Brückenabbruch in Backnang 66 Tonnen Stahl hängen am Haken

Von Phillip Weingand 

Da schwebt sie hin: Ein Spezialkran entfernt die über die B14 führende Eisenbahnbrücke. Foto: Gottfried Stoppel
Da schwebt sie hin: Ein Spezialkran entfernt die über die B14 führende Eisenbahnbrücke. Foto: Gottfried Stoppel

Die bei einem Unfall beschädigte Brücke ist weg – doch die S-Bahn fährt frühestens Ende Januar wieder. Auch die B 14 muss wieder gesperrt werden.

Backnang - Ganz langsam hebt sich der Koloss in die Luft, Zentimeter um Zentimeter. 66 Tonnen Stahl hängen jetzt am Kran – und doch reichen vier Mann aus, um die stählerne Backnanger Eisenbahnbrücke mit Seilen in die richtige Richtung zu bugsieren. Zumindest, wenn man von dem Monstrum von Kran absieht, das auf der B  14 aufgebaut ist: Das selbstfahrende Baufahrzeug ist von drei Schwerlasttransportern nach Backnang begleitet worden, welche die Zusatzgewichte transportierten. Der Kran vom Typ Terex AC-500 kann eine Last von bis zu 500 Tonnen heben. Ein Spezialgerät wie dieses kommt überall dort zum Einsatz, wo herkömmliche Modelle passen müssten, da die Last für sie zu schwer ist, oder sie wegen der zu überbrückenden Strecke kippen würden.

Nur wenige Minuten hängt die Brücke, die bei einem Unfall beschädigt worden war, in der Luft. Dann setzt der Kran sie geradezu behutsam ab, auf eine freie Fläche oberhalb der Bundesstraße. Dort soll sie demontiert werden. Doch die Kürze der Aktion täuscht: Der Aufwand, die Brücke abzubauen, ist enorm: Seit einigen Tagen liefen schon Vorarbeiten wie das Entfernen der Oberleitung und das Abtragen des Schotters. Am Freitagabend, gegen 22 Uhr, wurde dann die B 14, eine der beiden Hauptverkehrsadern des Rems-Murr-Kreises, gesperrt. Denn um an die Brücke heranzukommen, müssen die Betonleitwände in der Mitte der Bundesstraße entfernt werden. Ein Gerüst mit Hydraulikpressen sorgte dann dafür, dass sich die Brücke etwas anhob. Auch ein Kabel, das neben der Brücke entlang der Schienen verläuft, musste mit einem zusätzlichen Stahlträger gesichert werden.

Ein Unfall mit weit reichenden Folgen

Mit einem gewaltigen Krach hatte am Nachmittag des 12. September alles angefangen: Der Arm eines Baggers, der auf einem Sattelschlepper über die B 14 transportiert wurde, war laut Polizeiangaben nicht weit genug eingeklappt. Er blieb aus voller Fahrt an der Eisenbahnbrücke hängen. Der Fahrer des Lastwagens blieb unverletzt, doch der Schaden und die Auswirkungen waren beträchtlich – nicht nur an den Fahrzeugen, sondern auch an der Brücke. Die Polizei schätzte den Schaden auf rund zwei Millionen Euro. Nach kurzer Zeit kam ein Gutachten der Bahn zu dem Schluss, dass das Bauwerk abgerissen werden muss – was nun geschehen ist.

Als Folge des Unglücks fahren seitdem keine S-Bahnen der Linie S 4 mehr zwischen Backnang und Burgstall. Wer zum Beispiel von der Murrmetropole nach Stuttgart fahren will, muss die S 3 nehmen, die auf einer anderen Strecke unterwegs ist. In die andere Richtung, nach Burgstall, fährt nur noch der Bus – einen eigene Ersatzlinie gibt es zwar nicht, aber die Buslinie 455 wurde erweitert. Diese wird indes auch von vielen Schülern genutzt. Zudem sind nicht nur Pendler von der Brückensperrung betroffen: Auch Erde und Geröll, die bei den Bauarbeiten des Bahnprojekts Stuttgart 21 anfallen, waren bislang auf der Strecke Marbach-Backnang abtransportiert worden und müssen nun einen Umweg nehmen.

Bahnsprecher: Pläne für den B-14-Ausbau abwarten

Wann genau die S 4 wieder fährt wie vor dem Unglück, steht noch nicht fest. Klar ist dagegen: Weitere Sperrungen der B 14 sind unvermeidlich. Wohl von Mitte Dezember bis Weihnachten wird die Bahn Betonierarbeiten ausführen lassen und die Bundesstraße dicht machen. Die Bauarbeiten dienen als Vorbereitung für ein Provisorium: Zunächst wird die Bahn eine Behelfsbrücke einsetzen. „Aktuell ist die Wiederinbetriebnahme des Eisenbahnbetriebs frühestens Ende Januar 2017 vorgesehen, dieser Termin ist aber noch nicht abschließend gesichert“, heißt es in einer Stellungnahme, die unserer Zeitung vorliegt. Sie ist die Antwort der DB Netz AG auf eine Anfrage, welche die FDP im Verband Region Stuttgart (VRS) gestellt hat. Wenn es so weit ist, kann der Bahnverkehr wieder aufgenommen werden – zunächst. Wie der Name „Hilfsbrücke“ sagt, handelt es sich um eine Übergangslösung: Wenn die richtige Ersatzbrücke eingesetzt wird, muss die B 14 wieder ein Wochenende gesperrt werden.

Die Liberalen im VRS wollten daher auch wissen, ob eine Lösung wie die besagte Hilfsbrücke, die irgendwann wieder abgebaut werden muss, überhaupt Sinn ergibt. Aus Sicht der Bahn ist das jedenfalls so. Ein Bahnsprecher verweist auf Nachfrage auf den geplanten Ausbau der B 14 bei Backnang. Die Brücke befindet sich im zweiten Bauabschnitt des Vorhabens. „Es würde wenig Sinn machen, eine dauerhafte Brücke zu bauen, wenn noch nicht bekannt ist, wie genau die Bundesstraße hinterher aussehen soll“, sagt er. Die Hilfsbrücke stünde aber in Sachen Belastbarkeit normalen Brücken in nichts nach.

Lesen Sie jetzt