Das Stuttgart Cancer Center im Klinikum Stuttgart setzt im Bereich Komplementärmedizin bei Brustkrebs auf Oberflächenhyperthermie – eine Wärmetherapie, die Chemotherapie und Bestrahlung effektiv verstärkt.
Brustkrebs ist die häufigste Krebserkrankung bei Frauen. Trotz großer Fortschritte in der operativen, medikamentösen und strahlentherapeutischen Behandlung stellt der fortgeschrittene oder therapieresistente Brustkrebs in der Behandlung eine große Herausforderung dar. Eine ergänzende Methode rückt daher zunehmend in den Fokus der klinischen Onkologie: die Oberflächenhyperthermie. Durch die mittels spezieller Geräte gezielte Erhöhung der Temperatur im Tumorbereich an der äußeren Brustwand auf 39 Grad Celsius bis 43 Grad Celsius werden Krebszellen empfindlicher für die begleitende Chemo- und Strahlentherapie. In Kombination mit den etablierten Therapien zeigen sich vielversprechende Ergebnisse.
Ein Rezidiv bei Brustkrebs bleibt eine Herausforderung
Das lokale Wiederauftreten von Brustkrebs stellt insbesondere in Fällen von Nicht-Operabilität und bereits erfolgter Bestrahlung eine erhebliche therapeutische Herausforderung dar. Eine wirksame Tumorkontrolle durch erneute Bestrahlung ist in solchen Fällen mit Risiken verbunden – hinzu kommt das Patientinnen in fortgeschrittenen Stadien häufig auch nicht mehr ausreichend auf die Therapien ansprechen. Auch Patientinnen mit Vorerkrankungen oder in höherem Lebensalter kann eine aggressive Systemtherapie manchmal nicht zugemutet werden.
„Wenn Nebenwirkungen in keinem vertretbaren Verhältnis zum zu erwartenden therapeutischen Nutzen stehen, braucht es neue Ansätze – ebendiesen haben wir mit der Oberflächenhyperthermie bei dieser besonderen Patientengruppe gefunden“, erklärt die leitende Oberärztin des Zentrums für Integrative Tumormedizin im Klinikum Stuttgart, Dr. Julia Gottfried. Erste Studien belegen die Wirksamkeit der Oberflächenhyperthermie als Verstärker von Strahlen- und Chemotherapie.
Gezielte Überwärmung: Wie wirkt Oberflächenhyperthermie?
Tumorgewebe unterscheidet sich in seiner Struktur und Durchblutung von gesundem Gewebe. Diese Unterschiede werden bei der Hyperthermie gezielt ausgenutzt: Durch eine erhöhte Durchblutung bei Wärme wird die Sauerstoffversorgung der Krebszellen erhöht, was die Strahlenempfindlichkeit durch Bildung von Sauerstoffradikalen steigert. Weiterhin führt sie zu einer Behinderung der DNA-Reparaturmechanismen – ein entscheidender Faktor für die Effektivität der Bestrahlung. So bereitet die Hitze das betroffene Areal ideal auf die Folgebehandlung vor. Auch verstärkt die Hyperthermie durch die vermehrte Durchblutung des Tumors die Wirkung von gleichzeitig eingesetzten Chemotherapeutika.
Studien belegen außerdem, dass Tumorzellen bei moderater Hitze schlechter überleben, während gesundes Gewebe weitgehend geschont wird. Im Klinikum Stuttgart setzt man bei Hautbefall oder offenen Tumoren durch Brustkrebs auf die sogenannte Oberflächenhyperthermie mit wassergefiltertem Infrarot A – kurz wIRA. Das Besondere an der Methode: Das Infrarotlicht wird durch Wasser gefiltert, wodurch nur die für die Therapie optimale Wellenlänge auf den Körper trifft. So wird die Energie gleichmäßig und schonend an das betroffene Gewebe abgegeben. Das Gerät strahlt das gefilterte Infrarotlicht auf die Hautoberfläche ab, wo es die Temperatur in der Tiefe des Tumors auf etwa 39 Grad Celsius bis 43 Grad Celsius anhebt – vergleichbar mit einem sanften, therapeutischen Wärmereiz. Hierbei erfolgt eine genaue Eingrenzung des zu erwärmenden Gewebebereichs bei stetiger Temperaturkontrolle.
Kombinationstherapie: Schnell sein zählt
„Der zeitliche Abstand zwischen der Erwärmung des Gewebes und der Bestrahlung des Tumors sollte möglichst kurz sein. Dieses Vorgehen erlaubt, die Strahlendosis und somit die Belastung der Patientin massiv zu reduzieren“, erläutert Dr. Julia Gottfried.
Genau hierbei kommt die Stärke des Hauses zum Einsatz. Im Stuttgart Cancer Center – Tumorzentrum Eva Mayr-Stihl – vereint sich die gebündelte Krebskompetenz unter einem Dach. Nach der knapp einstündigen Erwärmung des Gewebes auf einer bequemen Liege geht es innerhalb von wenigen Minuten zum vorbereiteten Bestrahlungsgerät. Hierbei arbeiten die Fachbereiche Gynäkologie, Onkologie, Integrative Tumormedizin und Strahlentherapie Hand-in-Hand – dank fachlich-personeller Spezialisierungen sind auch kurzfristige und schnelle Abstimmungen kein Problem.
„Mit eine der größten Stärken unseres Hauses in der Behandlung von Brustkrebs ist unser fachübergreifendes Zusammenspiel“, sagt der Leiter des zertifizierten Brustzentrums, Dr. Jürgen Schuster. „Alle Disziplinen von Operation über Zytostatika, Strahlentherapie und ergänzende Therapien sind mit Experten und Expertinnen besetzt, die im engen Austausch stehen. Unser Ziel ist immer die individuell bestmögliche Therapie. Dies bei jedem Diagnosestand – von kurativ bis palliativ. Gerade bei letzterem ist es uns wichtig, allen Betroffenen mit auf den Weg zu geben: Es hat sich viel getan im Bereich Lebensqualität verbessern und Lebenszeit verlängern.“
Finanziert wurde die Anschaffung der Technik seitens der Eva Mayr-Stihl-Stiftung. Perspektivisch möchte das Stuttgart Cancer Center mit seinen 23 Organkrebszentren die Anwendung der Oberflächenhyperthermie und deren Kombinationsmöglichkeiten auf weitere wissenschaftlich belegte Einsatzgebiete ausweiten, wie etwa Kopf-Hals- und Hauttumore.
Info: Näheres zur Oberflächenhyperthermie und weiteren komplementärmedizinischen Angeboten sind auf der Website des Klinikums Stuttgart, Stuttgart Cancer Center – Tumorzentrum Eva Mayr-Stihl, nachzulesen.


