Serie Die Marbacher sind früher von den Nachbarn Bide oder Bierabäm genannt worden. Beides war nicht unbedingt schmeichelhaft. Vor allem Bide nicht, denn das bedeutet so viel wie blöd. Der Begriff wurde wohl von Ottilie Wildermuth geprägt. Von Christian Kempf

Serie Die Marbacher sind früher von den Nachbarn Bide oder Bierabäm genannt worden. Beides war nicht unbedingt schmeichelhaft. Vor allem Bide nicht, denn das bedeutet so viel wie blöd. Der Begriff wurde wohl von Ottilie Wildermuth geprägt. Von Christian Kempf

Das waren noch Zeiten, als sich die Benninger und die Marbacher spinnefeind waren. Wer da mit einem Mädchen in der Nachbarschaft anbandeln wollte, hatte kein leichtes Spiel. Das ging so weit, dass ein junger Schillerstädter zur Kirbe den Neckar durchschwimmen musste, um zu seiner Liebsten zu gelangen. Über die Holzbrücke zu spazieren, wäre zwar bequemer gewesen - aber auch tollkühn. Den Steg hatten die Benninger blockiert. Logisch, dass in Zeiten wie diesen die Leute nicht die allerhöflichsten Namen füreinander übrig hatten. Die Benninger waren als hitzköpfige Hommeln verschrien, die Marbacher die Bide. "Das war wenig schmeichelhaft", erinnert sich der Ur-Marbacher Friedrich Hammer schmunzelnd. Denn damit meinte man nichts anderes als blöd oder beschränkt, erklärt der Vorsitzende der Weingärtnergenossenschaft Marbach und Umgebung.

Woher dieses Wort kommt, das er in seiner Kindheit häufiger beim Gespräch der Erwachsenen aufschnappte, kann der heute 63-Jährige nicht exakt sagen. Die wahrscheinlichste Variante ist wohl, dass die Marbacher Schriftstellerin Ottilie Wildermuth bei der Verbreitung des Begriffs nicht ganz unschuldig war. Laut Eugen Munz, der als Verfasser des ersten Bandes zur Marbacher Stadtgeschichte bekannt ist, habe die Autorin den Begriff in die Literatur eingeführt. "In der Erzählung ,Ein ungerächtes Opfer" ist eine der Hauptpersonen der Bide, ein blödsinniger Vetter, der . . . bei seinem Verwandten in M. wohnte", schreibt Munz in einem Aufsatz zum Marbacher Necknamen.

Er fand auch eine Notiz von Ottilie Wildermuth, wonach sie sich seinerzeit in einer "schriftlichen Gestaltung einiger Marbacher Erinnerungen versuchte". Deshalb kommt Eugen Munz zu dem Schluss: "Der Bide war ein blödsinniger Marbacher Bewohner." Den Begriff habe die Schriftstellerin vermutlich aus der Tübinger Studentensprache übernommen. Damals habe sie freilich nicht ahnen können, dass aus dieser Bezeichnung einmal der Neckname der Marbacher werden könnte. "Und alle aus den Nachbarorten, die von diesem Bide Wind bekamen, haben ihn mit Freuden aufgegriffen, um den Marbachern etwas anzuhängen", fasst der Ortshistoriker zusammen. Böse Zungen aus der Umgebung behaupteten damals anscheinend auch, dass die Marbacher ein wenig beschränkt seien, weil sie sich "mit Schiller verausgabt hätten", wie Eugen Munz anmerkt. Wie auch immer: Heute werde der Begriff Bide nicht mehr verwendet, sagt Friedrich Hammer. "Meine Kinder kennen das nicht mehr", berichtet der WG-Chef, der es grundsätzlich bedauerlich findet, dass der Dialekt mehr und mehr verschwindet. Vor circa 50 Jahren habe es auch aufgehört, dass die Marbacher Bierabäm genannt wurden. Diesen zweiten Spitznamen haben sie in gewisser Weise einem Pilz zu verdanken. Vor 120 bis 140 Jahren sei der Peronospora, der den meisten eher als Falscher Mehltau geläufig sein dürfte, in der Gegend eingeschleppt worden, erläutert Friedrich Hammer. Damals seien auf Marbacher Gemarkung viele Reben eingegangen. Und was machten die Bauern? Sie pflanzten als Ersatz Birnenbäume an. So seien die Bürger zu ihrem zweiten Spitznamen gekommen, erläutert Hammer. Das bestätigt Eugen Munz in seinem Aufsatz. Die Marbacher hätten gleich zwei Necknamen abbekommen. Und beide seien "mehr oder weniger schmeichelhaft". Da klingt die heutige Bezeichnung Schillerstädter doch schon wesentlich angenehmer.

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