Wer verliert, ist tot: In „Squid Game“ spielen Underdogs um ihr Leben. Foto: Netflix

Menschen, die um ihr Leben spielen? Die extrem erfolgreiche Netflix-Serie „Squid Game“ ist einerseits verstörend-zynisch, andererseits brillant. Und sie ist näher an der Realität, als man glaubt. Das zeigt ein Blick nach Südkorea.

Seoul - Seong Gi-hun bleibt keine andere Wahl mehr, als zu spielen. Zu hoch sind seine Schulden, zu bedrohlich seine brutalen Gläubiger. Also geht der arbeitslose und geschiedene Vater einen Pakt mit dem Teufel ein: Er spielt ums Überleben – so wie 455 andere Frauen und Männer mit ähnlichen Problemen. In diesem Spiel ohne Grenzen gilt: Wer alle Runden überlebt, bekommt umgerechnet rund 33 Millionen Euro. Wer in irgendeiner Runde einen Fehler macht, nicht blitzartig die Situation erfasst, sich mit den falschen Mitspielern verbündet, stirbt. Er wird eiskalt hingerichtet, seine Leiche zur Organgewinnung ausgeweidet.

 

Seong Gi-hun ist der Schlüsselcharakter von „Squid Game“, der erfolgreichsten Serie in der Geschichte der Online-Filmplattform Netflix. Er hat seinen Job verloren, seine Frau hat ihn verlassen, die gemeinsame Tochter beschenkt er rührend-unbeholfen mit billigen Artikeln aus einem Spielautomaten. Als er von einem mysteriösen Unbekannten zum Todesspiel eingeladen wird, sieht er seine Chance, diesem Leben zu entkommen.

Kapitalismus als zynisches Chaos

„Squid Game“ rangiert in mehr als 60 Ländern auf Rang eins der Netflix-Angebote, wurde schon mehr als 111 Millionen Mal gestreamt. Laut Bloomberg soll die Marke Squid Game mittlerweile rund 900 Millionen Dollar wert sein. Gekostet hat die Produktion rund 21 Millionen.

Das weltweite Publikum berauscht sich an den blutsatten, perfekt ausgemalten Bildern, der hypnotischen Musik und den starken Emotionen, die „Squid Game“ zeigt. Es wimmelt von Bezügen zur Kunst- und Filmgeschichte. Das Treppenhaus ist eine Hommage an M. C. Escher und wurde wie ein Labyrinth gebaut. Die riesenhaften Dimensionen der „Spielplätze“ reduzieren die Akteure auf die Größe von Kindern. Dem Drehbuchautor Hwang Dong-hyuk gelingt es, den globalen Kapitalismus auf ein simples Überlebensprinzip zu verdichten. Er schafft das mit dramatischen Zuspitzungen, wie sie in den letzten Jahren immer wieder aus dem südkoreanischen Film gekommen sind, so etwa im oscargekrönten Klassenkampfdrama „Parasite“: Kapitalismus erscheint als eine kalte, brutale und absurde Dystopie.

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„Squid Game“, der Titel der Serie, bezieht sich auf eine in Südkorea bekannte Spielplatzwette, bei der sich Kinder gegenseitig aus den auf den Boden gemalten Feldern verdrängen. Gewinnen kann am Ende nur einer. Mit dieser Erinnerung aus seiner eigenen Jugend hat Autor Hwang eine Metapher auf Südkoreas Konkurrenzgesellschaft formuliert. „Was ich zeigen will, ist die Idee, dass wir uns auch an die Verlierer erinnern sollten“, sagte Hwang in südkoreanischen Medien. „Die Gewinner unserer Gesellschaft stehen symbolisch auf den Körpern der Verlierer.“ So funktioniere der Wettbewerb.

Südkorea hat den Ruf eines einzigartigen Wirtschaftswunderlandes. 1953, als nach drei Jahren ein verheerender Stellvertreterkrieg zwischen Nord und Süd sowie den Supermächten Sowjetunion und USA beendet war, gehörten die beiden Koreas zu den ärmsten Ländern der Welt. Mit kluger Industrie- und Bildungspolitik, einer strengen Arbeitsmoral sowie einem starken Fokus auf Marktwirtschaft gelang es Südkorea dann, zu einem Industriestaat aufzusteigen. Der schnelle Weg zum Wohlstand für viele wird heute als „Wunder des Han-Flusses“ bezeichnet, benannt nach dem Fluss, der durch das Land und die Hauptstadt Seoul fließt.

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Doch dieses Wunder hat seine Strahlkraft verloren. Mehr als ein Viertel der Arbeitsbevölkerung ist heute prekär beschäftigt und kann keine Rücklagen bilden. Für einen der mittlerweile raren Vollzeitjobs in einem Großunternehmen müssen Familien Zehntausende Euro auf dem weitgehend privaten Bildungsmarkt investieren. Bei jungen Menschen unter 30 Jahren, die oftmals Kredite für ihre Ausbildung aufgenommen haben, ist die Verschuldung seit letztem Jahr inmitten schlechterer Zusatzverdienstmöglichkeiten um 21 Prozent gestiegen. Zudem sind in Seoul die Immobilienpreise über die Jahre stark gestiegen. Das Wohnen im Stadtzentrum wird zum Luxus. Ein Sozialsystem im westlichen Sinn gibt es nicht.

Das hat Folgen: Auf rund 1,5 Billionen Dollar belaufen sich die Schulden privater Haushalte – sie sind damit höher als die jährliche Wirtschaftsleistung des Landes. Es ist eine Situation, die auch den Gewerkschafter Han Sang-gyun an den Konflikt in „Squid Game“ erinnert. „Ich konnte keinen Moment wegsehen, weil die Realität so klar und brutal dargestellt wird.“ Auch im demokratischen Südkorea geht jeder ein Risiko ein, der sich gewerkschaftlich organisiert oder Protestaktionen initiiert. Schon kleine Regelüberschreitungen werden mit mehrjährigen Haftstrafen geahndet.

„Squid Game“-Schauspieler wurden zu Stars

Als Arbeiter beim Automobilkonzern Ssangyong wurde Han Sang-gyun selbst für zwei Jahre hinter Gitter gebracht, weil es bei Demonstrationen zu Ausschreitungen gekommen war. Als Vorsitzender der innerbetrieblichen Gewerkschaft hatte Han im Jahr 2009 gegen Massenentlassungen protestiert. Jahre später errangen er und seine Mitstreiter einen Teilerfolg. Einige Hundert Arbeiter konnten an ihre Arbeitsplätze zurückkehren. Allerdings waren da schon viele Existenzen ruiniert. Laut einer Untersuchung der Korea University hatten sich 26 Menschen das Leben genommen, weil sie keinen Ausweg mehr sahen.

Das südkoreanische Publikum versteht diese Bezüge. Und die Bild- und Zeichensprache von „Squid Game“ ist längst – völlig kommerzialisiert – in den Alltag eingedrungen. Die Ganzkörperanzüge der Bewacher werden als Kostüme an jeder Ecke angeboten, die fatalen Kekse, welche von den Spielern fehlerfrei ausgestochen werden müssen, ebenso. Hauptdarsteller Lee Jung-jae wurde durch die Rolle zum Star, ebenso das Model Jung Ho-yeon, die vorwiegend in New York arbeitete und sich mit einem Video für die Rolle bewarb. Eine weitere Neuentdeckung ist der indischstämmige Schauspieler Anupam Tripathi.

Ein Gewerkschafter hat Angst

Kann der Erfolg der Serie etwas an der Lage ändern? „Da bin ich skeptisch“, sagt Han Sang-gyun nach kurzem Überlegen. „Ich befürchte, dass davon ein Konsumprodukt bleibt, das bald wieder vergessen wird.“ Er selbst ist durch die Serie fast schon eine Ikone in Südkorea geworden, weil er als Vorbild für Seong Gi-hun, den Protagonisten, diente. Doch Hans Probleme sind real: Wegen der von ihm mitorganisierten Proteste gegen Massenentlassungen drohen ihm Strafzahlungen von rund 2,5 Millionen Euro. „Das zu erwirtschaften wird schwer“, sagt Han nüchtern. Ein Satz, der auch aus „Squid Game“ stammen könnte.