Erschöpfung und Trauer bei den Einsatzkräften: Bei einem Feuer in der Innenstadt von Backnang im Rems-Murr-Kreis sind in der Nacht zum Sonntag acht Menschen ums Leben gekommen. Foto: Benjamin Beytekin

Sie hatten keine Chance: Eine türkische Familie wird in Backnang im Schlaf von den Flammen überrascht. Eine Frau und sieben ihrer zehn Kinder sterben. Eine Stadt zwischen Entsetzen und Solidarität.

Backnang - Schon wenige Stunden nach der Brandkatastrophe in Backnang erinnern Plüschtiere und Blumen an die acht Todesopfer. Ein paar Meter entfernt tragen Einsatzkräfte die Leichen der sieben Kinder und einer Frau aus dem Haus in der Innenstadt - abgeschirmt von einer schwarzen Zeltplane. Die Opfer - eine Mutter und sieben ihrer zehn Kinder im Alter von sechs Monaten bis 16 Jahren - wurden wohl im Schlaf überrascht, sie erstickten im Qualm und ihre Leichen verbrannten. Nur ein Elfjähriger kann sich mit seiner Oma und seinem Onkel in Sicherheit bringen. Die Familie stammt aus der Türkei.

Die Großmutter kommt wenig später wieder zu der qualmenden Ruine. Sie hat den Großbrand als Einzige vergleichsweise unversehrt überlebt. Der Familienvater erreicht erst später den Unglücksort. Dem Vernehmen nach hatte er sich von seiner Frau getrennt und war ausgezogen.

Politiker eilen zum Unglücksort

„Hier kennt jeder jeden“, sagt eine Frau. Die Tragödie habe sich schnell herumgesprochen. Zahlreiche Nachbarn und Angehörige kommen. Wegen der Herkunft der Opfer sind auch zahlreiche türkische Medienvertreter vor Ort. Der türkische Botschafter in Deutschland, Hüseyin Avni Karslioglu, Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne), sein Innenminister Reinhold Gall (SPD) und der türkische Generalkonsul in Stuttgart, Mustafa Türker Ari, zählen zu den prominenten Besuchern an dem Gebäude einer ehemaligen Lederfabrik.

Kretschmann, in dunklem Anzug und dunkler Krawatte, sagte: "Wir sind sehr betroffen und erschüttert angesichts dieser Katastrophe, die diese große Familie und unser Land heimgesucht hat. Ich will allen Angehörigen und der ganzen türkischen Gemeinde mein herzliches Beilied auch im Namen der baden-württembergischen Landesregierung und des baden-württembergischen Volkes aussprechen". Die Tragödie erinnere ihn an den Brand in einer Behindertenwerkstatt in Titisee-Neustadt, bei dem Ende November 14 Menschen gestorben waren.

Das alte Fabrikgebäude scheint schon vor dem Feuer nicht mehr in bester Verfassung gewesen zu sein. Augenzeugen berichten von maroden Zuständen. Der Vater der Opferfamilie soll viele Reparaturen selbst erledigt haben. Ein ehemaliger Mieter erzählt von Problemen mit der Elektrik und dass er - wie auch die Betreiber eines Deutsch-Türkischen Kulturvereins und eines Getränkemarkts im Untergeschoss - den Vermieter, eine Erbengemeinschaft, schon mehrmals darauf hingewiesen habe. Erfolglos.

Nichts deutet auf einen Anschlag hin

Nun liegen Ziegel auf der Straße. Immer wieder steigt Rauch auf. Polizeisprecher Klaus Hinderer sagt, das Gebäude müsse komplett abgerissen werden. Auf einen ausländerfeindlichen Akt deute nichts hin. Vielmehr spiele ein defekter Holzofen eine Rolle - die angeblich einzige Heizquelle in der Fünf-Zimmer-Wohnung.

Als sich das Feuer in der Nacht ausbreitet, ist es nach Polizeiangaben ein Besucher des Clubs Merlin auf der Rückseite des Gebäudes, der die Feuerwehr alarmiert. Clubbetreiber Christos Kiroglou versucht, in das Gebäude zu gelangen, er tritt einige Türen ein. Der beißende Qualm drängt ihn aber zurück. Auf einer anderen Seite des Hauses gelingt es ihm, den Weg für den Elfjährigen und die beiden Verwandten freizumachen. „Jeder hat das Möglichste gegeben, bis die Feuerwehr kam“, sagt Kiroglou. Ein türkischer Reporter nimmt ihn in den Arm: „Sie sind unser Held.“

Die Feuerwehr braucht Stunden, um Herr über das Flammeninferno zu werden. Am Morgen ist die Zahl der Toten noch unklar, im Laufe des Tages finden die Rettungskräfte dann Leiche um Leiche.

Das Mitgefühl ist groß

Die Anteilnahme ist groß. „Ich habe den Eindruck, dass ein hohes Maß an Betroffenheit und Erschütterung herrscht“, sagt Minister Gall. Vor einem Altenheim sitzen Frauen mit und ohne Kopftuch, weinen und trösten einander. In einer Moschee ein paar Häuser wird gebetet.

Polizeisprecher Hinderer bringt das Ausmaß der Katastrophe auf den Punkt. Er ist seit 42 Jahren bei der Polizei und war beim Amoklauf im nahe gelegenen Winnenden dabei, der sich an diesem Montag zum vierten Mal jährt. Er sagt: „Ich habe sowas noch nicht erlebt. Nicht durch einen Brand.“

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