In "Schoßgebete" erklärt Charlotte Roche, wie aufregend ehelicher Sex sein kann.  

Nach ihrem Erfolgsdebüt "Feuchtgebiete" von 2008 legt Charlotte Roche heute ein neues Buch vor. "Schoßgebete" ist eine allzu ausschweifende Plauderei über ehelichen Sex und eine Abrechnung mit sich selbst und der Welt.

"Wer dachte, Feuchtgebiete' ist krass, der muss sich hierbei richtig anschnallen. Das ist eine richtige Achterbahn der Gefühle. Ich schwöre!" Das sagt Charlotte Roche, hebt zwei Finger und lächelt für den Werbeclip in die Kamera. Hui.

Einem der letzten großen Tabus, dem ehelichen Sex, möchte sie sich in "Schoßgebete" widmen, ließ die charmante Ex-Musikmoderatorin Roche vorab verlauten. Dass ehelicher Sex im Alltag an Reiz verliert, das will sie widerlegen - mit ihrer Hauptfigur Elisabeth Kiehl, ein kaum verhohlenes Selbstbild der Autorin.

Deshalb lässt sie Elisabeth und ihren Gatten Georg genüsslich Pornofilme schauen und gemeinsam ins Bordell gehen. Während Georg, so sexbesessen wie Elisabeth, aber an einer gewissen Vorstellung zumindest genitaler Treue festhält, träumt Elisabeth vom Sex mit Freunden und Bekannten. Als Georg ihr diese Freiheit zuletzt einräumen will, erscheint ihr dies als Gipfel der Erfüllung.

Lob der elektrischen Heizdecke

Roche erzählt gewohnt offenherzig von solchen Wünschen und ist sich dabei bewusst, dass sich hinter der Fassade der Freizügigkeit bei ihrer Heldin ein schwer zwangsneurotischer Charakter verbirgt. Deshalb muss "Schoßgebete" für all jene Leser, die glauben zu wissen, was sie von Roche zu erwarten haben, in einer Hinsicht zur Enttäuschung werden: Explizit geschilderte Sexszenen beschränken sich, abgesehen von immer wieder eingestreuten freizügigen Bemerkungen, auf wenig mehr als zwei Dutzend Seiten, die Ekelgrenze wird nur flüchtig berührt.

Die erste halbe Seite des Romans ist ein Lob der elektrischen Heizdecke, dann erst folgt eine ausladende Gebrauchsanweisung zu Fellatio. Außerdem: Kind, Küche, Heim. Und: Vergangenheit, Trauma, Therapie. Nach etwa 250 Seiten die relativ knappe Schilderung einer Orgie des Ehepaars mit einer Prostituierten in einem Luxusbordell. Zuletzt: das Lob der Freizügigkeit und der Pornografie. Nichts also, was man nicht schon vor zehn Jahren in dem kühlen Protokoll "Das sexuelle Leben der Catherine M." der französischen Kunstkritikerin Catherine Millet erfahren hat.

Elisabeth ist zwanghaft in jeder Hinsicht:

Elisabeth ist zwanghaft in jeder Hinsicht

"Dirty Talk kann ich nicht", gesteht die Erzählerin zu Beginn. Und ja, die Sexszenen wirken eher sachlich als erotisch. Anders als in "Feuchtgebiete" existiert das Tabu, das sie einrennen möchte, in "Schoßgebete" nicht wirklich. Und Charlotte Roche scheint es letztlich auch gar nicht auf dieses Tabu abgesehen zu haben. Ihr geht es, unverblümt autobiografisch, um eine Abrechnung: mit ihren Eltern, mit dem Feminismus, mit sich selbst. Und mit der Boulevardpresse.

Elisabeth Kiehl ist, wie Roche, 33 Jahre alt und verheiratet mit Georg, der XXL-Yogahosen trägt und dem es an Behaarung nicht mangelt. Elisabeth möchte alles sein: die perfekte Mutter, die perfekte Hausfrau, die weiß, wie man besten Wirsing kocht, die perfekte Frau, die perfekte Sexpartnerin. Eva Herman müsste ihre Freude an ihr haben. Elisabeth ist zwanghaft in jeder Hinsicht: ihre Tiraden gegen Gott, Christentum, Glutamat und McDonald's trägt sie genauso kraftvoll gewürzt vor wie ihre Schilderungen des Geschlechtsverkehrs.

Als prominent wird dem Leser diese Elisabeth nicht vorgestellt; dennoch fürchtet sie sich vor der Boulevardpresse. Diese Presse hat hier einen Namen: die "Druck-Zeitung" - gemeint ist zweifellos das bekannte Springer-Blatt, mit dem Roche spätestens seit 2001 in Fehde liegt. Damals ereignete sich jenes Unglück, das auch im Mittelpunkt von "Schoßgebete" steht: Roches Mutter wurde auf dem Weg zur geplanten Hochzeit der Tochter in einen Verkehrsunfall verwickelt. Sie verletzte sich schwer, ihre drei Söhne, die Brüder Charlottes, starben.

"Ich war so unkatholisch, dass ich fast schon wieder katholisch war"

Gut die Hälfte von "Schoßgebete" kreist in Rückblenden um diesen Vorfall. Und bei diesen Rückblenden schweigt die Tabustürmerin Roche. Fiktion ist hier dünn, Autobiografie überdeutlich. Sie liefert den Schlüssel zu einem Charakter, der sich vor dem Trauma in die Hingabe flüchtet. Elisabeth kennt aber auch die sarkastische Distanz zu sich selbst.

In ihrer Eifersucht, gibt sie einmal zu, sei sie fast so männerfeindlich wie ihre feministische Mutter. "Ich war so unkatholisch, dass ich fast schon wieder katholisch war!", meint sie an anderer Stelle. Nicht ohne sich sogleich Gedanken zu machen über mögliche Beziehungen zwischen Katholizismus und Analverkehr.

Charlotte Roche erzählt von drei Tagen im Leben ihrer Heldin. Sie tut dies im renitenten Plaudertonfall, den man von ihr kennt und der den Gebrauch anrüchiger Vokabeln ebenso zum Stilmittel erhebt wie Grammatikfehler. Roches Stärke ist die Rede, wie man im November 2008 in Ludwigsburg bei ihrer allerletzten Lesung aus "Feuchtgebiete" erleben konnte. Bei bloßer Lektüre langweilt "Schoßgebete" mit seiner Geschwätzigkeit, seinem Mangel an Struktur und Charakteren. Doch auf der Bühne wird möglicherweise auch "Schoßgebete" wieder zünden.

Am 27. September ist Charlotte Roche im Stuttgarter Theaterhaus zu Gast. "Schoßgebete", erschienen beim Piper-Verlag München, kostet 16,99 Euro.

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