Hoteldirektor mit Helm: Henning Matthiesen auf der Baustelle in Brenners Park-Hotel in Baden-Baden. Foto:  

Wenn französische und deutsche Politiker sich zu bilateralen Konsultationen treffen, dann tun sie das gerne im altehrwürdigen Brenners Park-Hotel in Baden-Baden. Nun schreibt das Haus an der Oos selbst Geschichte – mit einem Umbau von historischem Ausmaß.

Schicker Anzug und edles Hemd, dazu feine Schuhe und ausgewählte Accessoires wie Einstecktuch oder Manschettenknöpfe. Diese Uniform eines Hoteldirektors tauscht Henning Matthiesen fast täglich mit festen Stiefeln, schmutzabweisender Jacke und Bauhelm. Die Kollegen haben aus Spaß die große goldene Ziffer „1“ auf die schützende Kopfbedeckung geklebt. Henning Matthiesen (52) ist schließlich die Nummer eins auf der größten Baustelle in Baden-Baden. Seit Oktober 2023 wird das von ihm geleitete Brenners Park-Hotel und Spa umgebaut.

 

Bauen im Bestand ist eine Wundertüte

Es ist keine kleine Renovierung mit hier ein bisschen frischer Farbe und dort ein paar neuen Vorhängen. Das Haus wurde ab der ersten Etage aufwärts in den Rohbauzustand zurückversetzt. Bei einem Gebäude, das über 150 Jahre auf dem Gebälk hat, ist eine Generalsanierung keine einfache Aufgabe. Ständig stellen sich knifflige Fragen: Welche wärmeisolierten Fenster erlaubt der Denkmalschutz? „Im Bestand zu bauen birgt manche Überraschung“, sagt Henning Matthiesen.

Die Wiedereröffnung wurde schon mehrfach verschoben

Einige der historischen Pläne waren nicht präzise, da tauchen dann plötzlich Stahlträger auf, wo gar keine stehen sollten. Oder die Decke zwischen viertem und fünftem Stock entpuppte sich nach dem Rückbau der Bodenbeläge als total schief und musste erst ausgeglichen werden. Das bedeutet zusätzliche Planungsschleifen, viel Aufwand und ständig neues Ausmessen. Die Wiedereröffnung wurde schon mehrfach verschoben und ist nun für das zweite Quartal 2025 geplant.

„Im ersten Schritt haben wir alle Einrichtungsgegenstände der Zimmer katalogisiert“, sagt der Hoteldirektor. Auf die Liste kam jede Kommode, jedes Bild, jedes Lämpchen, jeder Stuhl. Das Haus war voll mit Antiquitäten, die nach dem Umbau auch wieder verwendet werden. Schließlich soll der Geist und der Stil des Hauses erhalten bleiben. Stichwort Wiedererkennungswert. Das ganze Inventar lagert in verschiedenen Hallen. Weil in Baden-Baden gar nicht so viel Platz war wurden einige Gegenstände bis nach Stuttgart gefahren.

Upcycling statt Wegwerfen

Die schönen alten Wasserhähne arbeitet die Firma Dornbracht auf. Eine Elektrofirma ist beauftragt, alle Leuchten technisch auf den neuesten Stand zu bringen, damit sie später in einem computergesteuerten Lichtkonzept benutzt werden können. „Aber keine Sorge, bei uns wird man später keine komplizierten Tabletts in den Zimmern finden. Wir setzen nach wie vor klassisch auf Schalter und ein einfaches Bedienkonzept“, sagt Henning Matthiesen. Stoffe und Tapeten hingegen sind nicht zu retten. Die kommen alle weg. Das Hotel hatte über Jahre Ersatzrollen der Wandverkleidungen aufbewahrt, falls mal ein Schaden zu reparieren sein sollte. Diese Vorräte sind nun überflüssig. Doch einfach entsorgen? Wäre schade.

Das Inventar wurde eingelagert. Foto: Hotel/Andreas Stephany

Eine Buchbinderei im benachbarten Ottersweier hat die hübschen Papierbogen um Notizbücher gehüllt. „Einige wurden an Stammgäste verschickt – mit genau der Tapete aus deren altem Lieblingszimmer“, erzählt der Direktor. Das kam sehr gut an. Als der 52-Jährige, der gebürtig aus Wedel bei Hamburg stammt, 2020 aus dem Excelsior Hotel Ernst in Köln nach Baden-Baden wechselte, gab es schon die Idee zur Renovierung. Aber dass er für mehr als zwölf Monate mehr Bauherr als Gastgeber sein würde, das hätte er sich nicht gedacht.

Im Moment umschließt ein mächtiges Gerüst mit vorgehängten Stoffbahnen das komplette Haupthaus. Ein edles Hotel wie das Brenners baut natürlich stilvoll um. Die Bauzäune zur Straße und zum Park hin sind mit schicken dunkelgrünen Bannern mit goldener Schrift verziert: Einlass in die Baustelle erhält man nur mit Ausweis und Helm.

Henning Matthiesen trägt seinen mit der Nummer 1. Schnellen Schrittes eilt der großgewachsene Norddeutsche die Stufen empor. Das kleine Nottreppenhaus blieb stehen und dient derzeit als Hauptverkehrsweg. Die große Treppe wird auch neu gemacht. Sperriges Material transportieren die Arbeiter mit zwei eigens außen installierten Bauaufzügen nach oben.

Das alte Dach ist schon frisch gedeckt und isoliert

Auch nach fünf Stockwerken kommt der Direktor nicht aus der Puste. Er ist trainiert, diesen Weg geht er mehrfach täglich. Im fünften Stock passiert besonders viel. „Hier wurde der Flur versetzt, um noch mehr Platz für die Zimmer und Suiten herauszuholen“, berichtet Matthiesen. Das alte Dach ist schon energetisch gedämmt und frisch gedeckt.

Die mit Rigipsplatten verkleideten Holzständerwände markieren die Lage der zukünftigen Zimmer. Von der Decke hängen Kabel. Im vierten Stock werkeln die Fliesenleger in den Bädern. An den Wänden lehnen Marmorplatten. Die Heizungsbauer haben im Keller ein Labyrinth aus Rohren installiert. „Wir gewinnen viel Raum, weil moderne Technik zum Beispiel bei den Elektoverteilerschränken und den Fahrstuhlmotoren kleiner ist“, erzählt Matthiesen beim Baustellenrundgang.

Das altehrwürdige Haus liegt in einem Park, einen Steinwurf vom Baden-Badener Kurhaus samt Casino entfernt. Direkt vor der Tür führt der Spazierweg Lichtenthaler Allee am sanft plätschernden Flüsschen Oos entlang. Die Stadtchroniken verzeichnen seit den 1820er Jahren an dieser Stelle einen Gasthof, damals bekannt unter dem Namen Stephanienbad. 1857 kauft die Pariser Betreibergesellschaft Beaussier & Dusautoy das Gebäude und tauft es in Stéphanie-les-Bains um. Die Geburtsstunde des eigentlichen Hotels Brenners schlägt 1872, als der Pforzheimer Kleiderfabrikant Anton Alois Brenner das Hotel ersteigert.

1941 geht das Grandhotel in den Besitz einer Pudding-Dynastie über

Sein Sohn Camille kauft nach und nach umliegende Häuser dazu, darunter das Hotel Minerva, die Keimzelle des Brenner-Hauptgebäudes. Nach einer stillen Teilhaberschaft im Jahr 1923 geht das Grandhotel 1941 in die Hände von Rudolf-August Oetker aus der Bielefelder Pudding-Dynastie über. Die Oetkers begeistern sich für Luxusherbergen – in Besitz der verzweigten Familie befinden sich verschiedene Häuser wie das Hotel du Cap-Eden-Roc in Antibes oder Le Bristol in Paris.

Vorgespräche für den deutsch-französischen Freundschaftsvertrag

Berühmte Menschen steigen gerne im Brenners ab. Im Gästebuch finden sich Eintragungen von Promis wie dem russischen Großfürsten Michael Romanow, Komponist Franz Lehar, Filmproduzent Walt Disney, Autobauer Henry Ford, Sänger Frank Sinatra, Schauspieler George Clooney, der britischen Königin Victoria mit Prinz Albert oder von Politikern wie Nelson Mandela, Barack Obama oder Bill Clinton.

Das Hotel besteht aus mehreren Gebäuden, ein Teil davon bleibt geöffnet. Foto: Hotel

Für Treffen zwischen deutschen Bundeskanzlern und französischen Staatspräsidenten wird immer wieder das Grandhotel an der Oos gewählt. Konrad Adenauer und Charles de Gaulle führten 1962 in der diskret-luxuriösen Atmosphäre Vorgespräche, die im deutsch-französischen Freundschaftsvertrag mündeten. 1980 treffen sich hier Helmut Schmidt und Valéry Giscard d’Estaing, 1995 kommt es zu einer Begegnung zwischen Helmut Kohl und Jacques Chirac, und 2009 begegnen sich dort Angela Merkel und Nicolas Sarkozy.

Der größte Umbau in der über 150-jährigen Geschichte des Grandhotels ist eine Operation am offenen Herzen – denn der Hotelbetrieb läuft weiter. Das geht nur, weil es verschiedene Nebengebäude gibt. Zwei davon sind nach wie vor geöffnet. Statt in 105 Zimmern werden zurzeit nur in 23 Zimmern Gäste begrüßt. Matthiesen und sein Team proben täglich den Spagat zwischen sehr anspruchsvollem Hotelbetrieb und sehr staubiger Baustelle. „Wer komplett schließt ist vom Markt. Und wir wollten nicht weg sein“, begründet Matthiesen den Aufwand, der sich, das gibt er offen zu, finanziell nicht wirklich lohne. Doch auf diese Weise werden Personal und Kundschaft gehalten. Eine Rumpfmannschaft ist in Baden-Baden geblieben. Ein Teil der Mitarbeiter wurde während er Bauphase in andere Häuser der Oetker-Collection vermittelt. „Die arbeiten jetzt zum Teil in der Karibik“, sagt Matthiesen.

Erneuerung für die nächsten Generationen

Das Hotel lässt die Baufortschritte regelmäßig von einem Profifotografen dokumentieren, die Marketingabteilung informiert wöchentlich in einem Blog. „Es ist schließlich eine Erneuerung für die nächsten Generationen“, sagt der Direktor. Die treuen Stammgäste verfolgen das mit Interesse, viele buchen sich hin und wieder ein, um nach dem Rechten zu sehen, andere schauen aus der Ferne zu. „Ein Gast sagte mir, dass wir die Badewanne in seinem Zimmer in Zukunft gerne weglassen können“, erzählt Henning Matthiesen und lacht. Eigentlich ist der Kunde hier König. Doch diesen Wunsch wird man wohl nicht erfüllen.