Nach seiner Zeit in Untersuchungshaft und einem langen Gerichtsprozess betritt Felix Sturm wieder die große Boxbühne. Gegen den Ungarn Istvan Szili geht es für den Ex-Weltmeister um eine erneute WM-Chance. Doch mit 43 Jahren ist Sturm für viele nur ein Schatten alter Tage.
Der Grandseigneur des Faustkampfes spricht sich deutlich für eine Altersbegrenzung aus. Mit 40 Jahren, findet Wilfried Sauerland, sollte mit dem professionellen Boxen Schluss sein. „Denn das Risiko, aufgrund der nachlassenden Reflexe schwer k. o. zu gehen, ist einfach groß“, sagt Deutschlands erfolgreichster Promoter.
Doch Felix Sturm schlägt sämtliche Warnungen in den Wind: Mit 43 steigt der Mann, der in seiner nun schon 21 Jahre währenden Profikarriere im Ring bereits fünfmal Weltmeister war, an diesem Samstag gegen den gerade mal vier Jahre jüngeren Ungarn Istvan Szili durch die Seile. Für viele Beobachter ist dieses Duell allerdings nicht mehr als ein Altherrenkampf. „Das hat mit Boxen nichts zu tun“, sagte etwa der „Tiger“ Dariusz Michalczewski der „Bild-Zeitung“.
Felix Sturm, der im Dezember 2020 nach einer juristischen Zwangspause mit Untersuchungshaft sowie einem langwierigen Gerichtsprozess inklusive Revision in den Ring zurückkehrte und seither zwei Kämpfe gegen relativ unbekannte Gegner gewonnen hat, sieht die Lage fundamental anders.
„Wenn man die Chance hat, danach um die WM zu boxen – ich bin 43, Istvan ist fast 40 – wird man so motiviert sein wie noch nie in seinem Leben. Deswegen nehme ich das Thema extrem ernst“, sagt der Rheinländer mit bosnischen Wurzeln (42 Siege, fünf Niederlagen, drei Unentschieden, 18 K. o.) zu dem Ausscheidungskampf, der ihm im Fall eines Sieges über Szili (25 Siege, zwei Niederlagen, zwei Unentschieden, 14 K. o.) eine WM-Chance gegen den britischen Weltmeister Lerrone Richards einbringt. Dieser WM-Fight könnte im Spätsommer mit großem Ballyhoo womöglich in der Arena auf Schalke stattfinden. Schließlich will Sturm noch mal eine dicke Börse einstreichen.
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Allerdings verdeutlicht nicht nur der Umstand, dass der ehemalige Mittelgewichtler nun eine Klasse höher im Supermittelgewicht (bis 72,6 Kilogramm) antritt, dass es sich bei Felix Sturm nicht mehr um den Ausnahmeathleten handelt, der 2004 gegen den US-Superstar Oscar de la Hoya nach einem herzerfrischenden Kampf von den Punktrichtern um seinen Sieg betrogen wurde. Inzwischen sind die Gegner allesamt handverlesen – zudem ist die IBO, die den möglichen WM-Kampf Sturm gegen Richards sanktionieren würde, ein unbedeutender Verband, was einiges über die Qualität eines möglichen sechsten Titels für Sturm verrät. Viele Experten sind sich einig: Der ohnehin am Boden liegende Profibox-Standort Deutschland braucht derlei Comebacks nicht.
Firat Arslan steht hinter Sturm
Tatsächlich weiß der in Fragen des Marketings pfiffige Sturm, der bürgerlich Adnan Catic heißt, mit dem Springer-Verlag einen potenten Partner an seiner Seite. So läuft seit Tagen eine breit angelegte Werbekampagne für den Dortmunder Boxabend, dessen zwei Hauptkämpfe (vor Sturm tritt der unbesiegte Stuttgarter Profi Simon Zachenhuber zum Rematch gegen Maurice Morio an) live via Bild-TV zu sehen sind. Zudem gibt es von einem anderen Box-Oldie Beistand. „Felix hat so viel für das Boxen getan – er wird auch diesmal seinen Weg gehen“, sagt der Göppinger Cruisergewichtler Firat Arslan, der auch mit 51 Jahren noch das Ziel hat, um die WM zu kämpfen.
Sturm packt derweil seine aktuelle Chance beherzt beim Schopfe. Schließlich ist er der einzige namhafte Champion aus der Hochzeit des deutschen Profiboxens, der noch aktiv ist. Zudem liegen schwere Zeiten hinter und vor ihm. Klar ist, dass die jüngere Vergangenheit den Familienvater reichlich Geld für anwaltlichen Beistand gekostet hat, während er andererseits keine Gelegenheit hatte, als Berufssportler tätig zu sein.
Wann Sturm die Haft antritt, ist unklar
Drei Jahren ist es inzwischen her, dass Sturm auf der Fitnessmesse Fibo in Köln festgenommen wurde. Fast neun Monate saß der 43-Jährige anschließend in Untersuchungshaft, ehe er im April 2020 zu drei Jahren Haft verurteilt wurde. Mittlerweile ist die Strafe, die wie ein Damoklesschwert über ihm schwebt, auf zwei Jahre und vier Monate verkürzt worden. Wann er die Haft antreten muss, ist noch unklar. Verurteilt wurde Sturm wegen Steuerhinterziehung und Körperverletzung. Letzteres für die Tatsache, dass der Boxer nach seinem Frankfurter Kampf vom Februar 2016 gegen den Russen Fjodor Tschudinow, in dem er den WBA-Titel zurückeroberte, positiv auf die anabole Substanz Stanozolol getestet wurde. Diesmal soll es im Ring sauber zugehen.