Seit dem achten Lebensjahr hört er Stimmen, seit seiner Jugend ist er drogensüchtig. Nun steht ein 24-Jähriger wegen Brandstiftung in einer Notunterkunft in Winnenden vor Gericht. Ist er ein Täter – oder ein Opfer seiner Lebensumstände?
Der Mann mit den schulterlangen Haaren auf der Anklagebank des Stuttgarter Landgerichts sitzt vornübergebeugt, so dass man sein Gesicht kaum sehen kann. Er redet leise, aber durchaus strukturiert, was angesichts seines Lebenslaufes nicht selbstverständlich ist. Im Jahr 2002 ist der heute 24-Jährige mit seiner Mutter nach Deutschland gekommen, nachdem sein Vater in Süditalien gestorben war. „Wir haben vor Kurzem erfahren, dass ihn die Mafia umgebracht hat“, erzählt der junge Mann.
In Deutschland schaffte er zwar den Hauptschulabschluss, tat sich im sozialen Umgang aber sehr schwer. Aus mehreren Wohngruppen und Sozialunterkünften sei er rausgeflogen, erzählt er. Auch bei seinem Onkel in Italien habe er es wegen dessen Psychose nur drei Monate ausgehalten. Immer wieder habe er für längere Zeit auf der Straße gelebt, und wenn es ihm ganz schlecht gegangen sei, habe er sich selbst in psychiatrische Krankenhäuser begeben. Allein im Zentrum für Psychiatrie in Winnenden war er nach Informationen des vom Gericht beauftragten Gutachters acht Mal.
Seit dem achten Lebensjahr hört er Stimmen
Seit seinem achten Lebensjahr höre er Stimmen, bisweilen fühle er sich auch verfolgt. Mit Marihuana habe er mit 13 Jahren angefangen, derzeit sei er heroinsüchtig, habe zuletzt aber auch Ecstasy und Amphetamine geschluckt – „alles, was ich bekommen konnte“, sagte er. Auch Alkoholmissbrauch habe es früher gegeben.
Vergleichsweise lang, nämlich seit Oktober 2023, hielt es der 24-Jährige in der Notunterkunft in der Albertviller Straße in Winnenden aus. Allerdings habe er sich auch dort nicht wohlgefühlt, es sei in der Küche und den Toiletten teilweise „ekelhaft“ gewesen. In seinem Zimmer habe es eine Insektenplage gegeben. Am Abend des 21. Juli vergangenen Jahres habe er diese töten wollen, nachdem ein Insektenspray das Problem nicht gelöst habe.
Selbst gebastelter Flammenwerfer
Er habe ein Feuerzeug in den Strahl eines Deos gehalten, um eine Art Flammenwerfer auf die Tiere zu richten. „Das war ziemlich dumm von mir, ich habe dabei ein Handtuch erwischt, das auf einem Wäscheständer hing“, sagt der 24-Jährige rückblickend. Er habe den Wäscheständer dann mit dem Fuß umgetreten, aber da sei das Feuer schon auf andere Wäschestücke übergesprungen und habe sich ausgebreitet. „Ich war dann mit der ganzen Situation überfordert und bin einfach abgehauen, weil auch viele Leute rumgestanden sind“, führte der junge Mann weiter aus. Genauere Erinnerungen habe er nicht mehr, da er unter Drogen gestanden sei und einen Filmriss hatte.
Die Staatsanwaltschaft wirft dem 24-Jährigen in einer so genannten Antragsschrift schwere Brandstiftung vor, hält ihn jedoch wegen einer paranoid-halluzinatorischen Schizophrenie für zumindest nur vermindert schuldfähig. Nach ihren Ermittlungen kam es im Juli vergangenen Jahres in der Folge zu einem Vollbrand im Erdgeschoss der Notunterkunft, vier Mitbewohner mussten evakuiert werden. Die untere Etage sei wegen starker Rauchgasablagerungen auf längere Sicht nicht bewohnbar, der Sachschaden betrage rund 200 000 Euro.
Ist der Angeklagte gefährlich für die Allgemeinheit?
Die Anklagebehörde will mit dem so genannten Sicherungsverfahren erreichen, dass der derzeit vorläufig im Zentrum für Psychiatrie in der Weissenau untergebrachte 24-Jährige dort noch längerfristig bleibt. Sie hält ihn für gefährlich für die Allgemeinheit, da weitere Taten von ihm zu erwarten seien.
Bestritten hat der junge Mann den zweiten Anklagevorwurf der Körperverletzung. Er habe einen Bekannten, den er im Juli vergangenen Jahres in der Albertviller Straße getroffen habe, nicht verfolgt, gepackt und geschlagen. „Dieser Mann will mich fertigmachen und hat mich schon öfters zu Unrecht angezeigt. Von dem halte ich mich stets fern“, erklärte der 24-Jährige.
Der Prozess wird fortgesetzt.