufgewachsen. Auf dem Foto ist er in seiner zweiten Heimat Australien zu sehen. Foto: privat

Gotthard Bauer, einer der Enkel des Gründers der heutigen Eselsmühle, hat in einem Buch seine Erinnerungen an sein Leben im Siebenmühlental beschrieben.

Bevor man mit einem Pferd ausreitet, gilt es Folgendes zu berücksichtigen: Pferde tränken, Hufe einfetten, Pferde leicht abbürsten, nach dem Auflegen der Geschirre nachsehen, ob alles sauber ist. Diese und noch etliche weitere detaillierte Anweisungen befinden sich auf einem inzwischen reichlich vergilbten und abgegriffenen Papier, das einst Rudolf Gmelin gehörte. Der hat 1937 die Eselsmühle im Siebenmühlental gekauft.

 

Diese mit Schreibmaschine geschriebenen Zettel über die adäquate Behandlung von Pferden in der Landwirtschaft sind einer von vielen Hinweisen, dass Gmelin ein gewissenhafter und korrekter Mann war. Aber ein Landwirt war er nicht aus Berufung, schon gar kein Pferdeflüsterer. Und Müller war er eigentlich auch nicht. Mit dem Kauf dieser Mühle bewies er jedoch eine gute Hand und Weitsicht, zumal dies in einer Zeit erfolgte, in der ein großes Mühlensterben herrschte. Doch gerade die Eselsmühle war damals technisch gut eingerichtet. Und trotz allem Wechsel der Beschäftigten im Laufe der Jahrzehnte, bei denen es zuweilen auch turbulent zuging, wurde die Eselsmühle damals bis heute ein Erfolgsmodell.

Blick in das Ensemble der Eselsmühle. Foto: Alexandra Kratz

Gmelin war einst vor allem begeistert von der anthroposophischen Denkweise von Rudolf Steiner. Und eine Mühle war ein herausragender Ort, um die Vorstellung von guten und gesunden Nahrungsmitteln in die Tat umzusetzen.

In der Eselsmühle wird nach dem Demeter-Prinzip gebacken

Eine Idee, die heute noch Bestand hat in der Eselsmühle, hier wird nach dem Demeter-Prinzip Brot gebacken. Demeter ist ein Gütesiegel, das hohe Ansprüche stellt an die Produktion von Lebensmittel, die trotz des anthroposophischen Ursprungs jeder umsetzen kann, der will.

Wie sehr anthroposophisch es einst zuging in der Eselsmühle, dazu liegt jetzt ein Buch vor mit dem Titel „Merkwürdiges aus dem Sieben-Mühlen-Tal“ (ISBN Nummer 978-3-947217-46-5). Geschrieben hat es Gotthard Bauer, einer der drei Enkel von Gmelin. Er ist 1954 in der Eselsmühle geboren worden und hat dort bis ins Jahr 2000 gelebt und gearbeitet, bevor er nach Australien auswanderte.

Beim Lesen dieses Buches wird nachvollziehbar, dass räumliche und zeitliche Distanz ganz hilfreich sein können beim Schreiben über die eigenen Jugendjahre, beim Reflektieren darüber, welche Gedanken einen einst leiteten. Nur Schöne-Welt-Geschichten wollte Gotthard Bauer ganz offensichtlich nicht schreiben, dazu war das Leben im Siebenmühlental zu wenig idyllisch. Aber ein Rückblick in Bitternis sollte es auch nicht werden, dazu hat er zu viele wertvolle Lebenserfahrungen gesammelt.

So ist das Leben im Sieben-Mühlen-Tal

So ist ein Rückblick entstanden, der gelegentlich sentimental ist, aber auch mal humorig und kauzig. Und der mit philosophischen Ausflügen garniert ist, die weit hinaus gehen über den Filderraum, die zuweilen auch ganz leicht fliegen über Jahrtausende von Menschheitsgeschichte. Und dann gibt es doch auch Antworten auf Fragen wie: Wie lebt es sich eigentlich im Siebenmühlental? Gibt es eine gute Nachbarschaft? Wie hat so ein Betrieb den Zweiten Weltkrieg überlebt? Wie stellt er sich in einer Zeit auf, in der immer mehr Lebensmittel mit künstlichen Zusätzen versehen oder von diesen ersetzt werden?

Und dann immer wieder die persönliche Ebene: War das eine gute Kindheit in den 1970er Jahren, ist ein anthroposophisches Elternhaus Fluch oder Segen? Wie ist es, so einen Betrieb zu leiten? Die Antwort auf Letzteres: schwierig. „Bevor es zum völligen Bruch kam, bin ich gegangen“, so Gotthard Bauer. Wobei das Buch zeigt: Er war schon immer eher derjenige, den es in die Ferne zog. So hat er sich für die Idee eines Öko-Dorfes begeistert, das 70 Familien auf einem Grundstück von 140 Hektar in Australien aufbauen wollten. „Da waren die verschiedensten Leute dabei, vom Professor bis zum Lokführer“, erinnert sich Bauer: „Und das erklärte Ziel war, dass alle dort das machen sollten, was sie am liebsten wollten. Ob Hühnerzucht oder Weinberg, alles war da möglich.“

Heute ist Australien der Lebensmittelpunkt von Gotthard Bauer

Doch daraus wurde nichts. Bis auf die Bäckerei, die Gotthard Bauer in Erwartung der Versorgungsbedürfnisse der Aussteiger aufbaute. Die stand dann erst mal ganz alleine in der Wildnis von Yallingup in West-Australien. Doch auch da war ihm das Schicksal wohlgesonnen: Yallingup an der Küste gehört heute zu den meistbesuchten Touristenorten in West-Australien. Vor allem die wohlhabenden Bürger von Perth haben dies zu ihrem bevorzugten Erholungsort auserwählt. Die Distanz von etwas mehr als 200 Kilometern fällt in Australien nicht ins Gewicht. Dort gibt es die außergewöhnlich schöne Küste, dank Gotthard Bauer ist es aber auch ein besonderer Ort, in dem heute großer Wert gelegt wird auf Essen von hoher Qualität und allgemein auf viel Lebensqualität. Und eine Rudolf-Steiner-Schule gibt es dort auch.

Aber dieses Australien-Kapitel ist nicht Teil des Buches. Das wäre der Stoff für eine Fortsetzung. Das Geschäft in Yallingup hat er an seine Kinder weitergegeben. Als Rentner gerne einige Wochen im Jahr auf den Fildern, lässt Erinnerungen aufleben, knüpft alte Kontakte neu. Die Eselsmühle ist da natürlich ein wichtiger Bestandteil.