Bei Bosch Home Comfort in Wernau schreitet die Automatisierung voran. Viele Anwendungen werden noch getestet, unterstützen aber auch längst in der täglichen Arbeit.
Ein Hubwagen mit grauen Boxen aus dem Lager wird von einem jungen Bosch-Mitarbeiter – wie man das eben so kennt – in die Montage geschoben. Ein kleines Stück weiter fahren zwei Hubwagen-Kufen von ganz alleine durch die Wernauer Logistikhalle, holen sich eine Palette mit den gleichen grauen Kisten selbstständig ab und bringen sie dorthin, wo sie hin sollen.
Was aussieht wie von Geisterhand bewegt, ist ein ausgeklügeltes digitales System des Münchner Start-up Filics. Dieses möchte seine Errungenschaft namens „Unit“ zur Serienreife führen und hat bei der Bosch Home Comfort Group in Wernau ein Testfeld gefunden, auf dem die Anwendung unter Echtbedingungen weiterentwickelt werden kann.
Automatisierung bei Bosch Home Comfort ist keine Spielwiese
Michael Staudinger, der den Wernauer Bosch-Standort leitet, schmunzelt zufrieden: „So ein System bringt Vorteile, weil es vieles leichter macht.“ Und er ergänzt: „Das ist, wie unter anderem dieser Fall zeigt, allerdings nicht nur auf Bosch bezogen, sondern eine Unterstützung für Start-ups in Deutschland.“
Die Automatisierung ist für die Bosch Home Comfort Group aber alles andere als eine Spielwiese. Am Wernauer Standort läuft bereits vieles weitgehend automatisiert ab – und es soll im neuen Jahr noch wesentlich mehr werden. Versucht, verändert, verbessert und manchmal auch wieder verworfen, wird permanent. Dafür gibt es ein „Automation Lab“, auf das Staudinger stolz ist.
Kollaborative Roboter: Sicherheitsabstände sind nicht notwendig
„Wir haben dort verschiedene Versuchsaufbauten, können also sofort testen, wenn eine Idee da ist“, benennt er den Mehrwert. Und in der Tat erfüllen die Leichtbau-Roboter unterschiedliche Anforderungen. Geeignet sind die dort stehenden Modelle für kleine Bewegungen und für nichts allzu Schweres. „Das ist für uns in Wernau aber in Ordnung, weil man die meisten Montageschritte damit ausführen kann“, fügt der Standortleiter hinzu.
Und es gibt noch weitere Pluspunkte: Die Roboter funktionieren kollaborativ, was bedeutet, dass sich die Mitarbeiter im direkten Umfeld aufhalten und mit der Maschine zusammenarbeiten können. Es braucht also keine Sicherheitsabstände. Wichtig sei obendrein die Einfachheit, betont Staudinger. „Wir benötigen zum Programmieren keine Experten, das kriegen unsere Leute aus der Instandhaltung selbst hin.“
Staudinger: Die Entscheidungen trifft immer noch der Mensch
Natürlich spielt Künstliche Intelligenz (KI) in diesen Prozessen eine Rolle. „KI erleichtert vor allem die Fehlersuche, weil die mit ihr verknüpfte Kamera verschiedene Fehlerpositionen selbstständig dazulernt, die dann beim nächsten Gerät bereits bekannt sind.“ Entscheidungen treffe zwar immer noch der Mensch, versichert der Wernauer Standort-Chef. „Doch die Zeitersparnis beim Erkennen von Fehlerbildern ist wirklich enorm“, sagt Staudinger.
Innerhalb des Unternehmens ist der Standort Wernau aber nicht nur wegen seines „Automation Lab“ vorne mit dabei. Denn auch in der alltäglichen Praxis passiert bereits vieles „von alleine“. Die Lagerhaltung etwa und das Kommissionieren erledigen acht Roboter, die in einem Affenzahn und auf von außen betrachtet auf chaotischen Wegen in einem mehrgeschossigen Labyrinth herumrasen: Fahren, Einladen, Fahren, Ausladen.
Herausforderung: Lager und Montage müssen bedient werden
„Noch läuft das Manuelle parallel“, erklärt Staudinger. Denn was hier passiere, sei bislang selten zu finden: nicht der Transport auf vorgegebenen Wegen, aber das Befüllen und Entnehmen. Dafür wiederum gibt es den sogenannten „Mobile Robot“, der automatisch an die Ausgabestellen fährt, um die befüllten Boxen abzuholen und sie ans Ziel zu liefern. „Bei uns muss ja nicht nur das Lager, sondern ebenso die Fertigung bedient werden“, schildert der 45-jährige Standortleiter die Herausforderung.
Wenn im nächsten Jahr die zweite Montagelinie vollends fertig ist, auf der nicht zuletzt die neu entwickelte „All-in-One-Lösung“ Compress Hybrid 5800i G produziert wird, hat das System seine endgültige Feuertaufe zu bestehen. Dafür sei man gewappnet, ist Staudinger optimistisch, nicht zuletzt deshalb, „weil unsere neue Logistikhalle die beiden Produktionshallen miteinander verbindet, so dass keine Wege mehr im Freien erforderlich sind“.
Auch sonst wurde alles getan, um den künftigen Herausforderungen gerecht zu werden. Auf dem Dach des neuen Logistikgebäudes verrichtet bald eine große PV-Anlage ihren Dienst. „Das reicht zwar nicht, um autark zu sein, ist aber ein ordentlicher Beitrag zur CO2-Neutralität“, betont Staudinger und ist zufrieden. „Hier in Wernau wurden Logistik und Produktion zusammengedacht, das sieht man in allen Details und Bereichen.“ Für automatisierte Abläufe sei dieses Zusammendenken unverzichtbar.
Von Junkers Bosch Gruppe zu Home Comfort
Geschichte
Seit mehr als 70 Jahren ist Bosch in Wernau präsent. 1995 wurde der Geschäftsbereich Junkers Bosch Gruppe in Bosch Thermotechnik umbenannt. Wernau spielt als Multifunktionsstandort eine zentrale Rolle bei der Wärmewende. Am 1. April 2023 wurde aus Bosch Thermotechnik die Bosch Home Comfort Group.
Brand
Im März 2021 richtete ein Großbrand bei Bosch Thermotechnik in Wernau einen Millionenschaden an. Mehrere Gebäude wurden zerstört, auch der Bürotrakt an der Junkersstraße erlitt durch Flammen und Löschwasser starke Beschädigungen. Allein die Generalsanierung dieses Objekts dauerte drei Jahre.
Personal
Während bei Bosch, vor allem im Automobil- und Werkzeugsektor, zurzeit massiv Stellen abgebaut werden, zeigt sich die Home Comfort Group aufgrund ihrer breiten Aufstellung und trotz der schwachen Marktentwicklung stabil. So wuchs die Belegschaft in Wernau in den vergangenen Jahren – insbesondere wegen des Trends zur Elektrifizierung in der Gebäudetechnik - sogar stark an. 2015 waren es 850 Beschäftigte, 2020 bereits 1350. Am 30. September 2025 gehörten rund 1600 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zum Standort Wernau.