Boris Palmer unterhält in Remshalden (Rems-Murr-Kreis) mit markigen Sprüchen und klaren Ansagen. 200 Gäste feiern den „bekanntesten Oberbürgermeister Deutschlands“.
Die Bahn war wieder mal schuld. Wegen einer Weichenstörung kam Boris Palmer, bekennender Stuttgart-21-Skeptiker verspätet im Milo in Remshalden an, wo ihn 200 Menschen erwarteten. Der „bekannteste Oberbürgermeister Deutschlands“, wie ihn sein Interviewpartner Frank Nipkau, Chefredakteur des Zeitungsverlags Waiblingen, bezeichnete, war zu Gast in der Reihe „Köpfe, Typen, Geschichten“ der Kreissparkasse Waiblingen.
Das Rebellische liegt in der Familie. Sein Vater Helmut Palmer aus Geradstetten, bekannt als „Remstalrebell“, habe die neu formierte Gemeinde Remshalden als „Kunstgebilde, das dann zu einem Rathaus in der freien Landschaft geführt hat“ bezeichnet, erzählte Boris Palmer gleich zu Beginn. „Mein Vater hat immer alles durchgestrichen, wenn ihm jemand was mit Remshalden geben wollte.“ Und auch sein Sohn legt Wert darauf, dass er in Geradstetten und Hebsack Fußball gespielt hat, „nicht in Grunbach“.
Mal die Linke, mal die Rechte gegen sich
Schon viele haben versucht, Boris Palmer in Schubladen zu stecken. Warum der 53-Jährige aber nie lange in einer drin bleibt, hat er am Dienstag in seiner alten Heimat demonstriert. Markante Sprüchen und klare Ansagen sind das Markenzeichen des parteilosen Tübinger OBs, der im vergangenen Jahr bei den Grünen austrat und damit einem drohenden Parteiausschlussverfahren zuvorkam. Kantig, wie er nun einmal ist, eckt Palmer häufig an und bringt abwechselnd die Linke und die Rechte gegen sich auf. In Remshalden präsentierte er sich – von Shitstorms gestählt – sichtlich entspannt.
Vor zwei Jahren schien es ihm völlig offen, ob er immer der sein werde, der „Neger“ gesagt habe und damit als Rassist für alle Zeiten erledigt sei, erzählte Boris Palmer. „Mittlerweile kommen überall Leute auf mich zu, die sagen mir, ,gut, dass es sie gibt, wir brauchen sie, lassen sie sich nicht unterkriegen‘“, berichtete er unter Beifall. Ohne es zu wollen sei er so zu einem erheblichen Reputationszuwachs gekommen, der „aber sehr schmerzhaft war und mich auch die Parteimitgliedschaft gekostet hat“.
Streitsüchtig sei er nicht, so Palmer. Er weiche Streits nicht aus, müsse mittlerweile aber nicht mehr jeden Fehdehandschuh aufgreifen. Doch „dass die Sicherungen mal durchbrennen, dass man für sein Recht kämpft, dass man sehr klare Vorstellungen davon hat, was in Ordnung ist und was nicht, sind schon so Vorstellungen, die einem ein dominanter Vater mitgibt“. Die widerständischen Familienwurzeln reichen sogar noch weiter zurück, das hat Palmer bei der Ahnenforschung während seiner Auszeit im Frühjahr 2023 herausgefunden. Bereits sein Urgroßvater sei 1913 wegen Beleidigung verurteilt worden: „An der Wirkmacht der Gene muss was dran sein.“
Mit der AfD einen Deal gemacht
Den jüngsten Aufschrei hat der Nachkomme erst kürzlich entfacht – mit einem „Deal mit der AfD, um den Sommerschlussverkauf in Tübingen zu retten“, wie Nipkau es nannte. Er habe ein reines Gewissen, erklärte Palmer, der stolz darauf ist, dass bei der Bundestagswahl in Tübingen die AfD nur 6,5 Prozent Stimmen bekommen hat. Er habe der AfD, die am Samstagvormittag in der Fußgängerzone demonstrieren wollte, nur vorgeschlagen, dies an einem Mittwochabend oder am späten Samstagnachmittag zu machen: „Da stört es keinen.“ Die AfD sei sogar bereit gewesen, die Demo ganz abzusagen, wenn er sich bereit erkläre, mit ihr einen Abend zu diskutieren. „Und ich habe mich entschieden, diesen Deal zu machen.“
Reden sei in einer Demokratie immer besser als Randale, so Palmer, der auch nicht glaubt, dass ein AfD-Verbotsantrag erfolgreich wäre. „Ich habe den Verfassungsschutzbericht durchgelesen, und war überrascht, dass da fast nichts Überraschendes drinsteht.“
Palmer ist nicht nur ein unterhaltsamer Sprücheklopfer – „Gibt es eigentlich noch FDP im Remstal, wahrscheinlich der letzte Ort“ – sondern auch einer, der sein Amt als Stadtoberhaupt ernst nimmt. Die steigenden Kreisumlagen und die Ausgaben im Bereich Krankenhäuser, Jugendhilfe, Behindertenhilfe und Flüchtlingsunterbringung beunruhigten ihn. „Das ist in Summe ein Cocktail, der für kommunale Finanzen giftig ist.“
Erneute Kandidatur in Tübingen noch ungewiss
Palmer, der noch nicht weiß, ob er sich wieder als OB in Tübingen zur Wahl stellen wird, prognostiziert erhebliche Erhöhungen in Steuern und Abgaben und den Zwang zum Sparen, etwa bei sogenannten Systemsprenger in der Jugendhilfe. Deren Versorgung koste pro Jahr 500 000 Euro und mehr für einen einzigen Jugendlichen, weil der Staat nicht in der Lage sei zu sagen, hier ist das Gefängnis, erklärte Palmer. Stattdessen brauche es eine Rundumbetreuung von zwei Leuten, was bei den aktuellen Personalsätzen die Kommune eine halbe Million im Jahr koste. „Das akzeptiere ich nicht mehr“, sagte er.
Und das Remshaldener Publikum, das mehrheitlich der Meinung gewesen war, dass er mit dem Alter seinem Vater immer ähnlicher wird, fühlte sich bestätigt.