Verlässlichkeit gegen Wechselstimmung: die Wahlkampfplakate von Volker Bouffier und Thorsten Schäfer-Gümbel Foto: dpa

Sie sind Gegner und doch Schicksalsgenossen: Volker Bouffier (CDU) und Thorsten Schäfer-Gümbel (SPD) machen für ihre miesen Umfragewerte ihre Bundesparteien verantwortlich. Für diese hängt von der Landtagswahl am Sonntag einiges ab.

Wiesbaden - Der Tag hatte gut angefangen für Thorsten Schäfer-Gümbel, den SPD-Spitzenkandidaten in Hessen. Das Echo auf sein TV-Duell mit CDU-Ministerpräsident Volker Bouffier am Vorabend war freundlich. Auch der Vormittag auf dem Podium der Ricarda-Huch-Schule in Dreieich-Sprendlingen vor 300 Schülern läuft für den 49-Jährigen bestens: Schäfer-Gümbel erhält den stärksten Beifall der fünf Spitzenkandidaten – CDU-Kontrahent Bouffier hat sich vertreten lassen, die AfD ist nicht dabei –, und zwar dafür, wie er den Schülern in temperamentvoller Rede die AfD beschreibt. Sie sei offen rassistisch und wegen ihrer mangelnden Distanz zu faschistischen Personen und Nazis „anders“ als demokratische Parteien. Man könne deren Vertreter zwar einladen, und er rede mit ihnen auch, habe aber Verständnis dafür, wenn man sie nicht einlade, so wie es die Schule getan habe. Das verstehen die Schüler, Punktsieg für TSG.

„Ich habe einen Plan“, sagt Schäfer-Gümbel

Dann flimmert eine Umfrage auf die Smartphones: Mit 20 Prozent liegt die SPD hinter CDU und Grünen – ein Tiefschlag. Schäfer-Gümbel bewahrt die Contenance, aber als er kurz darauf im Wahlkampfbus zum Hintergrundgespräch in den Sessel sinkt, ist er angefressen, tief enttäuscht. „Heute Morgen ist es mir lieber, wenn Sie mal Fragen stellen“, fordert er resigniert die Presse auf. Hessen galt einmal als „rot“, die Sozialdemokraten hatten hier einst Mehrheiten um 51 Prozent, prägten den Slogan „Hessen vorn“. Aber seit 19 Jahren stellt die CDU die Ministerpräsidenten in Wiesbaden. Und jetzt im dritten Anlauf versucht der im Allgäu geborene Schäfer-Gümbel, Sohn eines Lkw-Fahrers und einer Putzfrau, die Macht zurückzuholen.

Er beklagt den Stillstand von Schwarz-Grün in Hessen, er weist akribisch die Versäumnisse in der Wohnungs- und Bildungspolitik nach, er versucht einen fairen Umgang mit dem politischen Gegner, wenngleich er Bouffier angesichts dessen Neigung, über die SPD populistische Halbwahrheiten zu verbreiten, vorwirft, gelegentlich „infam“ zu sein. Alles für die Katz.

b>Der Bundestrend zieht die Hessen-Wahlkämpfer runter

Der Bundestrend in den Umfragen, der die Groko-Parteien in die Tiefe reißt, nimmt die hessischen Wahlkämpfer mit. Es werde zu viel „gelabert“, wirft Schäfer-Gümbel der Bundesregierung vor. Auch sei es falsch gewesen, dass die SPD sich nur über das Thema soziale Gerechtigkeit gebeugt, aber die Ökologie den Grünen überlassen habe. „Wir brauchen eine neue Fehlerkultur. Wir müssen Fehler analysieren und Konsequenzen ziehen“, sagt Thorsten Schäfer-Gümbel. „Ich selbst stehe für Geradlinigkeit, und ich habe einen Plan.“

Die Bürger spotten über die SPD-Chefin

Mühlheim am Main ist eine Arbeiterstadt und gilt als SPD-Hochburg. Hier gibt’s in der Fußgängerzone ein Heimspiel für Schäfer-Gümbel. „TSG ist einer von uns“, sagt ein Rentner. Er kenne die Probleme der Arbeiter, er habe sich ja selbst auch „durchgebissen“. Eine ältere Dame ruft: „Sie sehen gut aus, besser als im Fernsehen, bleiben sie so schlank.“ Alles gut – wäre da nicht die Morgenmeldung über die SPD-Chefin und passionierte Reiterin Andrea Nahles, die ausgerechnet in diesen Tagen einen fraktionenübergreifenden „Arbeitskreis Pferd“ gründen will. „Geht’s noch?“, empört sich ein Genosse in Mühlheim und tippt sich an die Stirn. Ein anderer spottet: Damit wolle die SPD sicher „Hürden überspringen“. Oder sei das ein Beitrag zur Dieselkrise und Nahles habe „Arbeitskreis Fährt“ gemeint? Allenthalben Kopfschütteln über die da oben in Berlin. Die Hessen-SPD hat für den Schlussspurt am Samstag beliebte SPD-Ministerpräsidenten wie Malu Dreyer und Stephan Weil eingeladen – Nahles wird nur dosiert eingesetzt, am Samstag ist sie nicht dabei.

Homestory in der Bunten an prominenter Stelle

Schäfer-Gümbel lässt sich von seiner Ehefrau Annette Gümbel begleiten. Ihr Outfit in zartem Rosa wäre auch für die Oper nicht verkehrt. Auf Kaffee im Bus verzichtet sie wegen der Fleckengefahr. Frau Gümbel fiebert sichtlich mit ihrem Mann mit. Sie erzählt Privates, etwa, dass die fünfköpfige Familie auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise 2015 die Vormundschaft für einen eritreischen Jungen übernommen habe – es sollte ein Zeichen sein. Bevor Schäfer-Gümbel Mühlheim verlässt, kauft er eine „Bunte“, die eine Homestory über das Paar enthält. „Annette ist mein Sonnenschein“, heißt es darin, und TSG schildert, wie er mit 19 eine Netzhautablösung erlitt und seitdem eine starke Brille tragen muss. Das Beste an der Story ist ihre Platzierung, denn da liegt TSG vorn – eine Seite vor George Clooney, um nur mal auf die Liga hinzuweisen, in der hier gespielt wird.

Thorsten Schäfer-Gümbel und sein Kontrahent Volker Bouffier kandidieren beide in Gießen, wo Schäfer-Gümbel es als Politneuling viele Jahre ertragen musste, dass der seit 1982 im Landtag sitzende Bouffier kein Wort mit ihm wechselte. Heute aber sind beide so etwas wie Schicksalsgenossen. Falls Schäfer-Gümbel erneut scheitert, wird der Druck auf Nahles wachsen, die ungeliebte große Koalition zu sprengen. Auf der anderen Seite wird der Druck auf die CDU-Chefin Angela Merkel wachsen, den Parteivorsitz abzugeben, falls es Bouffier aus dem Amt kegeln sollte. Auch die Hessen-CDU, die bei der vergangenen Wahl noch 38,3 Prozent erreichte, landete in der jüngsten Umfrage bei 26 Prozent.

Bouffier kämpft mit dem Rücken zur Wand

Aber Bouffier, breitschultrig, sonore Stimme, 66 Jahre alt und stolz darauf, dass sein Vater und Großvater als Politiker die CDU im einst „roten“ Gießen verankerten, ist ein Kämpfertyp. Als Basketball-Jugendnationalspieler hatte er einen Unfall, den er nur knapp überlebte und rückblickend als „Schlüssel für den Rest des Lebens“ bezeichnet. Jetzt kämpft Bouffier mit dem Rücken zur Wand, schaltet auf Angriff, bezeichnet ein mögliches „Linksbündnis“ in Wiesbaden als „Katastrophe“. Zu potenziellen neuen Koalitionspartnern wie der SPD versucht er dennoch nett zu sein: Bei jeder Gelegenheit dankt er den Genossen, dass sie die schwarz-grüne Politik zur Integration von Flüchtlingen mitgetragen habe.

„Wir regieren hier ohne Krawall und ständige Krisensitzungen“, sagt Bouffier auch über seinen grünen Koalitionspartner, was durchaus als Seitenhieb auf die Groko in Berlin aufgefasst werden darf. Die Zeit mit den Grünen scheint den einst als „Schwarzer Sheriff“ titulierten Bouffier, der mal unter dem Hardliner Roland Koch Innenminister war, weich gespült zu haben. Ihn interessiert jetzt, was eine Gesellschaft zusammenhält. Eine gute Integration gelinge nur, wenn neu ankommende Flüchtlinge sofort mit dem Deutschlernen anfingen, egal welche Bleibeperspektive sie haben.

Von der glänzenden Bilanz seines Landes ist Bouffier überzeugt. Die Wirtschaftsdaten, das 1,7-Milliarden-Euro schwere Wohnungsbauprogramm und die Schaffung von 4000 Lehrerstellen sprechen aus seiner Sicht eine eindeutige Sprache. Aber bei den Bürgern zieht das nicht recht. Seine Parole „Damit Hessen stark bleibt“ ist nun ergänzt durch „Jetzt geht’s um Hessen“.

Die Opposition wirft Bouffier Amtsmüdigkeit vor

Eigentlich gilt Bouffier als Merkel-Mann. Vier Auftritte hat sie noch diese Woche in Hessen. Aber der Bundespolitik weist auch Bouffier klar die Verantwortung für die desaströse Lage seiner Partei zu. „Die Umfragen sind für uns enttäuschend. Im Augenblick überlagert die Bundespolitik die Diskussion“, sagt er. Bouffiers Ehefrau Ursula begleitet ihn im Wahlkampf, sie sitzt mit ihm auf Podien – wie kürzlich in der Orangerie von Darmstadt – und lässt sich von einer der CDU wohlgesinnten Moderatorin in heimeliger Wohnzimmeratmosphäre befragen. Da geht es ums Lieblingsessen des Ministerpräsidenten (Schnitzel), die Frage, ob er lieber Bier oder Wein trinkt, und wie es sei, wenn die beiden erwachsenen Söhne – Juristen wie der Vater – sonntags zum Essen „viel zu selten“ nach Hause kommen.

Dann erzählt das Ehepaar die Anekdote vom Besuch der Queen 2015 in Frankfurt, als Bouffier vertraulich seinen Arm auf die Stuhllehne der neben ihm sitzenden Königin legte – ein Fauxpas, der den Protokollchef aus der Fassung brachte. Ursula Bouffier sagt, sie habe ihren Mann später gefragt, warum er den Arm nicht weggezogen habe: „Er hat geantwortet, er hatte den Eindruck gehabt, dass sie das möge.“ Da lachen die Bürger im Saal.

Volker Bouffier kann den gütigen Landesvater geben, er ist seit 42 Jahren in der Landespolitik. Ein Politprofi, der einstecken und austeilen kann. Kürzlich soll er die Junge Union intern zusammengestaucht haben, weil sie auf ihrem Deutschlandtag in Kiel „nur über die Vergangenheit“ gesprochen habe. Aber mangelnde Zukunftsvisionen, Amtsmüdigkeit – genau das wirft ihm auch die Opposition vor. 19 Jahre CDU-Regierung seien genug, das reiche, sagen viele. Eine Wechselstimmung sei spürbar, meint die SPD. Aber noch steht Bouffiers CDU laut Umfragen als stärkste politische Kraft im Land da.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: