Schlange stehen mit dem Nötigsten für Haus und Garten. Foto: dpa/Sven Hoppe

Die Heimwerkermärkte im Land machten dicke Umsätze – doch das hatte auch seinen Preis.

Esslingen - Als corona-bedingt die Geschäfte schließen mussten, kauften sich viele Menschen in den durchgehend geöffneten Baumärkten in Rage. Es waren Bilder, wie man sie aus alten DDR-Dokumentationen kennt: lange Schlangen, die Wartenden nervös, weil sie leer ausgehen könnten. Vor der Hornbach-Filiale in Esslingen musste sogar die Polizei einschreiten, weil der Ansturm zu groß war. Auch der Esslinger Traditionsbaumarkt Profi Ernst wurde überrannt. „Damit haben wir nicht gerechnet“, sagt der Marktleiter Markus Ender.

 

Profi Ernst, Bauhaus, Hornbach – sie machten dicke Umsätze, doch der Preis dafür war hoch. „Ende März haben wir täglich damit gerechnet, dass wir – wie alle – den Laden corona-bedingt schließen müssen“, sagt Ender. Doch es kam anders. Weil Baumärkte laut der Landesregierung den Grundbedarf decken, gehören sie zu den systemrelevanten Betrieben, durften also weiterhin verkaufen. Das kam der Bevölkerung sehr entgegen: Zu diesem Zeitpunkt, Ende März, befanden sich viele in Kurzarbeit, blieben Zuhause und suchten eine Beschäftigung. „Die Menschen wollten es sich daheim so angenehm wie möglich machen“, erklärt der Hornbach-Pressesprecher Florian Preuß. „Die Nachfrage war schon zu Beginn der Krise sehr hoch.“

Das machte sich in den Kassen bemerkbar. Hornbach veröffentlichte vor wenigen Tagen die Ergebnisse des ersten Quartals 2020/2021 (1. März bis 31. Mai). Der Umsatz war um 18,4 Prozent auf rund 1,5 Milliarden Euro gewachsen. Noch beeindruckender ist das Betriebsergebnis (Ebit): Es stieg sprunghaft um 90 Prozent auf 160 Millionen Euro. Besonders das Online-Geschäft sei explodiert, sagt Preuß.

„Der Kundenansturm war riesig“, erinnert sich Ender von Profi Ernst. „Ich arbeite seit 25 Jahren hier. So etwas habe ich aber noch nie erlebt.“ Der 41-Jährige sei den ganzen Tag damit beschäftigt gewesen, am Eingang die Anzahl der Kunden zu kontrollieren. „Dabei hätten wir dem Gesetz nach mehr Leute reinlassen können, als wir es getan haben.“ Doch die Gänge seien teils sehr schmal. „Unsere höchste Priorität galt der Gesundheit unserer Kunden und Mitarbeiter“, sagt er.

Auch in seinem Traditionshaus sei der Umsatz bislang etwas höher als sonst, jedoch habe das auch eine Menge Überstunden und Stress bedeutet. Einige Mitarbeiterinnen fielen aus, weil sie sich um ihre Kinder kümmern mussten. Zudem seien ständig die Regale leer, Nachschub teils schwer zu bekommen gewesen. Die Leute hätten sich vor allem auf Wandfarbe gestürzt, auf Reinigungsmittel, Garten- und Grillbedarf. „Wir hatten deutlich mehr Arbeit für deutlich weniger Mitarbeiter“, betont der Marktleiter. „Weil wir täglich mit so vielen Menschen in Kontakt kamen, hatten wir alle Angst, uns selbst mit Corona anzustecken. Wir hatten große Sorge um unsere Mitarbeiter. Deshalb haben wir täglich überlegt, ob wir offen lassen können.“ Doch es seien gerade die Beschäftigten gewesen, die hätten weitermachen wollen. Die Arbeit der vergangenen Wochen sollte nicht vergebens sein.

Inzwischen habe sich die Lage wieder beruhigt. Jedoch geht Hornbach davon aus, dass die Nachfrage groß bleibt. Viele Menschen würden das Budget des flachgefallenen Urlaubs in Haus und Heim stecken. Florian Preuß: „Je nach Wetterlage werden viele Artikel in den nächsten Wochen stark gefragt sein: vor allem Poole und Poolchemie.“ Der Profi Ernst-Leiter Ender stapelt hingegen tief: „Ich persönlich könnte mir vorstellen, dass sich die Nachfrage nur verlagert hat.“ Das Geschäft, das sich normalerweise über das ganze Jahr verteile, habe sich auf die Monate seit März konzentriert.

Für diese Theorie spricht, dass langsam die Normalität wieder einsetzt und viele Leute wegen der beruflichen Ungewissheit anders haushalten. „Außerdem haben jetzt viele renoviert, sich einen Grill gekauft und den Garten gemacht“, sagt Ender. „Und die machen das in der zweiten Jahreshälfte nicht noch einmal.“

Zur Serie: Die Corona-Pandemie hat viele hart getroffen, sei es gesundheitlich oder wirtschaftlich. Doch es gibt auch Bereiche, die einen ungeahnten Boom erleben – weil viele Menschen mehr zu Hause sind, mehr Zeit haben oder ein Faible für neue Aktivitäten entwickeln. In einer kleinen Serie stellen wir Menschen und Konzepte vor, denen die Krise zu unerwarteten Höhenflügen verholfen hat.