Nach dem Tod ihres Mannes vor drei Jahren hat Dagmar Handel den Kiosk übernommen. Foto: Weingand

Dagmar Handel hat einen Kiosk direkt vor den Toren von Bosch in Waiblingen – ein Treffpunkt für Anwohner und Mitarbeiter. Das absehbare Aus des Standorts beschäftigt sie sehr.

Das kleine Fenster im Kiosk öffnet sich – Kundschaft ist da. Dagmar Handel weiß schon Bescheid: „Du willst doch wieder ein Warmduscherbier – oder?“ Der Handwerker auf der anderen Seite des Fensters nickt, die gebürtige Kölnerin Handel kennt ihre Pappenheimer. Direkt vor den Toren des Waiblinger Bosch-Werks betreibt sie einen Kiosk – und das drohende Aus des Standorts gibt auch ihr zu denken. Viele der Mitarbeiter gehören zu ihren Stammkunden.

 

Im Oktober 2022 hatte die gelernte Fleischerei-Fachverkäuferin zusammen mit ihrem Mann Jürgen den Kiosk von einem Vorbesitzer übernommen. Die Lage war damals alles andere als rosig: „Hier gab es Zigaretten, Wasser, Bier, ein paar Zeitschriften und Kaffee, den man nicht trinken konnte“, erinnert sich die 60-Jährige. Doch sie und ihr Mann hauchten der Bude neues Leben ein.

Dagmar Handels Kiosk in Waiblingen ist ein echter Treffpunkt

Natürlich hat sie auch mitbekommen, wie die Nachricht vom drohenden Aus des Bosch-Standorts die Leute von dort beschäftigt. 560 Stellen sind betroffen. „Nicht einmal die Abteilungsleiter wussten vorher Bescheid“, sagt sie. Die Stimmung unter den Boschlern sei denkbar schlecht: „Ich bekomme mit, dass sie total enttäuscht sind. Viele wissen nicht, wie es weitergehen soll.“ Zwar haben Arbeitnehmervertreter und Gewerkschaften angekündigt, zu kämpfen. „Aber viele glauben auch, dass sie als kleine Männeken wohl nichts mehr ändern können“, sagt sie.

Dagmar Handel kennt ihre Kundschaft gut. Foto: Weingand

Jetzt steht sie zwischen Stickern, Lottoscheinen, Rubbellosen, einem ganzen Sortiment an Printprodukten, hinter ihr ein Kaffee-Vollautomat. Ab und zu gibt es Bratwürste, im Sommer Eiskaffee, im Winter Punsch und Glühwein. Ein Unterstand und eine Bank laden zum Ausruhen ein – und kopieren kann man im Kiosk auch. „Hier kriegt man eigentlich fast alles“, sagt die Kioskfrau. „Und falls nicht, organisiere ich es für Stammkunden auch gerne.“

Schwerer Schicksalsschlag für die Kioskbesitzerin

Vor rund zwei Jahren musste Dagmar Handel einen schweren Schicksalsschlag verkraften. „Damals ist mein Mann an Krebs gestorben“, sagt sie. Vor 40 Jahren ist sie der Liebe wegen aus dem Rheinland nach Baden-Württemberg gekommen. „Überstanden habe ich das nur dank meiner drei Kinder – Familie wird bei uns groß geschrieben, sie haben mir auf jede nur erdenkliche Weise geholfen.“ Sie gaben ihr seelischen Halt, unterstützten sie bei der Arbeit. Inzwischen läuft der Kiosk gut: „Ich kann mich nicht beklagen – vor allem nicht, wenn man bedenkt, wie wir damals angefangen haben.“

Sie muss das Gespräch kurz unterbrechen – ein Junge kauft Sammelkarten. Handel steckt ihm noch eine Tüte Gummibärchen zu. Für sie persönlich bedeutet der Kiosk auch eine Kindheitserinnerung. „Wir haben damals Leergut weggebracht, das Geld wurde dann direkt am Kiosk in Süßes investiert.“

Und Handel weiß, dass es auch vielen ihrer Kunden so geht. Sie hat immer ein nettes Wort übrig – oder hört zu, wenn die Leute, die bei ihr ihr Feierabendbier trinken, von ihren Sorgen berichten. Viele umarmt sie zur Begrüßung, per Du ist sie mit jedem Kunden ziemlich schnell. „Ich habe quasi keinen Nachnamen – ich bin die Dagmar, fertig.“

Drohende Schließung von Bosch in Waiblingen: „Ein ganzer Rattenschwanz“

Wie groß der Anteil ihrer Kunden ist, der bei Bosch arbeitet, kann sie nicht sagen. Aber es sind viele. Manche kommen in der Mittagspause, andere nach Feierabend.

Das Sortiment umfasst Lose, Zeitschriften, Getränke und vieles mehr. Foto: Weingand

Die drohende Schließung ist ein großes Thema. „Und es sind nicht nur 560 Mitarbeiter von dort – es ist ja ein ganzer Rattenschwanz, der da dran hängt. Ich werde es mit Sicherheit merken, wenn Bosch dort zumacht – wie auch die Bäckerei um die Ecke, in die in der Mittagspause auch viele von dort gehen.“

Verzweifeln wird die Rheinländerin mit den lachenden Augen dennoch nicht. „Den Kopf in den Sand zu stecken, das war nie eine Option“, sagt sie. Nicht nach dem Tod ihres Mannes. Nicht, nachdem ihr Kiosk zweimal hintereinander aufgebrochen wurde. Und auch falls Bosch tatsächlich wie geplant die Fertigung in Waiblingen dichtmacht, will sie nicht aufgeben. „Ich habe ja noch rund zwei Jahre, bis es wirklich so weit ist. Und bis dahin muss ich mir eben etwas überlegen.“