Einmal zu den Großen des Boxsports gehören – davon träumt Fidaim Brahimi schon seit seiner Kindheit. Mit seinem ersten Profikampf ist der Böblinger dem nun einen Schritt nähergekommen.
Als sein Name durch die Lautsprecherboxen in der Stuttgarter Scharrena schallt, ist Fidaim Brahimi aufgeregt. Im positiven Sinne wohlgemerkt. Adrenalin pumpt durch sein Blut. Die Energie staut sich in ihm auf. Er ist völlig fokussiert. Denn das, was gleich kommen wird, hat er sich seit seiner Kindheit ausgemalt. Und jetzt ist der Moment endlich da, den der Böblinger immer schon erleben wollte: sein Debüt als Profiboxer.
Die Glocke ertönt, die beiden Kontrahenten gehen ans Werk. Fidaim Brahimi fackelt nicht lang. Für ihn zählt nur das Gewinnen. „Wenn ich eine Lücke gesehen habe, fing ich an zu schlagen“, beschreibt er. Mit Finten testet er aus, wie sein erfahrener Gegenüber reagiert. Seine Fäuste fliegen abwechselnd Richtung Körper und Kopf. Finden ihr Ziel. Flink und variabel. „Rein und wieder raus, immer wieder zurückziehen, die Deckung wahren“, lässt er seine Taktik Revue passieren. Er erwischt die Leber und das Gesicht. Sein Rivale muss zweimal auf die Matte, wird aber durch den Gong gerettet. Nach 13 Sekunden in der zweiten Runde der nächste harte Treffer. „Da ging der dann runter und stand nicht mehr auf“, erzählt der 30-Jährige stolz. Technischer Knock-out. Der Ringrichter hebt seine Hand zum Zeichen des Sieges.
Schon als kleiner Bub im Kosovo wollte Fidaim Brahimi Profiboxer werden
Für Fidaim Brahimi erfüllt sich in diesem Augenblick ein großer Wunsch, der schon in ihm reifte, als er noch ein kleiner Bub war. Inspiriert von den Menschen in seinem Heimatdorf Prekaz, die im Kosovo-Krieg wehrhaft für ihre Freiheit eingestanden sind. „Der Gedanke an sie gibt mir Kraft. Sie haben so sehr gekämpft, das motiviert mich“, nickt er. 2007 kommt er mit zehn Jahren nach Böblingen, begleitet ein paar Freunde ins Boxtraining beim VfL Sindelfingen. „Da habe ich meine Liebe für diesen Sport gefunden“, erinnert er sich.
Was ihn daran so fasziniert? „Du bist auf dich allein gestellt. Nur der Gegner und du“, antwortet er. „Und dann musst du zeigen, was du draufhast.“ Fidaim Brahimi ist keiner, der ausschließlich nach vorne marschiert und wild um sich haut. „Ich bin eher der Techniker“, erläutert er. Treffen und nicht getroffen werden – so lautet sein Mantra. Sauber boxen. „Schläge an meinen Kopf sind nicht gesund für mich“, fügt er lächelnd hinzu.
Die Eltern sind trotzdem nicht unbedingt die größten Fans seines Entschlusses. „Meine Mutter schaut mir nie zu. Ihr Herz macht das nicht mit. Mein Vater ist immer extrem nervös, wenn er dabei ist“, schmunzelt Fidaim Brahimi. „Aber sie haben sich damit abgefunden, mich immer unterstützt und für mich gebetet, weil sie wissen, dass ich es wirklich will.“
Dennoch legt er seine Ambitionen 2018 zunächst auf Eis, nachdem er zuvor für andere Vereine auch in der Bundesliga aktiv war. Er schließt seine Ausbildung zum Stuckateur ab, heiratet, seine Frau bekommt drei Kinder, das Privatleben hat Vorrang. „Es war immer mein Traum, ganz oben zu den Besten zu gehören. Das zu erreichen, kostet aber viel Zeit und auch Geld“, setzt er zunächst andere Prioritäten.
Im vergangenen Jahr packt ihn das Fieber aber erneut. Die Lust kommt zurück. Die Wiederbelebung einer Vision. Seine Gattin steht hinter ihm und dieser Entscheidung. Er steigt wieder in den sprichwörtlichen Sattel. Schließlich ist es mit dem Boxen wie mit dem Fahrradfahren. Nur ohne Pedale. „Man vergisst nicht, wie es geht“, schüttelt Fidaim Brahimi den Kopf. „Die Technik ist vielleicht ein bisschen eingerostet, aber das kommt zurück.“
Zunächst geht es allerdings an die Kondition. Kraftausdauer bolzen. „Erst ganz easy, dann immer intensiver“, schildert der 30-Jährige. Es folgen Sparringskämpfe, im Hintergrund läuft die Suche nach Sponsoren. Vier Monate lang ackern und rackern Fidaim Brahimi und sein Team, geben einfach alles. Bis es tatsächlich soweit ist: Showdown for Legacy III und der eingangs geschilderte Kampf seines Lebens. Dass dieser der siebte des Abends ist – und nicht etwa der erste oder zweite wie bei Neulingen üblich – bedeutet dem Rückkehrer in den Ring viel: „Ich bin PrimeTime Promotion sehr dankbar, dass sie mir diese Plattform vor noch mehr Zuschauern gegeben haben.“
Der Rest ist, wie man so schön sagt, Geschichte. Fidaim Brahimi nutzt diese Chance vor großem Publikum eindrucksvoll. „Es ist ein super Gefühl, wenn man weiß, dass es auch nach einer so langen Pause noch funktioniert und man den Plan genau so umsetzen kann wie gedacht“, gibt der Triumph vor vielen Verwandten und Bekannten dem Böblinger reichlich frisches Selbstvertrauen.
Es bestätigt ihn bei seinem eingeschlagenen Weg. Kommendes Jahr steigt er wieder für Profikämpfe ins Seilgeviert. Drei- bis viermal, wenn es nach ihm geht. „Ich bin dankbar, dass ich mir das in Deutschland aufbauen konnte“, trägt er deshalb auf seinen Boxklamotten außer dem albanischen Adler auch Schwarz-Rot-Gold. „Ich schätze es, hier leben und mir meinen Traum verwirklichen zu können.“ Ein Traum, aus dem er noch lange nicht aufwachen möchte.