Verheerende Stadtbrände sind das Thema der neuen Ausstellung „Feuer – Segen und Fluch“ in Bietigheim-Bissingen – mit historischen Fotos und vielen spannenden Exponaten.
Götterfunke und Hölleneinheizer, Lebensspender und Todbringer, Attraktor und Distanzgebieter: Das Feuer weckt viele Assoziationen. „Und in manchen Städten prägen Feuer auch das Stadtbild, wie bei uns in Bietigheim“, sagt Catharina Raible, Leiterin des Stadtmuseums im Hornmoldhaus: Den Marktplatz gäbe es in seiner heutigen Anmutung nicht, wäre im August 1921 nicht in den schmalen Gassen der historischen Altstadt ein Brand ausgebrochen, der das Quartier zwischen Rathaus und Stadtkirche in Schutt und Asche legte.
Es war damals – man mag Parallelen zum Sommer 2022 entdecken – monatelang heiß und trocken gewesen; die Flammen hatten leichtes Spiel, sprangen in Windeseile auf benachbarte Gebäude und Scheunen über. Die Fabrikfeuerwehr der „Germania Linoleum Werke“ – später DLW – versuchte, das knappe Löschwasser vor allem zum Schutz der über den Straßen liegenden Gebäude einzusetzen. Die Sorge, das Rathaus und die evangelische Stadtkirche könnten ebenfalls Opfer der Flammen werden, war groß.
Ein ganzes Stadtquartier war vernichtet
Die Bilanz des Unglücks: 21 obdachlose Familien, neun zerstörte Häuser und vier abgebrannte Scheunen – ein ganzes Stadtquartier war vernichtet. Erst zehn Jahre später war der nach Plänen des Architekten Adolf Abel neu gefasste Marktplatz fertig – unter anderem mit dem Arkadenbau, der das Bild des Platzes heute noch prägt. Genau dort war dann übrigens auch die Bietigheimer Feuerwehr beheimatet – bis sie 1975 nach dem Zusammenschluss mit der Bissinger Wehr eine neue, zeitgemäße Feuerwache erhielt.
Ein Jahrhundert nach dem großen Stadtbrand hat Catharina Raible das Unglück und andere Feuersbrünste und Brandkatastrophen vergangener Zeiten zum Anlass für eine Ausstellung im Bietigheimer Stadtmuseum genommen. „Feuer – Fluch und Segen“ heißt sie, und allein schon die im Stadtarchiv erhaltenen alten Fotografien der 1921er-Katastrophe sind den Besuch wert. Der Schaulust und Sensationsgier wurde übrigens auch anno dazumal schon findig Rechnung getragen – und damit Geld verdient: Vier Generationen vor Instagram und Facebook brachte man eben Postkarten auf den Markt, so auch diejenige mit dem „offiziellen Bild von dem Brand-Unglück vom 1. – 2. August 1921“ mit drei Ansichten des zerstörten Quartiers.
Offenes Feuer gehörte lange zum Alltag der Menschen
Um die Ereignisse von damals gruppieren sich viele Themen-Verästelungen. So erinnert die Ausstellung daran, dass offenes Feuer noch bis ins 20. Jahrhundert hinein ganz selbstverständlich zum Alltag der Menschen gehörte – zum Heizen, Kochen und Backen, zum Wäschewaschen, Bügeln und für die Beleuchtung. Schaut man sehr viel weiter in die Vergangenheit zurück, kommen weitere Aspekte hinzu: Feuer eröffnete neue Ernährungsmöglichkeiten durch Braten, Garen und Räuchern. Feuer wurde zum Brennen von Keramik und zur Herstellung von Eisen und Glas genutzt. Es hielt wilde Tiere ab, kam beim Roden von Acker- und Weideflächen zum Einsatz oder war Basis für den Gebrauch von Dampfmaschinen, Sprengstoff und Schusswaffen für zivile und militärische Zwecke. „Feuer ist keineswegs nur negativ konnotiert. Es hatte und hat viele segensreiche Aspekte“, sagt Catharina Raible.
Für die Exponate in der Ausstellung erwiesen sich sowohl das Stadtarchiv als auch das Depot des Museums und die historische Sammlung der Feuerwehr Bietigheim-Bissingen, mit der das Museum kooperiert, als wahre Fundgruben. Einen Löschwagen mit Schlauch aus dem Katastrophenjahr 1921 ist in den Fachwerkräumen ebenso zu sehen wie alte Helme und Uniformen, aber auch ein einsamer Balken von einem Haus aus dem Jahr 1594, das der Stadtbrand vernichtete.
Auch der Bezirksschornsteinfeger ist mit von der Partie
Auch der Brandschutz ist ein Thema. Von krudem Aberglauben über das Kapitel Turmwächter bis zu heutiger Vorbeugung reicht die Agenda, samt passender Exponate. „Ich habe die tollsten Schätze im Depot. Toll, dass wir einige zeigen können“, sagt die Museumschefin. Etwa einen alten Brandschrank, der aus zwei aufeinanderstellbaren Korpusteilen mit Griffen besteht. Nah an der Haustür stehend, konnte man das dort aufbewahrte kostbarste Hab und Gut schnell hinaustragen, ohne noch ausräumen zu müssen. Selbst der Bezirksschornsteinfeger Steffen Wahl hat sich von Raible einspannen lassen. Welche Rolle seine Wärmebildkamera in der Ausstellung spielt? Wer das und mehr wissen will, muss hingehen – und schauen.
Von Backhaus bis Gruselmärchen
Der Auftakt
Die Ausstellung „Feuer – Segen und Fluch“ wird am Sonntag, 16. Oktober, um 11.15 Uhr im Ratssaal des Bietigheimer Rathauses eröffnet. Im Anschluss gibt es einen Umtrunk und ein Programm zum Thema Feuer. Von 14 bis 15 Uhr können die Gäste außerdem das Backhaus in der Fräuleinstraße 15 anschauen.
Das Programm
Zu der Schau, die bis September 2023 geht, gibt es etliche Veranstaltungen, etwa am 17. November um 18 Uhr einen Märchenabend, zu dem Xenia Busam Feuererzählungen mitbringt, oder am 24. November um 18 Uhr „Brandgeschichten aus der Schatzkiste des Stadtarchivars“ mit Christoph Florian. Es können auch Führungen, Workshops oder Kindergeburtstage gebucht werden. Mehr Info unter https://stadtmuseum.bietigheim-bissingen.de.