Die Uferpromenade von Neum offenbart den etwas eigentümlichen Charme des Küstenortes an der Adria. Hier sind Hotelzimmer selbst in der Hochsaison billig zu haben. Foto: Bostelmann/Argum

Neum ist  eine Durchgangsstation oder aber der letzte bezahlbare Urlaubsort an der Adria.

Prall steht die Nachmittagssonne über der Adria und wirft ihr Licht gegen die steile dalmatinische Küste, an der, einer Silberader gleich, das Asphaltband der E65 glänzt. In abgedunkelten Bussen sind die Reisenden auf den Parkplatz des Shopping Centar Karaka gerollt. Und vor der Sonne gleich in die klimatisierte Ladenpassage geflüchtet, wo die Jeans- und Parfümverkäuferinnen bereitstanden und im Restaurant die portionierten Hackfleischgerichte. Wenn die Busse nach einer Stunde weiterfahren, wird kaum ein Blick hinab ans Meer gewandert sein. Dann hat Neum nur seine abgasvernebelte Oberfläche zeigen können. Wieder mal.

Es sind Deutsche, Österreicher, Briten, die hier halten, Kroatienurlauber auf der Durchreise von Dubrovnik nach Split oder Trogir. Im Gepäck die Erinnerung an verwinkelte Gassen, marmorne Paläste und Kathedralen. Neum dagegen werden sie – wenn überhaupt – als Kuriosum in Erinnerung behalten. Als langgestreckte Raststätte zwischen zwei Grenzübergängen. Wo es billige Zigaretten gab. Einen Happen zu essen. Eine Toilette.

An Neum führt kein Weg vorbei. Hier zwängt sich Bosnien-Herzegowina ans Meer, in Form eines zehn Kilometer breiten Korridors, der das kroatische Dalmatien teilt, das südliche Ende um Dubrovnik von Kroatiens restlichem Staatsgebiet abtrennt, zur Exklave macht. Aus der Pufferzone ist eine Einkaufszone geworden. Ein schlagbaumbewehrtes Schnäppchenparadies. Auch wegen der hiesigen Mehrwertsteuer, die sechs Prozentpunkte unter der kroatischen liegt. Zudem sind viele Waren in Bosnien-Herzegowina generell günstiger. Und so reiht sich ein Shopping Centar, ein Super Diskont an den nächsten, samt Großraumparkplätzen.

Doch es gibt noch ein anderes Neum. Unterhalb der E65, verborgen im nachmittäglichen Gegenlicht. Wohin Menschen kommen, um zu bleiben. Es sind Urlauber aus Bosnien-Herzegowina, aber auch aus Polen, Tschechien, der Slowakei. Urlauber, denen die Unterkünfte in Kroatien zu teuer geworden sind, die pittoreske Altstädte und wildes Nachtleben entbehren können, wenn nur die Sonne scheint und das Doppelzimmer mit Meerblick selbst in der Hochsaison nicht über 30 Euro kostet. Rund 5000 Gästebetten hat Neum, Tendenz steigend. Die Straße in diese Parallelwelt, den Urlaubsort Neum, zweigt von der E65 ab und schlängelt sich bis ans Meer. Mit jedem Schritt hinab schwindet der Fernstraßenlärm. Stattdessen ertönt hinter Pinien das Klackern aneinanderprallender Bocciakugeln, vermischt mit den Rufen der Männer. Die Gehwege sind übersät von zermatschten Früchten ungeernteter Feigenbäume, auf den Flachdächern der Häuser trocknen Walnüsse. Wie zum Beweis, dass auch hier niemand darben muss.

Auch Neums Badewasser kann sich sehen lassen. Türkisfarben füllt es eine weite Bucht, die im Windschatten einer Halbinsel liegt. Das Wasser ist seicht, die Bucht nahezu unschiffbar. Was der maritimen Beschaulichkeit keinen Abbruch tut. Schläfrig schwappt die bosnisch-herzegowinische See auf die schmalen Kiesstrände. Von Yachten keine Spur, nur ein paar kleine Motorboote dümpeln auf dem Wasser, umschippert von einer Armada altgedienter Tretboote.

An Land dagegen herrscht Enge, bleibt keiner der raren Quadratmeter bosnisch-herzegowinischer Küste ungenutzt, ist ein Badetuchmosaik gelegt, von jungen Paaren, Rentnern, Großfamilien. Und wo kein Strand ist, sitzen sie dicht an dicht auf dem nackten Beton der niedrigen Kaimauern. Die Ansprüche sind bescheiden, die Improvisationskünste groß. Ein ausrangiertes Baugerüst dient Halbstarken als Sprungturm. Ein Mann schiebt einen fahrbaren Tischfußballtisch den Kai rauf, in Erwartung spielfreudiger Kunden.
Später, am Abend, tanzen sie hier, nicht in Clubs oder Großraumdiscos, sondern am Wasser unter Lampions und Sternen, zu Rocco Granatas „Marina“, im Halbplayback dargeboten von einem örtlichen Musikerduo. Spätestens jetzt scheint es, als habe hier wie in einem Reservat eine Urform von Urlaub überlebt, als sei Neum ein Hort der hohen Kunst, die Urlaubszeit tatsächlich in die heitersten Stunden des Jahres zu verwandeln.

An der E65 sind die Supermärkte mittlerweile geschlossen, die Parkplätze verwaist, was ein Vorgeschmack sein könnte auf die Ruhe kommender Jahre. Denn wenige Kilometer vor dem Grenzübergang hat Kroatien mit dem Bau einer riesigen Brücke begonnen, die hinüberführen wird auf die kroatische Halbinsel Pelješa. Wie eine Spange soll die Brücke Kroatien verbinden. Dann wird der Transit durch Bosnien-Herzegowina unnötig, kann man einen Bogen um Neum machen. Muss man aber nicht.

Neum

Anreise
Nach Dubrovnik fliegt Air Berlin, nach Split Germanwings. Zwischen Dubrovnik und Split verkehren Busse mit Halt in Neum (www.ak-split.hr, www.dubrovnik-online.com). Zur Einreise genügt der Personalausweis.

Unterkunft
Im Hotel Neum muss man bei Komfort und Sauberkeit einige Abstriche machen, doch dafür ist das Ambiente von 1977 bestens erhalten; DZ inkl. Halbpension ab 50 Euro (www.hotel-neum.com).
Das moderne Hotel Adria bietet Annehmlichkeiten wie Minibar und Klimaanlage; DZ inkl. Halbpension ab 55 Euro (www.hotel-adria.biz).

Auskunft
Tourismuszentrale der Föderation Bosnien und Herzegowina: www.bhtourism.ba/ger

Was Sie tun und lassen sollten
Eine Delikatesse sind Prstaci, Steinbohrermuscheln, die an Dalmatiens Küste vorkommen. In Kroatien dürfen sie nicht auf die Speisekarte, da sie oft nur unter Schädigung der Unterwasserwelt zu „ernten“ sind. In Neum hat sie aber fast jedes Restaurant im Angebot.

Vielleicht tun es ja – der Umwelt zuliebe – auch gezüchtete Miesmuscheln, die hier ebenfalls sehr delikat zubereitet werden.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: