Boris Johnson sagt seinem Amt good bye. Foto: AFP/Justin Tallis

Boris Johnson geht – endlich. Großbritannien hat einen besseren Premier verdient, kommentiert Christian Gottschalk.

Boris Johnson vereint viele Eigenschaften in seiner Person, die ein Politiker nicht haben sollte. Er lügt fast so oft und so intensiv wie Wladimir Putin; er fällt Entscheidungen aus dem Bauch heraus, ganz so wie Donald Trump; er ist von sich überzeugt wie Silvio Berlusconi, nur nicht so braun gebrannt. Doch weil Johnson auch eine gewisse Art von schelmischer Unbekümmertheit verbreitet hat, ein lausbubenhaftes Äußeres zur Schau stellt und die Briten immer wieder daran erinnert, dass sie etwas ganz besonderes in der Welt und erst recht in Europa sind, ist er bei den Menschen lange Zeit durchgekommen mit seinen Marotten. Für die Demokratie an sich ist das nicht unbedingt ein gutes Zeichen. Dass die Demokratie diesen fast nur auf das eigene Wohlergehen bedachten Politik-Clown nun aus seinem Amtssitz vertreibt, ist hingegen eine gute Nachricht.

 

Für seine Partei war Johnson ein Postenbeschaffer

Wobei das so nicht ganz richtig ist. Boris Johnson hat sich in den eigenen Reihen gehalten, weil ihm etwas gelungen ist, was im demokratischen System von essenzieller Bedeutung ist: Er hat seiner Partei zur Macht verholfen. In London hat er die Wahlen zum Oberbürgermeister zu einer Zeit gewonnen, als eigentlich jeder mit einem Kandidaten der Labour-Partei gerechnet hatte. Bei den letzten Parlamentswahlen hat Johnson für seine Torys eine satte Mehrheit eingefahren. Johnson, der Siegertyp. Das bedeutet viele Abgeordnete, viele Posten in der ersten und zweiten Reihe der Regierung, viel Einfluss. Gelogen und betrogen hat Johnson damals schon, aber der Machtwille seiner Partei war größer als der Wunsch, eine ehrliche Politik zu gestalten. Es hätte viele Gelegenheiten gegeben, Johnson den Laufpass zu geben.

Der letzte Skandal war vergleichsweise gering

Letztlich lag der Grund für den Stimmungswechsel nicht in der gefühlt hunderttausendsten Schwindelei des Premiers. Verglichen mit all den Lügen, mit denen Johnson den Briten einen Brexit schmackhaft gemacht hat, ist der Skandal um seinen männerbegrapschenden Parteifreund gar nicht so gewaltig. Aber die Abgeordneten haben bemerkt, dass Johnson für sie wohl keine Wahlen mehr gewinnen wird, dass das Schiff zu sinken beginnt, und es Zeit wird, es zu verlassen, wenn man auch weiter an den Fleischtöpfen Platz nehmen will. Es ist eher die blanke Angst um die eigene Zukunft denn das Wohl der Nation, welches die Parteifreunde getrieben hat. Immerhin. In Russland fehlt selbst dieses Korrektiv.

Die Königin muss Nummer 15 Audienz gewähren

Die Queen wird also in ihrem hohen Alter demnächst dem 15. Premierminister seit ihrer Thronbesteigung Audienz gewähren. Die Welt, Europa, vor allem aber Großbritannien selbst können nur hoffen, dass der Nachfolger oder die Nachfolgerin von Boris Johnson nicht ebenso sich selbst in den Mittelpunkt des Handelns stellt, sondern die Interessen der Nation, die sich gerne als älteste Demokratie der Welt bezeichnet. Als Vorbild hat Großbritannien nicht mehr viel getaugt in den letzten Jahren.

Die Welt, Europa und vor allem Großbritannien haben besseres verdient als Boris Johnson. Und wie in jedem Land muss auch der neue Hausherr in Downing Street No. 10 zuerst das Chaos in der Heimat beseitigen. Der Brexit hat Spuren hinterlassen, die nicht so einfach aus dem Weg zu räumen sind, wie von Johnson immer wieder behauptet. Das Land ist unattraktiv geworden für Arbeitskräfte und Investoren, braucht aber beides. Schottland will sich wieder einmal separieren, Pandemie, Energiekrise und Ukraine-Krieg kommen noch dazu. Und: Wer immer die Nachfolge antritt muss verhindern, dass Johnson nicht umgehend mit wahrheitsferner Legendenbildung beginnt. Donald Trump ist da ein mahnendes Beispiel.