Brigitte Dahlbender Foto: Piechowski

Brigitte Dahlbender kämpft gegen Stuttgart 21 - und war zu Gast in der StN-Redaktion.

Stuttgart - Im Kampf gegen den Tiefbahnhof für Stuttgart ist der Umweltverband BUND die Speerspitze. Sollte die Volksabstimmung aber eine Mehrheit für S21 bringen, werde der BUND dies akzeptieren, sagt die Vorsitzende Brigitte Dahlbender. Doch noch ist nicht Herbst. Noch kämpft Dahlbender.

Wieder so ein hektischer Tag für Brigitte Dahlbender. Die Polizei habe am Morgen Büroräume der "Parkschützer"- Initiative durchsucht und Unterlagen sichergestellt, heißt es am Donnerstag in den Medien. Da ist die Landesvorsitzende des Bundes für Umwelt und Naturschutz (BUND) gerade mit der Bahn aus Ulm gekommen, um sich von unserer Zeitung für das Aktionsbündnis gegen Stuttgart21 befragen zu lassen. Danach will sie an einem weiteren Vorgespräch teilnehmen, mit dem der S-21-Schlichter Heiner Geißler (CDU) einen umstrittenen Termin zu retten versucht: den 14. Juli - den Tag, an dem der Stresstest für den geplanten Tiefbahnhof präsentiert werden soll.

Dahlbender: korrekt, freundlich, verbindlich

So ist also wieder einmal für jede Menge Stress gesorgt. Dahlbender bleibt aber Dahlbender: korrekt, freundlich, verbindlich, vielleicht ein bisschen unterkühlt, auf jeden Fall unaufgeregt und sachlich.

Sie habe noch zu wenig Informationen, um zu der Durchsuchung Stellung nehmen zu können, sagt die 56-Jährige aus Ulm. Sie vermeidet es, die aktive Truppe der im Aktionsbündnis organisierten "Parkschützer" zu kritisieren. Dabei bedurfte es vor rund einer Woche schon heftigen Einsatzes vom BUND und von den Grünen, um sie zur Distanzierung von den Ausschreitungen am 20.Juni zu bewegen. Immerhin: Ihr Sprecher Matthias von Herrmann fraß Kreide und rief seine verniedlichende Äußerung zurück, bei der Bahnhofsbaustelle habe "gelöste Feierabendstimmung" geherrscht.

"Ich stehe für absolute Friedfertigkeit beim Protest - und für zivilen Ungehorsam im Rahmen von Demonstrationen", sagt Dahlbender, die Sprecherin des Aktionsbündnisses, beim Redaktionsgespräch. Friedfertigkeit erkennt sie freilich auch bei der ganz großen Masse der Projektgegner.

"Geißler ist nicht neutral"

Im Streit um die Bahnhofspläne und das weitere Stresstest-Verfahren erweist sich Dahlbender aber auch als ausgesprochen streitbar. Nicht einmal das politische Urgestein Heiner Geißler ist da tabu. "Neutral ist er nicht", sagt sie über ihn. Als Schlichter würde sie ihn "so nicht mehr akzeptieren wollen". Doch die S-21-Schlichtung - die war einmal. Bei der Präsentation des Stresstests gehe es nicht um "Schlichtung II". Hier sei Geißler Moderator. In dieser Funktion akzeptiere sie ihn, sagt Dahlbender.

Ihre Abgrenzung ist eine Folge des jüngsten Auftritts von Geißler in Tübingen. Danach wurde der Schlichter mit den Worten zitiert: "Der Bahnhof wird sowieso gebaut, das sage ich nur ganz nebenbei." Wenig später relativierte Geißler dies als "persönliche Einschätzung aufgrund des jetzigen Diskussionsstands". Das könne sich auch ändern und hänge vom Ausgang des Stresstests und von den möglicherweise noch ausstehenden Finanzierungsproblemen ab. Prompt meldeten die Medien, nach Geißlers Einschätzung könne S21 doch noch scheitern. Mit der nachgeschobenen Erklärung, hält Dahlbender ihm vor, habe er seine bedenkliche Einschätzung freilich erneuert und die Sache verschlimmert.

Gegner wollen sich besser vorbereiten

Geißlers Chancen, das Aktionsbündnis doch noch für die Stresstest-Präsentation am 14.Juli zu gewinnen, wurden dadurch nicht besser. Gut waren sie schon vorher nicht. Denn Dahlbender und das Bündnis wollen nicht für eine Showveranstaltung zur Verfügung stehen, wenn diese nur der Kosmetik von S21 diene. Und in diese Richtung seien die Weichen gestellt.

Am 11. Juli sollen die Beteiligten das Testat der Schweizer Firma sma für den Stresstest unter der Regie der DB Netz AG erhalten. Zwei Tage bis zur Stresstest-Präsentation würden nicht einmal zu einem qualifizierten Lesen reichen, schon gar nicht zu einer gewissenhaften Prüfung, lautet Dahlbenders Maxime. Sie fordert mehr Zeit. Das Ansinnen, dass die Projektgegner sich bei der Schlichtung zur Anerkennung dieses Verfahrens und des Testats verpflichtet hätten, weist Dahlbender zurück. Vereinbart sei, dass die Firma sma prüfe, "aber nicht, dass ihr Ergebnis kritik- und diskussionslos zu akzeptieren ist". Sie wisse nicht, ob sie das Testat überhaupt je akzeptieren werde, "denn ich kenne es ja noch nicht". Wenn das Bündnis sich bei der Präsentation vor einem "Millionenpublikum" an den Bildschirmen damit auseinandersetzen solle, werde man das nicht ohne die nötige Vorbereitung tun.

Die Unterlagen, die die Bahn dem Bündnis am 30.Juni übermittelte, reichen den Projektgegnern nicht aus. Da handle es sich um eine Ansammlung von Schaubildern. Über die Prämissen und den Fahrplan, von denen die Bahn bei ihrem Stresstest ausging, wisse man nichts, doch davon hänge das Ergebnis ab.

Wanken gibt es bei ihr nicht

Die Basisdaten habe man auch von den Experten nicht zugespielt bekommen, die heute im Verkehrsministerium unter dem Grünen-Minister Winfried Hermann tätig sind - und im Herbst 2010 noch als Experten auf der Seite der Projektgegner um Brigitte Dahlbender an der Schlichtung mitwirkten.

Nein, als Verzögerer und Kaputtmacher, die die Zeit für sich arbeiten lassen, wollen sich Dahlbender und ihre Mitstreiter nicht vorführen lassen. Ein Wanken gibt es bei ihr nicht. Zumindest noch nicht. Das Tiefbahnhof-Konzept sei nicht mehr modern, sagt sie. Es stamme aus einem anderen Jahrhundert. Die Chancen habe die Bahn schöngerechnet, die Risiken aus der Kalkulation rausgerechnet. Die Technik von Tunnelbohrungen sei noch nicht geklärt. Die Bahn-Pläne für eine mehr als verdoppelte Entnahme von Grundwasser bei der Bahnhofsbaustelle müssten noch auf ihre Folgen untersucht werden. Für den Flughafenbahnhof fehle es an der Genehmigung. All dies gebe zum Zweifeln Anlass, dass die Bahn wirklich schon am 15. Juli Tunnelbauaufträge und weitere Arbeiten an der Strecke Wendlingen-Ulm vergeben müsse.

Stocker ging, Dahlbender kam

Das sind Muskelspiele einer Frau, die in der S-21-Schlichtung plötzlich auf eine neue Bühne gestellt worden war. In Geißlers experimenteller Sach- und Fachschlichtung unter den Augen eines großen Fernsehpublikums gehörte sie der Delegation der Projektgegner an. Sie gab das Zeichen für die Einsätze ihrer Experten. Im Juni dieses Jahres hieß es dann im Aktionsbündnis, sie müsse die Chefin werden. Das war, als der Protest-Veteran Gangolf Stocker sich zurückzog und die in die Landesregierung aufgestiegenen Grünen ihre Politiker im Aktionsbündnis ins Glied zurückbeordert hatten. Dahlbender schien am besten geeignet. Sie pflegt eine klare Sprache, tritt verbindlich und vertrauensbildend auf, kann aber auch auf die Pauke hauen, wenn es nötig erscheint. "Und wenn sie sich mal vergaloppiert, fällt ihr kein Zacken aus der Krone, das einzugestehen", sagen Weggefährten.

Außerdem fällt dem BUND nach dem Stresstest eine noch wichtigere Rolle zu. Mit seinem organisatorischen Apparat soll der landesweit tätige Verband bis zur Volksabstimmung für die Ablehnung von S21 werben - und den Grünen einen Wahlkampf kurz nach Regierungsantritt ersparen.

Ihre Aufgabe hat Dahlbender voll angenommen. Sie gehe nicht flüchten, wenn es schwieriger werde, sondern versuche die Dinge hinzukriegen, lässt sie sich an Stresstagen wie dem Donnerstag vernehmen. Aber auch sie muss sich fragen, was passieren soll, wenn eine Volksabstimmung eine Mehrheit im Land für den Tiefbahnhof ergeben sollte. Der BUND und sie als Landesvorsitzende würden das Ergebnis sicherlich akzeptieren, sagt sie. Und falls eine Mehrheit gegen das Projekt wäre, das Quorum aber verfehlt würde? Dann, sagt sie, dürften die Projektbetreiber es schwerhaben weiterzumachen wie bisher. "Dann wird über das Schicksal von S21 politisch entschieden."

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