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Werder Bremen und der VfB Stuttgart haben eines gemeinsam: Die großen Zeiten sind fürs Erste vorbei. Der Weg zurück ist schwer – auch wegen der Sehnsucht nach kurzfristigen Erfolgen.

Stuttgart – - Grüß Gott, Herr Dutt. Wie geht es dem Schwaben so hoch im Norden?
Alles bestens. Ich fühle mich unglaublich wohl in Bremen.
Dabei musste man schon vor Saisonbeginn um Sie fürchten. In der Vorbereitung hagelte es Niederlagen.
Ja, aber ich bin erfahren genug, um das richtig einschätzen zu können. In der Vorbereitung trainieren wir auch an den Tagen, an denen wir ein Testspiel haben, zwei Stunden am Vormittag. Und ich stelle die Mannschaft nicht unbedingt auf, um auf Sieg zu spielen. Da kann ein Drittligist, der schon in der Saison steckt, schon mal zur echten Herausforderung werden.
Mental wird so eine Niederlagen-Serie schnell zum Problem.
(Runzelt die Stirn) Die Spieler kannten meinen Plan. Und sie haben gesehen, dass ich entspannt geblieben bin. Ich sehe es genau umgekehrt: Die Niederlagen waren sehr hilfreich, um bis zum Saisonbeginn gezielt an unseren Schwächen zu arbeiten.
Eine Schwäche scheint zu Werder zu gehören wie die Weser zu Bremen: die Abwehrarbeit.
Werder hat in der vergangenen Saison 66 Tore bekommen. Das ist sicherlich zu viel. Jetzt haben wir gegen Braunschweig, Augsburg und Hamburg jeweils zu null gespielt . . . (Anm. d. Red: Werder gewann jeweils 1:0, gegen den HSV mit 2:0).
. . . und am vergangenen Wochenende gegen den 1. FC Nürnberg einen 3:1-Vorsprung verspielt. Am Ende stand es 3:3.
Das war natürlich bitter. Aber ich sehe immer auch die Strecke. Dieses Spiel war insgesamt betrachtet ein großer Schritt in die richtige Richtung. Aber wir analysieren unsere Schwächen natürlich genau und versuchen sie Schritt für Schritt abzustellen.
Man spricht immer von der richtigen Balance zwischen Offensive und Defensive, was bedeutet das für Ihre Arbeit?
Es stellt sich immer die Frage: Wie viel Offensive verträgt unsere Defensive?
Und daraus ergeben sich die Handlungsanleitungen für Ihre Spieler?
Genau. Es ist beispielsweise wichtig, dass die Außenverteidiger oder auch der defensive Mittelfeldspieler, die jeweilige Situation richtig interpretieren . . .
. . . und nicht bei einer 2:0-Führung kurz vor der Pause noch mal ihre Offensiv-Qualitäten zeigen wollen.
So kann man das beschreiben.
Nicht nur das ist eine Parallele zu Ihrem Gegner an diesem Samstag. Der VfB hat eine ähnliche Entwicklung genommen wie Werder. Die großen Zeiten mit internationalem Fußball sind fürs Erste vorbei, die Kassen knapp.
Das Bundesliga-Geschäft ist außerordentlich schwierig geworden. Es gibt mit dem FC Bayern, Borussia Dortmund und Bayer Leverkusen die großen drei, die beständig vorne mitspielen. Die anderen sind mal dabei, mal schaffen sie den Sprung nicht . . .
. . . und bekommen ohne die Einnahmen aus dem internationalen Geschäft wirtschaftliche Probleme.
Das führt auf die Dauer zu großen Schwierigkeiten. Er reicht meistens nur zu einem kurzfristigen Aufflackern des sportlichen Erfolgs, danach geht es wieder bergab – und der Trainer wird geopfert.
Was schlagen Sie vor?
Wir müssen weg von der Sehnsucht nach kurzfristigem Erfolg. Ein Club wie Werder oder der VfB darf sich nicht von kurzfristigen Tabellenplätzen leiten lassen. Werder beispielsweise geht konsequent seinen Weg der stetigen Entwicklung.
Was bedeutet?
Den eigenen Nachwuchs fördern, die wirtschaftlichen Erlöse steigern, eine weitsichtige Transferpolitik etablieren und die sportliche Entwicklung konsequent und nachhaltig vorantreiben. Und dabei gilt: Wenn ein Verein nur das macht, was er schon immer gemacht hat, wird er nichts an seiner Situation verändern.
Das ist eine romantische Vorstellung.
Das mag sein. Vielleicht ist sie auch zu romantisch. Aber einen anderen Weg sehe ich nicht.
Ist Bremen die Insel der Glückseligen?
Sicher nicht. Aber ich spüre bei Werder eine enorme positive Energie. Der Verein entwickelt sich in vielerlei Hinsicht.
Fans und Medien bleiben trotz aller Tiefschläge erstaunlich geduldig.
Jemand hat mal gesagt: Bremen sei das größere Freiburg. Den Satz kann man so stehen lassen.
Was unterscheidet Werder Bremen von anderen Bundesliga-Clubs?
Die Identifikation der Öffentlichkeit mit dem Verein ist erstaunlich groß. Das liegt vielleicht auch daran, dass hier in der Personalpolitik schon immer großer Wert auf Kontinuität gelegt wurde. Natürlich gibt es auch Kritik, wenn es mal schlecht läuft. Aber sie bleibt im sachlichen Rahmen.
Anders als bei Ihrer letzten Station in Leverkusen scheint Ihnen die Mannschaft ausnahmslos zu vertrauen.
Die Spieler haben das Herz am rechten Fleck, und sie gehen den Weg mit, den wir eingeschlagen haben.
Wie wichtig war der 2:0-Sieg im Nordderby beim Hamburger SV für diese Entwicklung?
Es gibt in jeder Saison einige Schlüsselspiele. Das war sicher eines davon. Der Erfolg in Hamburg war sehr hilfreich, weil er die Überzeugung nährte, dass unser Weg der richtige ist.
Was machen Sie anders als in Leverkusen?
Ich gehe die Dinge etwas gelassener an, ich will nicht zu viel auf einmal. Und das Trainerteam bekommt hier die Zeit, die Mannschaft zu entwickeln. Das ist außergewöhnlich.
Ist das Spiel beim VfB für Sie wie jedes andere?
Sicher nicht. Ich kenne die handelnden Personen beim VfB zum Teil schon seit 30 Jahren. Meine Familie, meine Freunde sind im Stadion. Das ist alles ein bisschen aufregender. Aber mit dem Anpfiff ist das vergessen.
Wie schätzen Sie den VfB Stuttgart ein?
Keine Frage, Thomas Schneider hat frischen Wind in die Mannschaft gebracht.
Die eine oder andere Schwäche ist dennoch geblieben. Sie wissen, wo Sie ansetzen müssen?
Dazu sage ich jetzt nichts. Aber klar ist, dass ich mit Werder in Stuttgart gern so abschneiden würde, wie in meinen letzten zwei Spielen als Trainer gegen den VfB.
Mit dem SC Freiburg und Bayer Leverkusen besiegten Sie zuletzt den VfB mit 1:0.
(Lacht) Wir sehen uns am Samstag . . .
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