Issam Abdel-Karim (2.v.li.) will die Menschen zusammenbringen. Foto: Susanne Müller-Baji

Ein Ikonen-Workshop hat in der Stuttgarter Brenzkirche den Gemeinsamkeiten der Religionen nachgespürt.

S-Nord -

Im Sommer wird die Brenzkirche auf dem Killesberg regelmäßig zum Atelierraum, jetzt kam eine außerordentliche Veranstaltung hinzu: In einem „Ikonen-Workshop“ initiiert von Issam Abdel-Karim und dem Freundeskreis Killesberg um Bärbel Mohrmann kamen sich die Religionen näher. Und es werden Spenden gesammelt, die helfen sollen, die orthodoxen Kirchen im syrischen Aleppo wieder mit Ikonen auszustatten und vor allem auch dem Handwerkernachwuchs vor Ort eine Perspektive zu bieten.

Die Konzentration ist fast greifbar in der Brenzkirche. Schicht um Schicht lernen die Workshop-Teilnehmer die traditionellen und aufwendigen Techniken des Vergoldens oder der Eitempera-Malerei kennen. Hier entsteht ein Engel, dort entsteigt ein Phoenix der Asche. Dass ein Workshop rund um das Thema Ikone ausgerechnet in einer evangelischen Kirche stattfindet, ist ungewöhnlich. Geradezu erstaunlich ist, dass hier nicht nur christliche, sondern auch muslimische Teilnehmer zusammengekommen sind. Auch die jüdische Gemeinde habe man eingeladen, erklärt Issam Abdel-Karim, allerdings habe man dort Bedenken gehabt, weil man sich im jüdischen Glauben – wie auch im Islam – kein Bild von Gott machen darf.

Bild mit religiöser Aussage

Dabei ist der Begriff Ikone hier vielleicht ein wenig weit gefasst: Es entstehen nicht, wie in der orthodoxen Kirche üblich, in einem streng festgelegten Ablauf aus Reinigung, Gebet und Kontemplation Kopien von heiligen Bildnissen, die einen Teil der religiösen Kraft der Ur-Ikonen in sich aufnehmen. Vielmehr definiert Issam Abdel-Karim eine Ikone als Bild mit religiöser Aussage. Und er ist überzeugt, dass die grundlegenden Werte bei allen Religionen die gleichen sind.

Entsprechend ging man nun eine Woche lang mit viel Gemeinschaftssinn ans Werk. Bei Bernd Stolz, Kunsterzieher im Ruhestand, ist zum Beispiel ein Werk entstanden, das Gottes Schöpfung mit dem Bild einer Flucht verbindet. Über allem schwebt eine Kombination von Davidstern, Kreuz und der Koran-Sure „Es gibt nur einen Gott – das sagen ja mehrere Religionen von sich, nicht wahr?“

Volker Schaible vom Fachbereich Restaurierung der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste vermittelt die Techniken und steht den Nachwuchs-Ikonenmalern mit Rat und Tat zur Seite. Seine Studenten haben zuvor die hölzernen Bildgründe vorbereitet: „Damit war unser Teil eigentlich erledigt, doch dann kamen dem Workshop die Dozenten abhanden und ich bin eingesprungen“, sagt er. Denn nahezu allen syrischen und ägyptischen Gästen des Workshops waren quasi in letzter Sekunde die deutschen Visa verweigert worden – enttäuschend auch für den Freundeskreis Killesberg, der die Flüge und die Übernachtungsmöglichkeiten organisiert hatte.

Intensive Kontakte nach Aleppo

Schaible erzählt von den intensiven Kontakten, die sein Fachbereich vor dem Krieg vor allem ins syrische Aleppo pflegte, wo die Studenten etwa gemeinsam mit örtlichen Handwerkern einen Palast restaurierten. „Das war alles vor der derzeitigen, unfassbaren Katastrophe.“ Das mittelfristige Ziel von Issam Abdel-Karim unterstützt er deshalb uneingeschränkt: In Aleppo soll mit Hilfe der gesammelten Spendengelder wieder eine Ikonenwerkstatt entstehen, damit die im Krieg verschollenen Ikonen ersetzt werden und junge Menschen mit einer Ausbildung einen Start in eine bessere Zukunft erhalten.

Was aber bringt den Moslim Issam Abdel-Karim dazu, sich ausgerechnet mit orthodoxen Ikonen zu befassen? Er erzählt von seiner Beiruter Kindheit: „Ich bin in einem überwiegend christlichen Viertel aufgewachsen, diese Trennung zwischen christlich und muslimisch gab es für uns eigentlich nicht.“ Während des Workshops hat er eine Menora gemalt, den Siebenarmigen Leuchter, „stellvertretend, weil ja nun niemand von der jüdischen Gemeinde mit dabei war“. Überhaupt, so sagt er, sei es an der Zeit, endlich das Verbindende zu betonen, und nicht das Trennende.

Nun hofft Abdel-Karim, möglichst viele Werke zugunsten seines Projekts zu verkaufen. Die verbleibenden Bilder sollen bis zum orthodoxen Weihnachtsfest am 6. Januar in der Brenzkirche, Am Kochenhof 7, ausgestellt bleiben, so Gemeindepfarrer Karl-Eugen Fischer. Zu sehen sind sie zu den Veranstaltungen oder nach vorheriger Absprache mit dem Pfarramt, Telefonnummer 0711/25 13 91.

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