Am Stuttgarter Nordbahnhof, von wo aus Sinti und Roma nach Auschwitz deportiert wurden, befindet sich heute die Gedenkstätte „Zeichen der Erinnerung“. Auf der Innenwand stehen auch Namen aus der Familie von Kajetan Reinhardt. Ihr Schicksal erzählt Iris Lemanczyks Roman „Brennnessel-Haut“. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Der junge Heiner Geißler ist eng befreundet mit Kajetan, einem Sinto-Jungen. Die Stuttgarter Autorin Iris Lemanczyk erzählt nach einer wahren Geschichte packend davon, wie Naziterror das Paradies der beiden zur Hölle macht.

Stuttgart - Unter dem Romantitel steht der Zusatz „eine wahre Geschichte“. Tatsächlich lässt sich eine direkte Verbindung zu den Hauptfiguren des neuen Jugendbuchs der Stuttgarter Autorin Iris Lemanczyk leicht herstellen – mit einem Besuch der Gedenkstätte „Zeichen der Erinnerung“ am Nordbahnhof.

 

Auf der Wand finden sich unter den 2600 Namen der von hier aus deportierten Opfer des Nationalsozialismus auch welche der einst in Ravensburg beheimateten Sinti-Familie Reinhardt, von der Iris Lemanczyk in „Brennnessel-Haut“ erzählt.

Der Autorin gelingt darin ein eindrückliches Bild vom Leben unter einem Schreckensregime. Im Mittelpunkt stehen der Sinto-Junge Kajetan, seine Freundschaft zu Heiner Geißler und die zunehmend existenziellen Bedrohungen, die Kajetans Leben durch die Rassenhygiene des Nationalsozialismus erfährt. Die Auswirkungen der politischen Entwicklung auf ein Einzelschicksal bieten so viel Drama, dass Iris Lemanczyk die Ereignisse lediglich zeitlich etwas verdichten musste, um Spannung aufkommen zu lassen.

Die Autorin hat Zeitzeugen befragt

Vor allem aber hat die Autorin in die Erinnerungen der Zeitzeugen, die sie vor einigen Jahren noch persönlich befragen konnte, so intensiv hineingehört, dass sich der Leser mittendrin wähnt in einem Kinderparadies, das die Nazis dann zur Hölle machten. Besonders die farbensatt ausgemalte Gefühlswelt des jungen Helden, die zwischen der Lebensfreude eines Kindes und den Ängsten eines von einem Terrorregime Verfolgten Achterbahn fährt, packt, so dass jeder Leser das Schicksal Kajetans gebannt bis zur letzten Seite verfolgen wird – und dann vielleicht den Wunsch verspürt, die Zeitreise von „Brennnessel-Haut“ am Stuttgarter Mahnmal in der eigenen Gegenwart enden zu lassen.

Im März 1943 beginnt die Deportation

Die Geschichte Kajetans, wie sie Iris Lemanczyk erzählt, endet am 15. März 1943 mit der Deportation von 34 Bewohnern des „Zigeunerzwangslagers Ummenwinkel“ in Ravensburg. Diese führte für Kajetans große Schwester Hildegard und ihre junge Familie, wie ein Nachwort informiert, über Stuttgart direkt nach Auschwitz. Die beiden kleinen Töchter und der Mann sterben, nur Hildegard überlebt, mit der eintätowierten Häftlingsnummer „Z 4734“ am Arm. Diese 2013 verstorbene Zeitzeugin sprach Iris Lemanczyk als Erste. Eigentlich sollte Hildegard, sagt die Autorin zum Ausgangspunkt ihres Buchprojekts, dessen Hauptfigur werden. „Doch dann hätte ich über Auschwitz schreiben müssen. Das wollte ich nicht, das traue ich mir auch nicht zu“, sagt Lemanczyk über die unsagbare Dimension des NS-Horrors.

Die Vorurteile wiederholen sich wie eine Litanei

So wurde die Bühne frei für den kleinen Bruder Kajetan; im Frühjahr 1938 tritt er in „Brennnessel-Haut“ auf und begleitet seine Mutter bei einer ihrer Touren, sie verkauft selbst gehäkelte Deckchen. Gleich im ersten Kapitel tritt auch der Hass auf, der ihnen entgegenschlägt. Ein Dorfbewohner vermisst ein Huhn. „Zigeuner sind Gesindel. Diebesgesindel“, sagt eine Frau. Die Taschen von Kajetan werden durchwühlt, die Handarbeiten der Mutter in den Dreck getreten. Die Vorurteile gegenüber den Sinti wiederholen sich wie eine Litanei. Dabei führen die Reinhardts, abgesehen davon, dass sie in einem Wagen wohnen, ein fast normales Leben. Kajetan ist gut in der Schule, einer seiner Brüder will Arzt werden. Doch weiterführende Schulen werden ihnen verwehrt wie vieles andere.

Der junge Heiner Geißler fragt mutig nach

Solche Hass-Einschläge werden immer dichter im Lauf des Romans. Doch da ist zu Beginn auch eine unbeschwerte Kindheit mit Streichen am Ufer der Schussen und auf dem zugefrorenen Binsenweiher. Vor allem hat Kajetan ein paar aufrichtige Menschen um sich: ein altes Bauernpaar, dem der Junge Arbeit abnimmt und sich dafür sattessen darf; und den engen Freund Heiner, der Kajetan vor den Übergriffen von Mitschülern in Schutz nimmt. Als der Lehrer die neuen Rassengesetze behandelt, fragt der „blonde Heiner“ mutig nach: „Fritz ist klein, Sie, Herr Bucher, sind dunkelhaarig und der Hitler ist auch dunkelhaarig. Heißt das, dass sie alle vermischt sind?“ Zur Genugtuung Kajetans hat der Lehrer statt einer Antwort nur einen Wutausbruch parat.

Zwangsarbeit für einen 13-Jährigen

Als Bundesfamilienminister sollte der CDU-Politiker Heiner Geißler später den Aufbau des Zentralrats der Sinti und Roma fördern, als Kind musste er miterleben, wie sein Freund zum Untermenschen erklärt und der eigene Vater, ein Oberregierungsrat und Mitglied der Zentrumspartei, oft strafversetzt wurde. Zeitgleich mit dem Wegzug seines Freundes verschlimmert sich die Lage für Kajetans Familie: Berufsverbot für den Vater, einen Pferdehändler, Zwangsarbeit für alle Männer ab 14, Lager für die Familie mit hoher Miete und noch höherem Stacheldraht, Zusatzsteuern, Schikanen.

Als der Vater starke Magenprobleme hat, schwänzt Kajetan die Schule und geht für ihn auf die Baustelle. Ein Knochenjob für einen 13-Jährigen, der lange Wege nach Friedrichshafen, Blasen und offenes Fleisch in den Handflächen und schwere Glieder mit sich bringt. In starken Dialogen und Bildern erzählt Iris Lemanczyk von diesen Zumutungen, die sich aus dem persönlich Erlebten der Zeitzeugen speisen. „Kajetan Reinhardt konnte sich erstaunlich gut erinnern, eben auch an sehr viele Einzelheiten“, sagt Iris Lemanczyk, die den Protagonisten ihres Romans mehrfach in Ulm besucht hat. „Er war ein sehr feiner Mensch und hat mich immer in Anzug und Krawatte empfangen.“

Vorurteile mit Nachwirkung

Die Fakten, auf denen „Brennnessel-Haut“ basiert, stehen in allen Geschichtsbüchern. Doch auf ein einzelnes Schicksal heruntergebrochen, ergibt sich ein bedrückendes Bild davon, wie der NS-Terror bis ins Kleinste hineinwirkte. Der Pfarrer, der die Sinti heimlich unterstützte, stirbt als einer der Ersten an der Front. Ungewöhnlich ist dieser Roman, der sich an Jugendliche wendet, aber hoffentlich ein breites Publikum findet, weil er ein beeindruckendes Zeitdokument ist und andeutet, wie die von den Nazis geschürten Vorurteile bis heute nachwirken.

Infos zum Buch

Buch: Iris Lemanczyk: Brennnessel-Haut. Horlemann-Verlag. 288 Seiten, 12,90 Euro. Ab 13 Jahren

Autorin: Iris Lemanczyk, 1964 in Kirchheim unter Teck geboren, hat nach ihrer Ausbildung zur Redakteurin unter anderem in Namibia gearbeitet. 1997 erschien ihr erstes Kinderbuch „Mein Lehrer kommt im Briefumschlag“. Alltag in fernen Ländern sowie Flucht sind oft Themen ihrer Kinder- und Jugendbücher.

Genozid: Porajmos heißt in der Sprache der Roma der Völkermord der Nazis an ihnen. Grobe Schätzungen gehen von rund 500 000 Opfern unter den Sinti und Roma in Europa aus. Diskriminierungen gab es seit dem Mittelalter, sie gipfelten in der versuchten Vernichtung aller „Zigeuner“ durch die Nazis. Von Herbst 1939 an gab es Deportationspläne, ab Februar 1943 wurde eine Mehrheit der deutschen Sinti und Roma nach Auschwitz verschleppt.