In der Favela Rocinha. Foto: Neitzsch

Es gibt viele Elendsviertel in Brasilien wie etwa in Rio de Janeiro. Eine Tour sollten Touristen jedoch nur in Begleitung eines Führers unternehmen.

Rio De Janeiro - Rocinha liegt nicht weit entfernt von Ipanema, dem Viertel der Reichen und Schönen in Rio de Janeiro. Und doch trennen die beiden Quartiere Welten: Hier die illegal errichtete Armensiedlung, Rückzugsgebiet der Drogengangs, dort Bars, schicke Restaurants und edle Boutiquen. Um 9.30 Uhr werden die Touristen, die heute die Favela besuchen möchten, von Colin Chvany und Rodrigo „Sony“ Bonel an der Strandpromenade abgeholt. Viel geschlafen haben die beiden Tourguides nicht, denn am Abend zuvor waren sie auf einer Baile-Funk-Party und haben einer anderen Urlaubergruppe gezeigt, wie in der Favela gefeiert wird.

Baile-Funk nennt sich der harte, gewaltverherrlichende Favela-Rap. Brasiliens Mittelschicht rümpft über diese vulgäre Ghettomusik nur die Nase. Überhaupt wollen viele Brasilianer mit den Favelas so wenig wie möglich zu tun haben. Nicht so Colin und Sony: „Wir hatten früher eine Volleyballmannschaft“, berichtet Colin. „Und wenn man mit seinem Team Erfolg haben wollte, dann hat man sich Jungs aus den Favelas in die Mannschaft geholt. Die waren durchtrainiert und hatten Ehrgeiz.“ So kam es, dass die Schüler aus gutem Hause mit den Ghettokids abhingen. Als sie später keine Lust mehr auf ihre Bürojobs hatten, nutzten sie ihre alten Kontakte und machten sich selbstständig mit der Geschäftsidee Favela-Tour. Die Tour durch Rocinha beginnt zu Fuß. Neben dem schmalen Pfad verläuft ein offener Abwasserkanal, zwischen den selbst errichteten Häusern hängt ein Gewirr provisorisch verlegter Stromkabel. „Die Mittelschicht zahlt mit ihrer Stromrechnung die Energieversorgung der Armenviertel mit“, sagt Sony.

„Eine sehr brasilianische Form der Umverteilung“

Denn Strom wird hier illegal bezogen. „Eine sehr brasilianische Form der Umverteilung“, scherzt Sony. Sogar Klempner gibt es, die sich darauf spezialisiert haben, die illegalen Anschlüsse zu legen. Wegen ihrer Hanglage werden die Favelas auch „Morros“ genannt - nach dem portugiesischen Wort für Hügel. Doch eine grandiose Aussicht auf die Bucht von Rio entschädigt für den steilen Anstieg. Die kastenförmigen Ziegel- und Betonhäuschen stapeln sich wie ausgeschüttete Legosteine am Hang. Zwischen 60 000 und 250 000 Menschen leben in Rocinha - so genau weiß das niemand. Damit gehört die Favela neben dem Complexo do Alemão und dem Complexo da Maré zu den größten in Rio. Eine Stadt in der Stadt - mit Läden, Verkaufsständen, Friseurgeschäften und Restaurants. Ihre Bäckerei eröffnete Maria vor 15 Jahren.

Seitdem verkauft sie Kuchen, Leckereien und Dinge für den täglichen Bedarf. „Das Haus haben mein Vater und mein Mann gemeinsam gebaut“, erzählt die Ladenbesitzerin stolz. Vor 33 Jahren kam Maria aus dem Norden auf der Suche nach Arbeit nach Rio. Damit ging es ihr wie vielen: Seit Jahrzehnten ist der Zuzug in die Städte ungebremst. Etlichen Neuankömmlingen bleibt nur eine Baustelle in der Favela. Nicht jeder versuchte es auf ehrlichem Weg: Das Labyrinth aus Gassen und Treppen ist auch ein ideales Operationsgebiet für die Drogengangs, die mit Kokain aus Kolumbien und Bolivien handeln. Um die Sicherheit der Besucher zu gewährleisten, wurden vor der WM etliche Favelas von der Polizei befriedet - Kritiker sagen: besetzt. Wo vor kurzem noch Dealer mit Maschinengewehren patrouillierten, zeigt nun der Staat dauerhaft Präsenz.

Vergangenes Jahr wurden zwei Deutsche angeschossen

Was sie davon hält, möchte Maria lieber nicht sagen, denn die Gangs sind in den Vierteln weiter aktiv. „Die Umsätze der Drogenkartelle sind eingebrochen, aber der Handel läuft weiter“, sagt Colin. Zu Zwischenfällen kann es also auch weiterhin kommen: So wurden vergangenen Herbst zwei Deutsche angeschossen, die Rocinha auf eigene Faust erkundeten. Sie nahmen die gleich Route wie bei der geführten Favela-Tour, aber ohne Begleitung und mit Videokamera. „Als sie um die Ecke bogen, sahen sie eine Gruppe Bewaffneter und rannten weg.“ Die eröffneten daraufhin das Feuer. „Eine Panikreaktion“, urteilt Colin. Ein paar Brocken Portugiesisch und die Herausgabe der Filmaufnahmen hätten die Situation entschärft. Auch die Geschichte von Colin und Sony geht noch weiter: „Als sich das Volleyballteam auflöste, gingen unsere Freunde zurück in die Favela.

Einige schlossen sich den Gangs an.“ Einer stieg in der Hierarchie auf, zettelte einen Putsch gegen die alte Garde an und wurde neuer Boss des Drogenkartells. Der frühere Volleyball-Kumpel ist der Grund, dass sich Colin und Sony in Rocinha auskennen und frei bewegen können. Als er bei der Befriedung der Favela verhaftet wurde, war er einer der meistgesuchten Verbrecher Brasiliens.

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Infos zu Rio de Janeiro

Anreise
Der Flughafen Galeão (GIG) in Rio de Janeiro ist ein internationales Luftkreuz. Die portugiesische Airline TAP fliegt mehrmals täglich über Lissabon nach Rio ( www.flytap.com ). Direktflüge ab Frankfurt am Main bietet die Lufthansa ( www.lufthansa.com ).

Unterkunft
In Rio de Janeiro gibt es eine große Auswahl internationaler Hotels. Wer die Menschen in den Armenbezirken kennenlernen möchte, kann auch dort wohnen. Vor allem in den kleineren Favelas sind zahlreiche Gästehäuser entstanden. Wer einige Vorsichtsmaßnahmen beachtet, braucht hier wegen der Sicherheit keine Bedenken zu haben.

Das Hostel Pousada Favelinha (Rua Almirante Alexandrino 2023, Morro Pereira da Silva, Rio de Janeiro, www.favelinha.com ) liegt in einer kleinen Favela in der Nähe des Künstlerviertels Santa Teresa. Das Doppelzimmer mit Frühstück kostet etwa 45 Euro pro Nacht.

Das Gästehaus Vidigal (Rua Major Toja Martinez Filho 127, casa 2, Vidigal, Rio de Janeiro, www.vidigalhouse.com.br ) befindet sich in der gleichnamigen Favela in Strandnähe bei Leblon. Das Doppelzimmer mit Frühstück kostet etwa 40 Euro pro Nacht.

Favela-Touren
Ausflüge in die Favelas werden - auch kurzfristig - von vielen Veranstaltern angeboten. Colin und Sony von der Organisation Bet on Rio kennen sich aus und beantworten gerne alle Fragen ( www.betonriotours.com ). Ob Favela-Tour, Drachenfliegen oder Fußballspiel, „Be a Local“ organisieren es ( www.bealocal.com ).

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