Blick in ein verwaistes Klassenzimmer: Vor allem die Hauptschulen in Stuttgart leiden unter einer sinkenden Schülerzahl. Foto: Fotolia

56 Prozent der Viertklässler im nächsten Schuljahr am Gymnasium – Realschule unverändert.

Stuttgart - Die Eltern der Viertklässler in Stuttgart haben sich entschieden: Ihre Sprösslinge werden zum Großteil das Gymnasium besuchen. Für die Haupt- und Werkrealschulen sieht es schlecht aus, einige streichen die fünften Klassen oder schließen komplett.

„Die Hauptschulen werden ausbluten“, sagt Renate Schlüter. Die Geschäftsführende Schulleiterin der Werkreal- und Hauptschulen in Stuttgart spricht damit aus, was viele seit dem Wegfall der verpflichtenden Grundschulempfehlung befürchtet haben. 869 Kinder haben sich vergangenes Jahr noch an den Stuttgarter Hauptschulen angemeldet. Im kommenden Schuljahr werden es nur noch rund 400 sein. Zwar endet die zweite Anmeldefrist erst am Donnerstag, 10. Mai, an den Zahlen wird sich aber laut der leitenden Schulamtsdirektorin Ulrike Brittinger nicht mehr viel ändern.

Renate Schlüter hat Glück. Genau 16 Schüler haben sich an der Elise-von-König-Schule angemeldet. Einer weniger, und an der Werkrealschule käme keine fünfte Klasse zustande. Anders sieht es beispielsweise an der Steinbachschule in Büsnau aus. Weil sich zu wenig Schüler angemeldet haben, werden die Kinder wohl an eine andere Schule ausweichen müssen.

Furcht um Existenz

Auch in der Region haben die Haupt- und Werkrealschulen ein beachtliches Nachwuchsproblem. Die Werkrealschule in Stetten/Rommelshausen (Rems-Murr-Kreis) verzeichnet derzeit gerade einmal zwei Anmeldungen. Im Kreis Esslingen werden 15 von 35 Werkrealschulen keine fünften Klassen unterrichten.

Die Rappenbaumschule Dagersheim/Darmsheim (Kreis Böblingen) fürchtet gar um ihre Existenz. 2011/12 werden hier nur noch 63 Schüler übrig sein. Bisher erreichten die Schule nur acht Anmeldungen. Den freiwilligen Empfehlungen für die Werkrealschule seien die Eltern kaum nachgekommen, so ein Sprecher. Am Donnerstag wird es ein Gespräch mit dem Schulverband Böblingen/Sindelfingen geben, der dann über die Zukunft der Schule entscheidet. Wenn es hart auf hart kommt, wird die sie bereits im Herbst geschlossen.

Während an den Realschulen weitgehend alles beim Alten bleibt (1000 Anmeldungen in Stuttgart), wächst die Bewerberzahl an den Gymnasien schneller als sonst. Laut ­Regierungspräsidium Stuttgart werden von insgesamt 3995 Viertklässlern 2205 Schüler ein Gymnasium besuchen, 157 mehr als im Vorjahr. Das sind zwar nicht die befürchteten 60, dafür aber rund 56 Prozent. Landesweit liegt der Schnitt bei 40,9 Prozent. 14 zusätzliche Eingangsklassen wird es im Regierungsbezirk geben. Rund fünf Gymnasien konnten nicht alle Anmeldungen annehmen, weil die Klassen bereits voll waren.

Wegfall der Grundschulempfehlung beschleunigte Entwicklung

„Wir hatten Schlimmeres befürchtet. Einen kleinen Anstieg beim Gymnasium gab es über die Jahre immer“, sagt Barbara Graf, Geschäftsführende Schulleiterin der Gymnasien. Der Wegfall der Grundschulempfehlung hätte die Entwicklung ein wenig beschleunigt.

An ihrer Schule, dem Hegel-Gymnasium, habe sich das Kollegium schon darauf eingestellt, dass es in den Klassen künftig größere Unterschiede beim Lernen geben werde. „Wir freuen uns grundsätzlich auf jeden Schüler, es ist uns wichtig, dass sie glücklich und nicht überfordert sind“, sagt Graf. Auf der Internetseite des Gymnasiums finden Eltern einen Fragebogen, mit dem sie nochmals testen können, ob ihre Wahl die richtige war. Anders als zuvor führen die Lehrer mit jedem künftigen Schüler ein Gespräch, in dem es hauptsächlich um Hobbys und Interessen geht. In Kursen soll den Kindern beigebracht werden, richtig zu lernen.

Not macht erfinderisch an den Haupt- und Werkrealschulen

Auch die Realschulen sind gewappnet. „Mit ersten Tests stellen wir fest, wie weit die Kinder schon sind, und darauf bauen wir dann auf“, sagt Fred Binder von der Robert-Koch-Realschule. Das staatliche Schulamt habe eigens für die Lehrer der fünften Klassen eine Fortbildung angeboten.

An den Haupt- und Werkrealschulen macht die Not derweil erfinderisch. Einige reagieren mit sogenanntem jahrgangsübergreifendem Unterricht. Fünft- und Sechstklässler werden gemeinsam unterrichtet. Andere schließen sich zu Schulkooperationen zusammen. Schulen wie die Ameisenbergschule oder die Raitelsbergschule im Stuttgarter Osten werden im Rahmen des Schulentwicklungsplans ohnehin zu reinen Grundschulen umgebaut. Bisher seien die Eltern der Schüler noch nicht sehr aktiv, sagt Gesamtelternbeiratsvorsitzende Sabine Wassmer. Sie glaubt nicht, dass es zu Beschwerden kommen wird. Auch an den Gymnasien gebe es schließlich seit Jahren keine Garantie mehr auf die Wunschschule.

„Es ist zu früh, um zu sagen, dass die Werkrealschulen in ihrer Existenz bedroht sind“, sagt Brittinger. Schließlich müsse man immer damit rechnen, dass einige Schüler in den kommenden Jahren zurück auf die Hauptschule wechseln.

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