Und was kommt jetzt? „Ich widme mich neuen Herausforderungen“, sagt Brigitte Kunath-Scheffold. Foto: Judith A. Sägesser

Manche nennen sie hinter vorgehaltener Hand Königin. Und tatsächlich: Selbst bei ihrer Abschiedsfeier war Brigitte Kunath-Scheffold nicht nur die Hauptdarstellerin, sondern gleichzeitig die Regisseurin. Jetzt muss sich die Bezirksvorsteherin von Stuttgart-Degerloch im Loslassen üben.

Degerloch - Die fünf gepolsterten Stühle haben im Flur nichts zu suchen. Im Vorbeigehen hat Brigitte Kunath-Scheffold die Sitzmöbel entdeckt und ruft nun nach oben durchs Treppenhaus, wo sie den Hausmeister vermutet: „Die fünf Stühle mit Polster gehören in den Sitzungssaal.“ Ihren Argusaugen, wie sie sagt, entgeht nichts. Alles hat seinen Platz und seine Ordnung in ihrem Bezirksrathaus, das so etwas wir ihr zweites Zuhause ist. Seit fast 20 Jahren. Doch die Tage sind gezählt. Am 30. Dezember ist ihr letzter Arbeitstag, dann verabschiedet sich Brigitte Kunath-Scheffold in den Ruhestand.

Enormer Andrang bei Abschiedsfest

Genau genommen ist sie schon seit Mitte Dezember im Urlaub, aber genau genommen hat sie das noch nie. „Das heißt, dass ich früher komme und früher gehe“, sagt sie und grinst. Den offiziellen Abschied hat sie da schon hinter sich, aber der schwerste Teil steht ihr noch bevor: dass sie das letzte Mal von ihrem Stuhl oben im zweiten Stock des Bezirksrathauses aufsteht, ihre Siebensachen nimmt – und geht. Das können sich die meisten nicht vorstellen, sie selbst eingeschlossen. Degerloch ohne Brigitte Kunath-Scheffold oder Brigitte Kunath-Scheffold ohne Degerloch, beides schwer zu fassen.

Wenige Tage nach ihrem Abschiedsfest, das wegen des enormen Andrangs kurzfristig in die benachbarte Michaelskirche verlegt werden musste, sitzt sie mit gemischten Gefühlen in ihrem Büro. Sie hat längst begonnen, die Dinge zu ordnen. Es sind komische Zeiten, das kann sie nicht kaschieren. Im einen Moment wirkt sie gefasst und aufgeräumt, im nächsten wird sie leise, ihre Augen werden feucht, ihre Stimme bricht. Es ist nicht leicht, loszulassen. „Das ist gerade mein Thema“, sagt sie. „Was mich wirklich freuen würde: Wenn ich ein paar Spuren hinterlassen habe in Degerloch, dazu sind wir Menschen doch da.“

Manche nennen sie Königin von Degerloch

Dass ihr das gelungen ist, hat jeder gespürt, der bei ihrem Abschied in der Kirche saß oder stand. In zwei Stunden ging es im Schnelldurchlauf durch 20 Jahre Bezirksgeschichte, an der Brigitte Kunath-Scheffold mitgegestaltet hat. Gestalten ist eh ihr Ding. Deshalb verwunderte es sicher auch keinen, dass sie sogar ihre Abschlussveranstaltung in die Hand genommen hat. Sie hat alles geplant, die Rede- und Musikbeiträge ausgewählt. „Es sollte alles passen.“ Wie gut sie darin ist, hat sie bei der Großveranstaltung zum letzten Mal bewiesen. Eine Veranstaltung, bei der sie Regisseurin und Hauptdarstellerin in einem war.

Brigitte Kunath-Scheffold stammt aus dem oberschwäbischen Laupheim. In Stuttgart ist sie hängen geblieben. Zunächst hat sie in verschiedenen Ämtern der Stadtverwaltung gearbeitet, dann nebenher studiert und sich schließlich um den Posten als Bezirksvorsteherin beworben. Geworden ist sie viel mehr, manche nennen sie hinter vorgehaltener Hand auch Königin von Degerloch. Wenn sie das wüsste, würde sie wohl kokettieren, ja abwinken. Schmeicheln würde es ihr allemal.

Abends am Esstisch im Sitzen eingenickt

Dabei hatte sie es nicht leicht. „Ich musste immer diszipliniert sein“, erzählt sie. Als alleinerziehende Mutter von zwei Kindern sei es eine Herausforderung gewesen, alles unter einen Hut zu bekommen, aber sie wollte mehr sein als eine Sachbearbeiterin. „Ich habe bestimmte Fähigkeiten im Leben geschenkt bekommen, daraus muss man doch was machen.“ Es ist eine Festellung, keine Frage. Aber es gab Abende, an denen ist sie am Esstisch im Sitzen eingenickt.

Heute ist Brigitte Kunath-Scheffold 66 Jahre alt, sie könnte also schon im Ruhestand sein. „Ich hatte noch die Kraft, weiterzumachen.“ Auch eine verschleppte Lungenentzündung, die sie vor knapp drei Jahren lange ausgeschaltet hatte, hat nichts daran geändert. Sie ist ein Stehaufmännchen. Und sie hat mit dem Gedanken gespielt, noch länger zu bleiben. Doch Anfang dieses Jahres hat sie sich schließlich anders entschieden, sie hat geahnt, dass der perfekte Zeitpunkt vermutlich niemals kommen würde. Also macht sie jetzt, was sie am besten kann: selbst entscheiden, wann es so weit ist.

Was sie nun tut, verrät sie nicht

Und was kommt jetzt? „Ich widme mich neuen Herausforderungen“, sagt sie. Arg viel mehr ist zurzeit nicht aus ihr herauszubekommen. Es gebe verschiedene Optionen, die Dinge seien noch nicht abschließend geklärt, sagt sie lediglich. Die ersten Wochen im Jahr 2020 will sich Brigitte Kunath-Scheffold Zeit nehmen, das ist etwas, was sie so nicht wirklich kennt. Vielleicht geht sie für ein paar Wochen ins Kloster, vielleicht auch nicht.

Nun will allerdings erst einmal das Alte zu Ende gebracht werden. Sie muss ihr Rathaus hinter sich lassen. Weil ihr Dienstherr weiß, wie schwer sie sich damit tut, das alles aufzugeben, hat ihr die Stadt ein besonderes Geschenk gemacht: Sie darf sich ein Möbelstück aus ihrem Büro aussuchen. Die Entscheidung ist ihr leicht gefallen: Sie nimmt ihren Schreibtisch mit. Was sie daran in Zukunft austüfteln wird? Fakt ist, Degerloch wird ihr so immer in Erinnerung bleiben.

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