Jack Draper spielt auf dem Stuttgarter Weissenhof den Spielverderber und wirft Publikumsliebling Frances Tiafoe aus dem Turnier. Auch Jan-Lennard Struff muss die Segel streichen – er meldet sich krank.
Der Tag hatte schon nicht gut begonnen. Erst mit einer Stunde Verspätung ging es am Freitag los – der Regen. Zwar tröpfelte es nur leicht, da die Boss Open auf dem Stuttgarter Weissenhof aber bekanntlich auf Rasen ausgetragen werden, ist jeder Tropfen einer zu viel. Die Spieler könnten ausrutschen und sich verletzen.
Als es um die Mittagszeit endlich losgehen konnte, machte die nächste Hiobsbotschaft die Runde. Jan-Lennard Struff meldete sich plötzlich krank. Kein Einsatz möglich, weshalb sein Gegner Brandon Nakashima aus den USA kampflos ins Halbfinale einzog. Nach der Turnierabsage von Topstar Alexander Zverev die nächste enttäuschende Nachricht für die Veranstalter und die 5500 Fans, die am Freitag auf den Weissenhof strömten.
Keine Neuauflage des Vorjahres-Finales
Tags zuvor hatte der Warsteiner bei seiner Zweitrundenpartie gegen Arthur Rinderknech noch begeistert, nichts hatte zu diesem Zeitpunkt auf einen Rückzieher hingedeutet. Als Grund gab Stuff am Freitag einen Magen-Darm Infekt an. Die Nacht zuvor musste er im Krankenhaus verbringen. Mit Struffi-Rufen wurde er von den Anhängern verabschiedet, als er am frühen Nachmittag mit seinem Tross die Anlage auf dem Weissenhof verließ.
Und es wurde nicht besser. Anschließend verabschiedete sich mit Frances Tiafoe dann auch noch der Publikumsliebling aus dem Turnier. Der Vorjahressieger musste in seinem Viertelfinale denkbar knapp die Segel streichen: 7:5, 4:6, 6:7 (1:7) hieß es nach etwas über zwei Stunden gegen den Engländer Jack Draper.
Statt der erhofften Neuauflage des Vorjahresfinales zwischen Struff und Tiafoe kommt es in der Vorschlussrunde an diesem Samstag (ab 12 Uhr) nun zum Duell zwischen Draper und Brandon Nakashima. Im anderen Semifinale kommt es zum italienischen Duell zwischen Lorenzo Musetti und Matteo Berrettini. Musetti profitierte dabei im Viertelfinale von der Aufgabe seines Gegners Alexander Bublik zu Beginn des dritten Satzes wegen einer Fußverletzung. Was irgendwie ins Bild des Tages passte.
Den Auftakt am Samstag machen Draper und Nakashima. Ein Match für Kenner, schließlich hat noch keiner der beiden auf der ATP-Tour für größeres Aufsehen gesorgt. Was einerseits an ihrem Alter liegen dürfte: beide sind erst 22. Und sich andererseits bald ändern könnte. Besonders Draper beeindruckte im bisherigen Turnierverlauf mit seinen harten Schlägen und seinem geradlinigen Spiel. Im Viertelfinale schlug er im Tiebreak des dritten Satzes seinem Gegner ein Ass nach dem anderen um die Ohren. Der Londoner verlor auch dann nicht die Nerven, als er beim Stand von 5:4 einen Matchball vergab. In den entscheidenden Punkten spielte er sein bestes Tennis – Eigenschaften eines Champions.
Draper – die neue Nummer eins von Großbritannien
„Man sieht, dass er als Engländer schon früh viel auf Rasen gespielt hat“, urteilte Ex-Profi Michael Berrer, der in Stuttgart als Turnierbotschafter auftritt. Als Linkshänder bringt Draper zudem ein ureigenes Erschwernis für jeden Gegner ins Spiel. Wenn Draper von Nahe der Seitenlinie aus aufschlägt, kann man beim Return nur verzweifeln. Nicht selten landet der Ball nach dem Absprung weit auf der seitlichen Tribüne.
Doch wer ist der Mann, der in der kommenden Woche in die Top 40 der Weltrangliste und damit zur neuen Nummer eins von Großbritannien aufsteigen wird? Mit dem Tennis begonnen hat der junge Jack Draper bereits mit drei Jahren. Seine Mutter war einst eine Top-Nachwuchsspielerin und arbeitete später als Coachin in einem Verein, wo der kleine Jack schon früh Bälle gegen eine Ballwand drosch. Draper durchlief die übliche Nachwuchs-Laufbahn, zählt den auf Abschiedstour befindlichen Andy Murray zu seinen Vorbildern und ist großer Anhänger von Manchester United. So weit, so normal für einen Briten.
Model im Nebenerwerb
Eher ungewöhnlich ist da schon Drapers Nebenerwerb: Der Londoner ist neben dem Tennisplatz auch als Model unterwegs. Bilder von ihm zeigen den 22-Jährigen in freizügigen Outfits. Insofern passt sein Erfolg gut zu den Boss Open, wo Models des Hauptsponsors rund um die Courts die Turnieratmosphäre prägen. Im Kontrast dazu steht sein unscheinbares Äußeres auf dem Tennisplatz. Das aber nicht darüber hinwegtäuscht, was in ihm steckt.