Vom Gast zum Kellner zum Wirt: Andreas Marx ist im Boulanger zu Hause. Foto: Keck

Nach 20 Jahren hört der Boulanger-Wirt Andreas Marx auf. Was wird aus Tübingens bekanntester Altstadtkneipe?

Tübingen - Was haben der Filmemacher Wim Wenders und der EU-Kommissar Günther Oettinger gemeinsam? Beide versuchten vergeblich, der bekanntesten Altstadtkneipe Tübingens einen Besuch abzustatten. Trotz Promibonus blieb ihnen der Zutritt zum Boulanger verwehrt. Wim Wenders habe er nicht erkannt, gibt der Boulanger-Wirt Andreas Marx freimütig zu. Bei einem Konzert habe drangvolle Enge geherrscht, da habe er alle Neuankömmlinge wieder hinausbugsiert. Erst später sei ihm klar geworden, wer da hineinwollte. Eine klare Absage erhielt vor ein paar Jahren Oettinger, der nach einem Stiftungsfest der Landsmannschaft Ulmia in den Farben seiner studentischen Verbindung Einlass suchte. „Im Wix gibt’s nichts“, bekam er zu hören und musste weiterziehen.

Der Tübinger Kneipenwirt Andreas Marx hat klare Prinzipien und einen Schatz an Geschichten, den er abends beim Bier gerne zum Funkeln bringt. „Manche stimmen, manche nicht“, gibt der 56-Jährige lachend zu und lehnt sich auf der Holzbank im Schankraum genüsslich zurück. Dass Hegel lieber im Boulanger saufen als im Tübinger Stift beten gegangen sei, könne als Gerücht betrachtet werden. Der Schauspieler Ulrich Tukur aber schaue tatsächlich immer mal wieder vorbei, er habe in Tübingen studiert.

Zum Jahresende läuft der Pachtvertrag aus – das kommt Marx entgegen.

Seine Stammgäste kennt Andreas Marx alle beim Namen, mit manchen spielt er Skat, andere nimmt er zur Begrüßung erst mal herzhaft in den Arm. Der Boulanger ist sein Zuhause. Früher hätten ihn seine Eltern vor der Spelunke gewarnt, erzählt er – aber er hat den wohlgemeinten Rat ignoriert. Erst kam er als Gast in die Kneipe, dann zum Kellnern, und irgendwann hat er den Boulanger in der Collegiumsgasse einfach selbst übernommen. Das ist bald 20 Jahre her. Und allmählich ist es auch genug, wie Andreas Marx findet. Wenn zum Jahresende der Pachtvertrag mit dem Hausbesitzer ausläuft, will er aufhören. „Es war immer nur ein Hobby“, sagt der Teilzeitkneipier, der im Hauptberuf als Belegungsmanager in der Tübinger Psychiatrie arbeitet.

Morgens vor der Klinik schaut er im Boulanger nach dem Rechten, und abends kommt er vorbei, um das Anstehende zu erledigen. Mit einem Team von 13 Mitarbeitern – von Festangestellten bis zu Minijobbern – wuppt er den Laden. Er zahle ordentlich, versichert Marx. Das wenige, was hängen bleibe, gebe er gleich wieder für Musiker aus. Ob Bluegrass-Bands oder Folk-Gigs – in der Einraumkneipe mit Holztäfelung ist wenig Platz und immer viel los. An einem Haken an der Wand hängt die Getränkekarte samt Benimmregeln. „Burschis: Bitte Mützchen und Sicherheitsgurte ablegen“, ist dort zu lesen. Und: „Wir bedienen sehr gerne, sind jedoch keine Diener.“

Eigentlich habe er nicht vor, noch einmal eine Kneipe zu managen, stellt Marx klar. Aber man wisse ja nie, was kommt. Im Boulanger wird jedenfalls weiterhin Bier fließen, so ist zu hören. Der palästinensische Schwiegersohn des schottischen Hausbesitzers wolle übernehmen.

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