Hier sieht’s aus wie im Krieg: Der Besitzer des Kriegshostels Arijan Kurbasic steht mit einer Kerze in einem der Hostelzimmer. Foto: AP

25 Jahre nach Ausbruch des Bosnienkriegs ist der angeschlagene Vielvölkerstaat von dessen Folgen noch immer gezeichnet. Doch zumindest der Fremdenverkehr in der Hauptstadt Sarajevo floriert: Es ist der Krieg, der vor allem jüngere Touristen in seinen Bann zieht.

Sarajevo - Ein anheimelndes Feriendomizil sieht anders aus. Gefechtsdonner grollt unheilvoll aus den Lautsprechern über den kargen Matratzenlagern. Kerzen flackern im düsteren Waschraum des Krieghostels in Bosniens Hauptstadt Sarajevo. Gewehrattrappen und Verbandszeug zieren den zum Bunker umgebauten Fernsehraum. In schusssicherer Weste stellt sich der Eigentümer Arijan Kurbasic hinter der mit Tarnnetzen verhängten Rezeption den Gästen als „Nulleins“ vor – dem einstigen Soldaten-Code-Namen seines Vaters.

25 Jahre nach Ausbruch des Bosnienkriegs ist der angeschlagene Vielvölkerstaat auf dem Balkan von dessen Folgen noch stark gezeichnet. Doch zumindest der Fremdenverkehr in Sarajevo floriert: Es ist der vor einem Vierteljahrhundert entfachte Krieg, der Touristen in der von April 1992 bis Februar 1996 belagerten Stadt in seinen Bann zieht.

Nein, er sei kein Militarist, beteuert der 25-jährige Herbergsvater. Meist seien es jüngere Touristen aus englischsprachigen Ländern, die ihr Quartier in dem Hostel aufschlagen würden. Manche Gäste kämen gezielt, „um mehr über den Krieg zu erfahren“. Andere Besucher seien von Waffen besessen und wollten mit „coolen Erinnerungsfotos“ vor ihren Freunden protzen: „Aber ich bin nicht vom Krieg fasziniert. Ich hasse ihn.“

Der Vater des Hostelbesitzers ist durch den Krieg gezeichnet

1425 Tage und Nächte lang prasselten im Durchschnitt mehr als 300 Granaten täglich auf die abgeschlossene Stadt. Mehr als 35 000 Gebäude wurden zerstört, mehr als 11 000 Menschen verloren ihr Leben. Er sei ein Kleinkind während des Krieges gewesen und könne sich nur an Schüsse und Feuer erinnern, erzählt der kurz geschorene Kurbasic zu. Sein Vater sei durch den Krieg gezeichnet, Erzählungen darüber würden bei ihm zu viele Wunden aufreißen: „Darum berichte ich den Gästen, was damals geschah.“

Immer mehr Reisebüros in Sarajevo bieten Kriegstouren an. Als Stadtführer habe er gemerkt, dass Besucher sich am meisten für den Krieg interessierten, erklärt Arijan, warum er sein Elternhaus zum Kriegshostel hat umbauen lassen. Für zehn Euro mit Geschützdonner als Nachtmusik können seine Gäste schaudernd ihr Haupt auf die Bunkerpritschen betten. Tagsüber können sich Interessierte für 20 Euro auf eine Tour zu den Brennpunkten der Belagerung machen. Von Kriegstouren mag Kurbasic nicht sprechen, bezeichnet diese lieber als „Kriegserfahrungen“: „Bei mir kann man einige Aspekte des Krieges real erfahren.“

Im Zentrum sind die meisten Spuren des Kriegs getilgt

Das Rot der sogenannten Sarajevo-Rosen ist verblichen: Überall in der Hauptstadt von Bosnien erinnern die eingefärbten Einschlagsstellen im Asphalt an die Geschosse. Im Zentrum sind die meisten Spuren des Kriegs getilgt, im Stadtteil Grbavice aber sind viele Fassaden noch von Einschusslöchern durchsiebt. Die Front zwischen den Belagerern der bosnisch-serbischen Truppen und den Verteidigern der multiethnischen Stadt sei mitten durch das Wohngebiet verlaufen, berichtet Kurbasic: Von den Hochhäusern nahmen Heckenschützen die Bewohner der umliegenden Straßenzüge ins Visier.

Ein unterirdischer Gang wurde zur Lebensader eingeschlossenen Stadt. Der 920 Meter lange „Tunnel der Hoffnung“ ist längst verschüttet. Stattdessen gehen heute die Kriegstouristen gebückt durch einen 25 Meter langen Nachbau der nur 1,70 Meter hohen Rettungsröhre. Den Besuch des Tunnelmuseums lässt „Nulleins“ aus, er kutschiert seine Schützlinge stattdessen auf einen der nahen Höhenzüge.

In den Herzen und Hirnen hat der Krieg niemals geendet

Unterhalb der mit Gestrüpp überwucherten Bobbahn der Olympischen Spiele von 1984 sei sein Vater fast vier Jahre lang direkt an der Front stationiert gewesen, erzählt Kurbasic. Den Fichten hier fehlten wegen des damaligen Dauerbeschusses bis heute die unteren Äste: „In den Stämmen stecken unzählige Granatsplitter und Kugeln.“

Verrostete Konservendosen erinnern in zugewucherten Schützengräben an den langjährigen Stellungskrieg. Mit Bordsteinen hatten die Belagerer ihre Stellungen verstärkt. Sie nutzen die Betonröhre der Bobbahn als Rückzugslinie. Nur wenige Meter entfernt hatten sich die Stadtverteidiger am Hang in mit Holzpfählen verstärkten Erdlöchern eingegraben.

Sein Vater habe damals im Wechsel zwei Tage zuhause und zwei Tage im Bunker verbracht. „Bei jedem Geschoss, das abgeschossen wurde, hatte er Angst, dass es uns treffen würde.“ Das Blutvergießen sei vorbei, doch das geteilte Land habe „keinen Frieden“ gefunden, sagt Kurbasic beim Abschied: „In den Herzen und Hirnen hat der Krieg niemals geendet.“

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