Die Brezel ist das Wahrzeichen des Bäcker. Die Grünen machen daraus ein Wahlzeichen – als hätten sie das schwäbische Nationalgebäck für sich gepachtet. Eine Glosse von Jan Sellner.
Seit dem Wahlerfolg Cem Özdemirs ist einiges anders geworden in Baden-Württemberg. Ging man samstagmorgens bisher ganz selbstverständlich zum Bäcker, steht manch einer jetzt vor der Frage: Holen wir die Brezeln dort oder gehen wir zum Tätowierer? Das hat mit Özdemirs Wahlhelfern zu tun, die sich aus Begeisterung über dessen Erfolg auf der Wahlparty am Sonntag von einem Tattoo-Künstler haben aufbrezeln lassen. Auf ihren Armen prangt jetzt das schwäbische Nationalgebäck. Warum eine Brezel? Weil Özdemir seit seiner Kindheit Brezelfan ist, wie er sagt. Doch wer ist das nicht?
Allerdings kommt nicht jeder Brezelfan aus Bad Urach, wo der Legende nach die Brezel erfunden wurde. Und nicht jeder Brezelliebhaber war mal Bundeslandwirtschaftsminister. Als solcher unterstützte Özdemir 2022 einen Vorstoß der Bäckerinnung, das Brezelbacken in den Rang eines immateriellen Kulturerbes zu erheben. Davon hat man seitdem nichts mehr gehört. Dafür hat das Team Özdemir die Brezel erfolgreich in den Rang eines Wahl-Gimmicks erhoben.
Brezel als Tattoo am Wahlabend der Grünen
Was die Bäcker von der Sache halten, ist nicht bekannt. Im Mittelalter war der symmetrisch verschlungene Teigstrang ihr Zunftzeichen. Jetzt wird dieses Wahrzeichen als Wahlzeichen verwendet. Das schmeckt verständlicherweise nicht jedem. Als Brezel-Konsumenten müssen wir auf Neutralität des in Natronlauge getauchten Gebäcks bestehen! Die Laugenbrezel, liebe Brezelstecher, gehört uns allen! Und auch das sei gesagt: Mit Brezeln allein ist es in der Politik nicht getan: „Do miassad Bäggr komma ond koine Brezla!“, lautet eine landestypische Weisheit. Übersetzt: „Da müssen Bäcker ran und keine Brezeln!“ Ob die Wahlsieger das gebacken kriegen, wird sich zeigen.
Özdemir selbst zögerte übrigens mit einem Brezel-Tattoo. Das liegt an seinen grundsätzlichen Vorbehalten gegen diese Form des Körperschmucks. „Auf einen Ferrari macht man auch keine Aufkleber“, sagte er einmal über Tattoos. Vermutlich gilt das nicht nur für italienische Boliden, sondern auch für den Dienst-Mercedes, in dem er demnächst als Minischterpräsident durchs Autoland brezeln dürfte.
Sollte Özdemir sich am Ende doch noch für einen Brezel-Bebber entscheiden, darf man darin mit Fug und Recht die Bekräftigung seines Wahlversprechens sehen: das Land voranbringen, die Wirtschaft unterstützen, die Bürokratie abbauen. Das muss jetzt nämlich gehen wie’s Brezelbacken!