Das Landgericht Stuttgart beschäftigt sich mit einem dunkleren Teil des Internets. Foto: dpa

Ein Brüderpaar steht vor dem Stuttgarter Landgericht, die Staatsanwaltschaft wirft ihm Computerbetrug und Geldwäsche im Internet in mehr als 150 Fällen vor. Der Schaden geht in die Hundertausende. Der Prozess ist bis in den März terminiert.

Backnang - Die Staatsanwältin benötigt rund anderthalb Stunden, um die umfangreiche Anklage zu verlesen. Dabei hagelt es Fachausdrücke aus dem Internet und speziell aus dessen dunklerem Teil. Zwei Brüder, Mitte zwanzig aus Backnang, sind angeklagt, in dieser virtuellen Szenerie von 2013 bis in das Frühjahr 2017 mit allerhand perfiden Tricks und Kniffs leichtsinnige Internetnutzer um ihr Geld gebracht zu haben.

Um die Spur der Beute zu verschleiern, sollen sie die ergaunerten Beträge über Konten realer wie erfundener Personen im In- und Ausland gewaschen haben. Dabei soll der eine Bruder, der in Untersuchungshaft sitzt, die Hauptrolle gespielt haben. Sein Bruder soll 89 000 Euro an Provisionen von ihm erhalten haben, weil er bei der Geldwäsche geholfen habe.

Mit Phishing Mails auf Konten zugegriffen

Rund 375 000 Euro soll der Hauptangeklagte über die vier Jahre gewaschen haben. Der angerichtete Schaden ist jedoch weit größer, da bei verschiedenen Transaktionen immer wieder Provisionen anfielen. Wie in der „analogen“ Hehlerei bringt im Internet der Täter die Beute zu jemandem, der gegen Beteiligung hilft, sie in bare – oder hier virtuelle – Münze zu verwandeln. Das ganze spielte sich laut der Anklage in Economy-Foren im Internet ab mit Bezeichnungen wie Cryo-Network oder Cryo-Net. Hier kaufen und verkaufen verschiedene Akteure alles möglich, was legal nicht angeboten werden kann: von geknackten Kreditkartendaten über Geheimnummern für Online- oder Telefonbanking bis zu kompletten Sätzen von Personendaten.

Per Phishing Mails werden solche Daten von arglosen Internet-Usern abgeschöpft. In der Anklage sind einige Fälle aufgelistet, die zeigen, wie einfach es manche Menschen den Gaunern machen. Sobald sie auf die Mails antworteten, wurden zudem Trojaner auf ihren PCs installiert, mit denen auf Online-Banking-Programme zugegriffen werden konnte. In einem Fall wurde so das Limit einer Überweisung von 5000 Euro auf 50 000 Euro erhöht.

54 Waschmaschinen aus heißer Luft

Die Anklage gliedert sich in drei Teile: Zuerst sollen Waren im Internet unter falscher Identität gekauft worden sein, ohne diese zu bezahlen. Über Mittelsmänner und sogenannte Läufer wurden sie an Adressen in Berlin geordert und von dort abgeholt. Die Mittelsmänner sollen mit einem Teil der Beute belohnt worden sein.

Im zweiten Teil der Taten soll der 27-Jährige selbst Waren im Internet angeboten haben. Zwei „Fake-Shops“ habe er dazu eingerichtet, in denen er unterschiedlichste Waren anboten habe, die allerdings nicht existierten. So orderten in einem Monat 54 Kunden Waschmaschinen. Das Geld, das die Kunden überwiesen, war weg.

Abiturzeugnis um eine Note „verbessert“

Der dritte Teil der Anklage drehte sich um das komplexe System der Geldwäsche, das der verhinderte BWL-Student benutzt haben soll. Erbeutetes Geld soll er über verschiedene Konten im Ausland geleitet haben. Dazu wurden entweder Konten unter einer falschen Identität eröffnet oder von realen Personen „gemietet“. Über die Bankkonten wurde das analoge Geld auch in die Cyber-Währung Bitcoin gewechselt und wieder in Euro ausbezahlt. Zu guter Letzt soll der 27-Jährige seinen Schulabschlusszeugnis frisiert haben, um in Heilbronn Betriebswirtschaft studieren zu können. Aus einem Notenschnitt von 3,0 wurde einer von 2,0.

Die 19. Strafkammer hat Prozesstage bis in den März geplant. Bisher wurde lediglich die Anklage verlesen.

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