Container-Hafen Southampton: Die Zustände an britischen Häfen seien chaotisch, warnen Handelsverbände. Foto: dpa/Andrew Matthews

Harter Brexit oder ein Abkommen – die Unternehmen im Südwesten haben sich auf beide Szenarien eingestellt, zeigt eine Umfrage unserer Zeitung. Wenn Zölle kommen, erwartet allein Bosch Mehrkosten in mittlerer zweistelliger Millionenhöhe.

Stuttgart - Noch ist nicht klar, was am Ende der Verhandlungen zwischen Großbritannien und der EU steht. „Wir sehnen endlich Klarheit herbei“, sagt Dietrich Birk, Geschäftsführer des Maschinenbauverbands VDMA in Baden-Württemberg. Im schlechtesten Fall liefe der Handel dann wie mit einem Drittland. Die Unternehmen hätten sich auf eine deutlich aufwendigere Abwicklung bei Zollvorschriften und Warenverkehr eingestellt und sich teils auch personell verstärkt.

 

Nicht nur für den Maschinenbau ist Großbritannien ein wichtiger Markt. 2019 wurden aus Baden-Württemberg Waren im Wert von mehr als zehn Milliarden Euro nach Großbritannien exportiert – darunter Maschinen im Wert von 1,8 Milliarden Euro. Im ersten Halbjahr gab es aber einen deutlichen Einbruch – allein bei Maschinen um 26 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. „Damit ist Großbritannien von Platz fünf auf Platz 8 der Einzelexportmärkte des baden-württembergischen Maschinenbaus abgerutscht“, sagt Birk. Natürlich spiele hier die Corona-Pandemie eine Rolle. Einflussfaktoren seien jedoch genauso das schwache Pfund und die Unsicherheit in Bezug auf die künftigen Handelsbeziehungen, die zu weniger Investitionen geführt hätten. Einige wichtige Investoren kehrten Großbritannien den Rücken und verlagerten ihre Produktion aufs Festland – etwa japanische Autohersteller, die in Richtung Osteuropa unterwegs seien.

Potenzial bei Elektromobilität

An Rückzug denken baden-württembergische Unternehmen nicht, rechnen aber mit höheren Kosten, wie eine Umfrage unserer Zeitung zeigt. „Dass es noch immer keine Einigung zwischen Brüssel und London gibt, ist für unsere Unternehmen äußerst schmerzlich“, sagt Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU). Sie sieht viele Felder für künftige Kooperationen in Schlüsselbereichen. Die angekündigte britische Wende hin zur Elektromobilität biete ein großes Potenzial für eine Zusammenarbeit mit Zulieferern im Maschinenbau und dem Fahrzeugbau im Südwesten. Anknüpfungspunkte sieht sie auch in der Gesundheitswirtschaft.

Sollte kein Handelsabkommen gelingen, rechnet Bosch durch die Wiedereinführung von Zöllen mit Mehrkosten von einem mittleren zweistelligen Millionen-Betrag jährlich. Eine interne Taskforce beschäftige sich seit Monaten mit den möglichen Folgen des Brexit auf unterschiedlichste Themenbereiche wie Zölle, Recht, Finanzen oder Personal. „Ziel ist es, unser Geschäft wie auch unsere Wettbewerbsfähigkeit bestmöglich abzusichern“, so eine Bosch-Sprecherin.

Bosch ist schon seit 1889 in Großbritannien aktiv und erzielte dort 2019 mit rund 5000 Mitarbeitern 3,7 Milliarden Euro Umsatz. Der Konzern fertigt vor allem für den lokalen Markt, beispielsweise Thermotechnik am Standort Worecester.

Auch für den Motorsägenhersteller Stihl ist Großbritannien ein wichtiger Markt – gemessen am Umsatz gehört er zu den Top 10 Märkten von Stihl. Mittel- und langfristig sieht das Waiblinger Unternehmen dort weiteres Potenzial und hat auch mehrere Millionen in den Ausbau der britischen Vertriebstochter investiert, bei der 130 Mitarbeiter beschäftigt sind.

Stihl hat Lagerkapazitäten erhöht

Vorsorglich hat Stihl zusätzliche Lagerkapazitäten angemietet, den Warenbestand in Großbritannien deutlich erhöht, sich auch auf ändernde Anforderungen bei Zoll- und Meldepflichten eingestellt sowie Logistikprozesse umgestellt. Auch hat man sich auf neue Anforderungen bezüglich Importen und Zertifizierung für den britischen Markt eingestellt. „Die Unsicherheit und schlechte Planbarkeit ist eine große Belastung“, heißt es bei Stihl. Auch die „Mehrgleisigkeit“, also sich auf unterschiedlichste Szenarien vorzubereiten, führe zu enorm hohen Aufwendungen.

Alle Unternehmen spielen seit Monaten unterschiedlichste Szenarien durch. „Wir haben uns intensiv vorbereitet und fühlen uns gut gerüstet“, sagt Andreas Kämpfe, Chef des Pforzheimer Maschinenbauers Witzenmann, der mit einer Produktionstochter in Großbritannien aktiv ist, die vorrangig für den lokalen Markt produziert.

Der Ditzinger Maschinenbauer Trumpf, der in Großbritannien 370 Mitarbeiter beschäftigt, ist dort mit einer Produktion für Faserlaser sowie einer Vertriebs- und Servicegesellschaft vertreten. Man habe schon vor Längerem die Lagerkapazitäten in Fertigung und für die Servicetechniker erhöht. Das Trumpf-Geschäft in Großbritannien macht rund 60 Millionen Euro aus und ist angesichts eines Konzernumsatzes von 3,5 Milliarden Euro relativ klein.

„Wenn die Fakten klar sind, ist eine neue Bewertung notwendig“, sagt Klaus Winkler, Chef der Nürtinger Heller-Gruppe. Für den Maschinenbauer soll Großbritannien auch weiterhin „eine wichtige Rolle spielen, solange keine nachhaltig gravierenden Mehrkosten und vor allem keine Nachteile für unsere Kunden gegeben sind“. Heller produziert in Großbritannien hauptsächlich für den Export auf den europäischen Kontinent und nach Übersee.

Banklizenz für Niederlassung in einem Drittland

Auch Autozulieferer Mahle hat sich mit einer Taskforce auf alle Eventualitäten eingestellt. Das Stuttgarter Unternehmen hat in Großbritannien fünf Standorte mit gut 450 Mitarbeitern. Produziert werden dort insbesondere Motorkomponenten, zudem ist Mahle dort stark im Engineering-Service und im Ersatzteilgeschäft.

Beim Metzinger Modekonzern Hugo Boss macht der britische Markt etwa 13 Prozent des Konzernumsatzes aus. Die Londoner Vertriebstochter betreut den dortigen Markt und über 100 Läden. Beliefert wird Großbritannien von Deutschland aus. Ohne Abkommen bedeute das mehr Aufwand und mehr Kosten, heißt es.

Und mehr Komplexität, erklärt die Landesbank Baden-Württemberg (LBBW). Sie hat eine Niederlassung in London, die man nach einem Brexit als Niederlassung in einem Drittland fortführen will. Eine entsprechende Banklizenz wurde beantragt. „Der Finanzplatz London ist und bleibt wichtig, auch ab 2021“, sagt ein Sprecher.