Die Grillhütte am Postplatz wird abends zu einem beliebten Treffpunkt – es sei denn, die AfD bewirtet. Foto: Simon Granville

Bröckelt auch in der Provinz die Brandmauer? In der Weinbaustadt Lauffen ist ein bizarrer Glühwein-Streit um die AfD entbrannt.

Wie hält es die Wirtschaft mit der AfD? Die Frage, die zuletzt den Verband der Familienunternehmer in Berlin wegen seiner Einladung an AfD-Politiker in Erklärungsnot gebracht hat, sorgt zunehmend auch auf lokaler Ebene für Diskussionsstoff. Jetzt ist der Gewerbeverein in Lauffen am Neckar in die Kritik geraten. Ohne Not böte die Organisation der Gewerbetreibenden der AfD ein Forum, um sich als bürgernah zu präsentieren, lautet der Vorwurf.

 

Bei der Lauffener Brandmauer-Diskussion geht es um die Weihnachtshütte, die der Gewerbeverein alljährlich auf dem Postplatz aufstellt und dort Vereinen und Gruppen zur Bewirtung überlässt. So soll Weihnachtsstimmung in der Stadt entstehen. Doch nun darf am kommenden Mittwoch erstmals die AfD Glühwein ausschenken. „Wir haben uns bei örtlichen Winzern schon mit Ware eingedeckt“, sagt Dieter Glatting, einer von zwei AfD-Stadträten im Gemeinderat.

AfD zwischen Hundeverein und Elternbeirat

Seit der Gewerbeverein in der vergangenen Woche im städtischen Amtsblatt die Belegungsliste für die Weihnachtshütte veröffentlicht hat, ist die Aufregung in der 12000-Einwohner-Stadt groß. Denn zwischen dem Schwäbischen Albverein, dem Elternbeirat eines Kindergartens und dem Hundeverein, tauchte auch die AfD in der Liste auf. Zwar dürfen SPD und Grüne im Verlauf der Adventszeit ebenfalls noch bedienen, und auch die CDU war in der vergangenen Woche schon an der Reihe. Doch viele finden, dass das nicht dasselbe ist.

Warum der Gewerbeverein einer Partei, die vom Landesverfassungsschutz als extremistischer Verdachtsfall geführt werde, ein Forum biete, sei nicht nachzuvollziehen, heißt es in einem offenen Brief an den Gewerbevereins-Chef Thomas Huber. „Damit wird eine Normalisierung extremistischer Positionen in Kauf genommen.“ Innerhalb weniger Stunden hätten schon mehr als 50 Bürger unterschrieben, sagt Waltraud Enderle. Die 66-Jährige, die sich in der kommunalen Flüchtlingsarbeit engagiert, ist eine der Initiatorinnen des Briefs.

Die Bürgermeisterin hat Verständnis

Während Huber sich am liebsten gar nicht zu der Sache äußern möchte, hat die Bürgermeisterin Sarina Pfründer Verständnis für seine Nöte. „Die AfD ist demokratisch gewählt. Wenn wir als Stadt die Hütte vergeben würden, hätten wir auch alle Parteien berücksichtigen müssen“, sagt sie. Allerdings ist der Gewerbeverein nicht die Stadt. Natürlich hätte es den Verantwortlichen frei gestanden, anders zu entscheiden, sagt der FDP-Stadtrat Michael Mühlschlegel. Von den Verantwortlichen hätte er sich schon „mehr Fingerspitzengefühl gewünscht“.

Hundeverein, Grundschuleltern, AfD: alle dürfen mal ran. Foto: Simon Granville

Genügend andere Interessenten für die Abende in der Hütte hätte es wohl gegeben. Man habe nach dem Grundsatz entschieden: Wer zuerst kommt, mahlt zuerst, räumt Huber ein. Wobei ihm wohl nicht so ganz klar war, wem er da die Hütte überlässt. Insider erzählen, Huber fühle sich auch ein wenig hinters Licht geführt.

„Schleichende Normalisierung“

Derweil diskutieren die anderen Gemeinderatsparteien. „Mir macht diese schleichende Normalisierung Sorgen, die sich durch alle Lebenslagen zieht“, sagt der SPD-Fraktionschef, Jan Reichle. Nicht nur am Glühweinstand, auch in Vereinen versuche die AfD, Fuß zu fassen. Dabei seien auch die lokalen Akteure überzeugte Ideologen. „Die sind nur destruktiv.“ Nicht einmal für den Wärmeplan im Kindergarten hätten sie gestimmt, „weil sie ja nicht an den Klimawandel glauben“.

Derweil wurden im Rathaus für Mittwochabend ein Protestmarsch und eine Mahnwache angemeldet. Die Veranstalter rechnen mit 100 Teilnehmern. Manche halten die Aktion allerdings für übertrieben. „Ich würde das nicht zu hoch hängen“, sagt der CDU-Fraktionschef Axel Jäger. Ihm genüge es, dem AfD-Stand fern zu bleiben, wobei AfD-Mann Glatting auch diesen Boykott unerhört findet: „Früher hat es geheißen: Kauft nicht beim Juden! Heute heißt es: Kauft keinen Glühwein bei der AfD!“

Viele Gewerbetreibende hätten ihm signalisiert, dass sie auf seiner Seite stünden. Wahrscheinlicher ist allerdings, dass der Mittwoch der vorerst letzte AfD-Abend in der Weihnachtshütte wird. Sie vermute, dass der Gewerbeverein künftig dort gar keine Parteien mehr zulässt, sagt Bürgermeisterin Pfründer. „Oder sie lassen es mit der Hütte gleich ganz sein.“