Die Bosch-Geschäftsführer Stefan Hartung (links) und Markus Heyn freuen sich über die große Nachfrage nach E-Autos. Foto: Bosch/Martin Stollberg

Der künftige Bosch-Chef Stefan Hartung und der designierte Auto-Chef Markus Heyn erläutern, wie der Konzern die Halbleiterkrise meistern will. Und wie die beiden Manager bei der E-Mobilität weiter vorankommen wollen.

Stuttgart - Stefan Hartung nimmt Anfang 2022 auf dem Chefsessel von Bosch Platz, er löst Volkmar Denner ab. Markus Heyn übernimmt dann von Hartung die Verantwortung für das Geschäft rund um die Mobilität. Über ihre neuen Jobs wollen sie noch nicht sprechen. E-Mobilität und Chipmangel sind die aktuellen IAA-Themen.

 

Herr Hartung, Herr Heyn, der Chipmangel entwickelt sich zum Dauerproblem. In welchem Umfang ist Bosch betroffen?

Hartung: Aktuell übersteigt die Nachfrage nach Halbleitern die weltweite Produktionskapazität. Diese Situation ist durch mehrere Naturkatastrophen noch verstärkt worden. Zudem befinden sich die gerade für Automotive-Chips wichtigen Produktionsländer in Südostasien, wie Thailand und Malaysia, weiter fest im Griff der Coronavirus-Pandemie. Um die Verbreitung des Virus einzudämmen und so Menschenleben zu retten, wurden dort Fabriken geschlossen. All das beeinträchtigt die Lieferkette massiv. Und Corona bleibt weiter ein Risiko, bis mehr Menschen in den genannten Ländern geimpft sind. Die Halbleiter-Engpässe betreffen weltweit die gesamte Automobilindustrie – auch Bosch als einen der größten Lieferanten von Automobil-Elektronik. Wir tun zusammen mit unseren Kunden und Lieferanten alles, um die Engpässe so bald wie möglich zu überwinden.

Was heißt das konkret?

Hartung: Wir haben Task Forces gebildet, die das Thema ganz eng beobachten und versuchen die größtmöglichen Liefermengen sicherzustellen. Es geht aber nicht nur darum. Die Halbleiter müssen auch noch Kunden und Fahrzeugmodellen so zugeordnet werden, dass komplette Fahrzeuge gefertigt werden können. Das ist ein extrem aufwendiger Prozess.

Für wie viele stillstehende Bänder bei den Kunden ist Bosch verantwortlich?

Hartung: Unsere Priorität ist, unsere Kunden maximal zu beliefern. Wir arbeiten etwa mit Expressfrachten und senken unsere Bestände bis auf null ab.

Tesla-Chef Elon Musk hat Bosch wegen Lieferschwierigkeiten scharf kritisiert. Das klingt nicht gerade freundlich.

Hartung: Schuldzuweisungen helfen uns nicht weiter. Wir sind mit allen unseren Kunden zu diesem Thema im Austausch – auch mit Tesla. Wichtig ist: Wir priorisieren keine Kunden.

Heyn: Wir sind gegenüber allen unseren Kunden in der Lieferpflicht – und die nehmen wir wahr. Übrigens hat der Automobilverband VDA bereits lange vor der Chipkrise eine Vereinbarung getroffen, die vorsieht, dass in einer solchen Situation alle Kunden gleichbehandelt werden.

Hat Bosch Kurzarbeit wegen der Chipkrise?

Hartung: Es gab und gibt an einzelnen betroffenen Standorten auch bei Bosch Kurzarbeit.

Heyn: Wir wollen die Chips, die geliefert werden, schnell verbauen. Bei uns warten deshalb die Mitarbeiter in den Werken solange, bis Teile geliefert werden – damit sie direkt starten können. Unser Ziel ist, möglichst kurze Durchlaufzeiten in der gesamten Kette zu haben.

Hartung: Für die Lieferfähigkeit nutzen wir alle Mittel zur Flexibilität, die uns zur Verfügung stehen – das gilt auch für die Arbeitszeit.

Ihr Ansatz scheint zu funktionieren. Ihre Geschäfte mit der E-Mobilität laufen gut.

Hartung: Die Autoindustrie sieht sich einer hohen Nachfrage gegenüber. Menschen wollen sich neue, moderne Fahrzeuge kaufen. Der Anteil der elektrisch betriebenen Autos steigt. Das ist auch für Bosch gut. Wir erleben einen Schub an Innovationen.

Verdient Bosch mit Elektromobilität Geld?

Hartung: Natürlich müssen wir Vorleistungen für die Elektromobilität erbringen – allein in diesem Jahr investieren wir weitere 700 Millionen Euro –, aber wir haben den „Break even“ fest im Blick.

Ist der Bosch-Anteil in Fahrzeugen gestiegen?

Hartung: Unser Umsatz pro Fahrzeug steigt. Denn wir liefern nicht nur Antriebe, sondern auch weitere Komponenten.

Erhöhen Sie das Tempo auf dem Weg zur E-Mobilität?

Hartung: Wir waren bisher schon flott unterwegs, aber jetzt schalten wir noch einen Gang rauf. Der Umsatz mit Elektromobilität soll sich bis 2025 auf fünf Milliarden Euro verfünffachen.

Bosch nimmt bei den Investitionen viel Geld in die Hand. Das können kleinere Zulieferer nicht. Rechnen Sie mit einer Marktbereinigung?

Heyn: Autohersteller erhöhen ihre Wertschöpfungstiefe, sie stellen immer mehr selbst her. Häufig wird die Produktion von E-Motoren nicht mehr an Zulieferer vergeben, um den Abbau in den eigenen Werken zu kompensieren. Das macht sich bei den Zulieferern insgesamt bemerkbar.

Unterstützen Sie Ihre Zulieferer?

Hartung: Viele unserer Zulieferer sind bereits dabei, ein neues Modell für sich zu finden. Natürlich sprechen wir auch darüber. Letztlich ist es für jeden wichtig, einen eigenen Weg zu finden. Da ist jeder Betrieb gefordert, das ist keine einfache Sache.

Gefällt Ihnen das IAA-Konzept?

Heyn: Das Konzept, Messe mit Aktivitäten in der Stadt zu verbinden, halte ich für gelungen. Im Open Space zum Beispiel kann der Besucher das Zusammenspiel verschiedener Mobilitätskonzepte erfahren. Das wird sicher gut ankommen.

Die neuen Macher

Hartung
Anfang 2022 übernimmt Stefan Hartung, Jahrgang 1966, den Chefposten bei Bosch als Nachfolger von Volkmar Denner. Der Maschinenbauer verantwortet seit gut eineinhalb Jahren den größten Bereich des Konzerns – das Geschäft rund ums Auto. Zuvor war der gebürtige Dortmunder, der seit 2013 Mitglied in der Geschäftsführung ist, verantwortlich für die Gebäude- sowie die Industrietechnik. Seit 2004 arbeitet er für Bosch. Hartung begann seine Karriere beim Fraunhofer-Institut sowie der Unternehmensberatung McKinsey.

Heyn
Zum Jahreswechsel übernimmt Heyn, Jahrgang 1964, von Stefan Hartung die Zuständigkeit für den Autobereich. Der gebürtige Aachener ist seit 2015 Bosch-Geschäftsführer. Er ist unter anderem für den Vertrieb im Kfz-Bereich, für das Ersatzteilgeschäft sowie die Engineering-Tochter Etas zuständig. Der Maschinenbauer ist seit 1999 bei Bosch tätig.