Mehr als 200 ehemalige Heimkinder der Brüdergemeinde Korntal haben schwere Vorwürfe gegen die Glaubensgemeinschaft erhoben. (Symbolfoto) Foto: dpa

Mehr als 200 ehemalige Heimkinder haben schwere Vorwürfe gegen die Brüdergemeinde Korntal erhoben. Zwischen 1949 und 1975 sollen sie sexuell missbraucht worden sein. Die Glaubensgemeinschaft hat die Landshuter Professorin Mechthilf Wolff mit der Aufarbeitung der Fälle beauftragt.

Stuttgart - Ehemalige Heimkinder und die evangelische Brüdergemeinde Korntal (Kreis Ludwigsburg) streiten um eine Aufarbeitung von Missbrauchsvorwürfen in zwei Kinderheimen. Träger ist die Diakonie der Brüdergemeinde. Nun hat die Gemeinschaft die Landshuter Professorin Mechthild Wolff als unabhängige Leiterin der Aufarbeitung benannt, wie die Gemeinde am Donnerstag mitteilte. Doch die Heimkinder und ihre Unterstützer fühlen sich ein weiteres Mal hintergangen - und bringen einen eigenen Kandidaten ins Gespräch.

Mittlerweile mehr als 200 ehemalige Heimkinder werfen der Brüdergemeinde vor, dass Mitglieder und Beschäftigte in den Kinderheimen sie zwischen 1959 und 1975 sexuell missbraucht, misshandelt und gedemütigt hätten. „Wir haben schon Anlass davon auszugehen, dass einiges davon zutrifft“, sagte der Sprecher der Brüdergemeinde, Manuel Liesenfeld. Es gebe nur eine Chance, dass die Brüdergemeinde ihre „Glaubwürdigkeit“ wiedererlange, wenn einen unabhängige Stelle gemeinsam mit den Heimkindern an der Aufarbeitung beteiligt würde. Das ehemalige Heimkind Detlev Zander hat die Einrichtung bereits auf 1,1 Millionen Euro Schadensersatz verklagt.

„Wir sehen das schon positiv, dass sie was tun wollen“, sagte eine Sprecherin der Interessensgemeinschaft Heimkinder, Martina Poferl, zu der Ankündigung. „Aber sie haben es wieder so gemacht, dass sie nicht mit uns gesprochen haben.“ Demnach sei vereinbart gewesen, dass beide Seiten sich auf einen Mediator für gemeinsame Gespräche einigten. Einige Heimkinder sehen zudem kritisch, dass Wolff offenbar Verbindungen zur Diakonie hat. Die Professorin ist unter anderem Mitglied des Fachbeirates beim Unabhängigen Beauftragten der Bundesregierung zu Fragen des sexuellen Missbrauchs.

Nach Angaben eines Sprechers der Opferhilfe Korntal, Ulrich Scheuffele, hätten sich die Brüder mit der Opferhilfe zudem darauf verständigt, im Januar mit dem hannoverschen Kriminologen und ehemaligen niedersächischen Justizminister, Christian Pfeiffer, als möglichen Mediator zu sprechen. Das Vorgehen der Brüder sei „unverschämt“, sagte Scheuffele.

Betroffene fordern persönlichen Austausch

Seit Monaten fordert die Interessensgemeinschaft Heimkinder einen persönlichen Austausch mit den heutigen Verantwortlichen, aber auch eine Aufarbeitung der Geschichte durch eine unabhängige Stelle. Die Brüdergemeinde hat Gespräche angeboten, allerdings kam es bisher nicht zu einem Treffen. „Mir geht es darum, dass die Brüdergemeinde uns ein Sühneangebot macht und sich wahrhaftig entschuldigt“, sagte Detlev Zander. Das Sühneangebot könne ein Fonds sein mit 10.000 Euro Schadensersatz pro Betroffenem.

Zander hat Klage eingereicht und fordert 1,1 Millionen Euro Schadensersatz, weil er nach eigener Aussage von einem Mitglied der Brüdergemeinde und einen Lehrer sexuell missbraucht wurde. Darüber hinaus sollen ihn Erzieherinnen misshandelt und gedemütigt haben. Aktuell entscheidet das Oberlandesgericht darüber, ob Zander Prozesskostenhilfe in Anspruch nehmen kann. Dabei geht es vor allem um die Frage der Verjährung der Taten.

Für den Vorsitzenden des Deutschen Instituts für Jugendhilfe und Familienrecht in Heidelberg, Thomas Mörsberger, ist der Missbrauch in kirchlichen Einrichtungen besonders perfide: „Gerade bei den streng religiösen ist eine Aufarbeitung erforderlich, wenn die Grundprinzipien der zehn Gebote missachtet worden sind.“ Mit der Empörung und der Enttäuschung der Menschen müssten die Einrichtungen umgehen. Mörsberger betonte allerdings, dass es grundsätzlich bei dem Thema keinen Schwerpunkt auf kirchlichen Einrichtungen gebe.

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