Irland Regierungschef Leo Varadkar wird von EU-Ratspräsident Donald Tusk (rechts) gehört. Foto: dpa

Der Brexit untergräbt das britisch-irische Verhältnis, das jetzt im Zentrum der Aufmerksamkeit steht.

London - Im Ringen um den Brexit, das jetzt einen neuen Höhepunkt erreicht, spielt ausgerechnet der engste Nachbar Großbritanniens den zentralen Part. Die Iren selbst können kaum glauben, dass die EU ihnen eine so wichtige Rolle eingeräumt hat. Falls Irland mit britischen Vorschlägen zur Regelung der Grenzfrage nicht einverstanden sei, ziehe die EU bei den Brüsseler Brexit-Verhandlungen die Bremse an. Das hat Ende voriger Woche EU-Ratspräsident Donald Tusk dem irischen Regierungschef Leo Varadkar versichert.

Erst völlig überrascht und dann sichtlich zornig hat man in Großbritannien auf diese „kecke“ Positionierung Dublins reagiert. Theresa Mays Regierung hatte geglaubt, die „irische Frage“ sei schon so gut wie gelöst. Seit dem Brexit-Referendum vor 17 Monaten hatte man an der Themse wenig Gedanken auf Irland oder Nordirland verschwendet. Ein paar Vorschläge zur Warenabfertigung mittels neuer Technologie waren gemacht worden. May hatte erklärt, auch sie wolle einen „möglichst reibungslosen“ Grenzverkehr.

Was Dublin wollte, war egal

Den Iren aber war bewusst, dass ihnen durch den Brexit der schwerste Wirtschaftseinbruch überhaupt in der Union drohte. Angst vor einer 500 Kilometer langen EU-Außengrenze quer durch die Insel und vor allem neue Sorge um den mühsam errungenen Frieden in Nordirland machte sich breit. Tatsächlich hatte Dublin schon lang vor dem britischen Referendum vor den Folgen des Brexit gewarnt. Ohne Einfluss auf die Abstimmung, aber direkt berührt von ihren Konsequenzen, versuchten die Iren ihre Nachbarn erst vom Austritt aus der EU und dann vom Ausstieg aus Binnenmarkt und Zollunion abzubringen. Für die Brexit-Anhänger um Boris Johnson spielte jedoch keine Rolle, was Dublin wollte. Irland kam in der Referendums-Kampagne schlicht nicht vor.

Überraschen konnte diese Haltung niemanden. Schon David Cameron, der das Referendum ausschrieb, hatte als Premierminister grundsätzlich wenig Interesse an Nordirland gezeigt. Während zwei seiner Vorgänger, John Major und Tony Blair, alles daran setzten, die so lange von blutigen Unruhen erschütterte Provinz zu befrieden, verlor Cameron Nordirland rasch aus den Augen. Kaum zur Regierungschefin gekürt, verkündete Theresa May, dass Brexit auch den Austritt aus Binnenmarkt und Zollunion bedeuten müsse. Ein „blau-weiß-roter“ Brexit, die neue Grösse Britanniens in der Welt schwebten ihr und den Brexit-Verfechtern vor.

Ein Rückfall in alte Gewohnheiten

Für viele Iren war solch unbekümmerte Kursvorgabe durch London, ohne alle Absprache, Ausdruck eines Rückfalls in alte Gewohnheiten. Irische Bedürfnisse galten „den Engländern“, so gesehen, kaum mehr als in all den Jahren, in denen Irland Englands Kolonie war. Böse Erinnerungen wurden im kollektiven Gedächtnis wach – bis zur fatalen Teilung Irlands vor knapp hundert Jahren zugunsten der Unionisten. Schon damals stellte London mit einer willkürlichen Grenzziehung verhängnisvolle Weichen.

Wolle May nun, fragt man sich in Dublin, eine erneute Teilung erzwingen? Nachdem die gemeinsame EU-Mitgliedschaft Zollschranken und Grenzposten überflüssig gemacht hat? Nervös sucht Varadkars Regierung zu Beginn dieser Woche abzuschätzen, wieviel Verhandlungs-Spielraum die ungewohnte neue Position gegenüber London ihr erlaubt. Am Montagmorgen tagt das irische Kabinett. Mittags muss May in Brüssel darlegen, wie sie Irland entgegen zu kommen gedenkt.

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