Seit fast 50 Jahren stellt Bosch Halbleiter her – produziert werden die Winzlinge in Reutlingen und künftig auch in Dresden. Foto: AFP

Bosch eröffnet am Montag die neue Halbleiterfabrik in Dresden. Die Autoindustrie dürfte sehnsüchtig auf die Winzlinge warten. Verringert sich damit Europas Abhängigkeit von Asien und den USA?

Stuttgart - Es ist ein Termin, den jeder Politiker gerne wahrnimmt. Der Technologiekonzern Bosch eröffnet am kommenden Montag seine neue Chipfabrik in Dresden. Eine Milliarde Euro hat der Zulieferer in das Projekt investiert. Bundeskanzlerin Angela Merkel und EU-Kommissarin Margrethe Vestager haben ihre Teilnahme zugesagt, coronabedingt allerdings nur virtuell. Michael Kretschmer, Ministerpräsident von Sachsen, trifft vor Ort auf die beiden Bosch-Geschäftsführer Volkmar Denner (Vorsitzender) und Harald Kröger. Schon allein weil die Eröffnungsreden für jedermann zugänglich im Internet übertragen werden, dürften sie in der Branche und in der Belegschaft auf große Resonanz treffen.

 

Die Eröffnung eines Halbleiterwerkes ist gerade in Zeiten des Chipmangels, der vor allem die Autoindustrie zeitweise in die Kurzarbeit gezwungen hat, etwas Besonderes. Die Fahrzeughersteller können auf eine Entspannung hoffen. Denn in der komplett digitalisierten und hochvernetzten Bosch-Fabrik sollen vor allem Mikrochips für Autos gebaut werden.

Dresden ist das Halbleiter-Zentrum

Dass sich Bosch für Dresden entschieden hat, ist sicherlich kein Zufall. Denn die Region hat sich zu einem bedeutenden Zentrum für Mikroelektronik sowie für Informations- und Kommunikationstechnik entwickelt. Etwa 2400 Unternehmen mit insgesamt 64 000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sind dort aktiv. Dort ballt sich die Kompetenz rund um Themen wie Mikro- und Nanoelektronik, Sensoren, Automatisierungstechnik oder das moderne Mobilfunknetz 5G. Vodafone wird dort ein Forschungszentrum bauen. Die ehemalige Siemens-Tochter Infineon unterhält dort eine hochmoderne Chipfabrik. Auch Globalfoundries, die aus dem US-Konzern AMD hervorgegangen ist und deren neue Eigentümer in Abu Dhabi sitzen, hat dort eine große Halbleiterfabrik. Beide Chiphersteller wollen die Produktion erweitern.

Derzeit stammt jeder dritte in Europa produzierte Chip aus Dresden. Die sächsische Metropole ist mittlerweile der größte Mikroelektronik-Standort in Europa und der fünftgrößte weltweit, rühmt der Verein Silicon Saxony, es ist ein Netzwerk, dem sich viele Unternehmen vor Ort angeschlossen haben. In Anlehnung an das kalifornische Silicon Valley hat der Standort vor Jahren den wohlklingenden Namen Silicon Saxony erhalten.

Europa ist abgeschlagen

Trotz Dresden – im weltweiten Vergleich hat Europa bei der Herstellung der elektronischen Winzlinge keine große Bedeutung. In Deutschland gebe es ungefähr 30 Halbleiterfabriken, in Europa 125 und weltweit um die 1000, sagt Ondrej Burkacky, Partner und Halbleiterexperte der Unternehmensberatung McKinsey, unserer Zeitung. Während in der EU rund 20 Prozent der weltweit produzierten Chips verbraucht werden, werden aber weniger als zehn Prozent in dieser Region hergestellt. Und das neue Bosch-Werk dürfte daran nur wenig ändern. „Die Fabrik ist ein wichtiger Beitrag für die Positionierung von Europa – die globalen Marktpositionen werden hiervon aber vermutlich nicht beeinflusst“, schätzt Burkacky. „Europa wird hierdurch eher bereits gute Marktpositionen verstärken als komplett neue Geschäftsfelder aufbauen“, fügt er hinzu.

Hoffnungen, dass Europa weniger auf Chipslieferungen aus dem Ausland angewiesen sei, dämpft der Halbleiterexperte. Asien und Amerika seien zwar führend bei der Herstellung von Halbleitern, sagt er, doch diese Industrie sei dermaßen globalisiert und spezialisiert, „so dass keine Region alle Fähigkeiten besitzt, um Chips unabhängig von anderen Regionen herzustellen“. Er unterstützt aber die Pläne der EU, die mit einem umfangreichen Programm die Ansiedlung von Halbleiterproduzenten unterstützen will. „Wir sind bereit, Projekte in Milliardenhöhe zu fördern, damit Deutschland und Europa bei Chips souveräner und unabhängiger wird“, hat Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) einmal gesagt.

Subventionen entscheiden

Burkacky: „Wir sehen aktuell in China und den USA bereits etliche Ankündigungen von Subventionen im Milliardenbereich. Europa darf hier nicht passiv zuschauen, sondern muss Schritt halten.“ Und: „Da die Industrie sehr kapitalintensiv ist – eine Fertigungsstätte kostet mindestens einen mittleren Milliardenbetrag –, sind Subventionen oft ausschlaggebend für die Standortwahl.“ Es geht um viel Geld. So hat etwa Intel-Chef Pat Gelsinger Deutschland als Standort für eine Chipfabrik ins Spiel gebracht – und gleichzeitig Staatshilfen in Milliardenhöhe angemahnt. Angeblich erhalten Halbleiterhersteller in Südkorea und Taiwan etwa 40 Prozent der Kosten vom Staat erstattet, hat Gelsinger dem „Handelsblatt“ gesagt.