Bonnie Tyler bei ihrer Tour 2018 in Stuttgart Foto: Ferdinando Iannone

Ihre rauchige Stimme und die blonde Mähne sind ihr Markenzeichen, mit „It’s a Heartache“ und „Total Eclipse of the Heart“ landete sie Welthits. An diesem Dienstag (8. Juni) wird Bonnie Tyler 70.

London - Der Irrtum eines Talentsuchers brachte die Karriere von Bonnie Tyler auf den Weg. Roger Bell hatte sich aus London auf den Weg nach Südwales gemacht, um einen vielversprechenden Sänger zu begutachten. „Er kam in diesen Club, in dem ich aufgetreten bin, weil er von einem Jungen gehört hatte, der im Obergeschoss mit seiner Band spielt“, erzählt Tyler im Interview der Deutschen Presse-Agentur. „Aber er kam im falschen Stockwerk rein und hat mich singen gehört.“ Kurz darauf wurde sie nach London eingeladen, um eine Single aufzunehmen. „Lost In France“ war der Beginn einer Weltkarriere.

Damals war Bonnie Tyler 25 Jahre alt. Am 8. Juni wird die blonde Sängerin mit der unverwechselbaren, heiseren Stimme 70. „Das ist nur eine Nummer“, sagt sie bestens gelaunt. Wichtiger als ihr Geburtstag ist ihr, dass sie bald endlich wieder Konzerte geben kann. „Das ist das erste Mal, seit ich 17 war, dass ich nicht arbeite“, sagt Tyler, die aus Portugal anruft. „Ich liebe es, auf der Bühne zu stehen. Es ist so ungewöhnlich für mich, so viel Zeit zu haben. Aber um ehrlich zu sein, war es bisher wundervoll. Ich sitze hier gerade in meinem Bikini.“ Sie lacht laut und herzlich ins Telefon.

Als Kind sang das Mädchen in ihre Haarbürste, nicht ins Mikrofon

Tyler stammt aus einer musikalischen Familie mit drei Schwestern und zwei Brüdern, in der viel gesungen wurde. „Mein Vater hat sonntags „Top of the Pops“ für mich aufgenommen, die Top 40“, erinnert sie sich an ihre Kindheit in der walisischen Kleinstadt Skewen. „Ich habe die Texte aufgeschrieben, um mitzusingen. In meine Haarbürste, kein Mikrofon.“

Bei einem Gesangswettbewerb im örtlichen Rugbyclub wurde sie Zweite. Ihre Tante hatte sie angemeldet. „Ich war damals sehr, sehr schüchtern, das glaubt man kaum“, sagt Energiebündel Tyler. Als Background-Sängerin für Bobby Wayne & The Dixies lernte sie dazu, bevor sie mit ihrer eigenen Band in örtlichen Pubs auftrat.

Ihren Geburtsnamen Gaynor Hopkins legte sie ab, um Verwechslungen mit Sängerin Mary Hopkin zu vermeiden. „Ich bin die Zeitung durchgegangen und habe alle Vornamen und alle Nachnamen aufgeschrieben. Dann habe ich probiert, welche Kombination gut klingt“, erzählt sie amüsiert. „Es gab damals nicht viele Tylers in der Gegend. Lange Zeit dachten viele Leute, ich sei Amerikanerin. Aber ich bin definitiv Waliserin.“ Daran lässt ihr deutlich hörbarer Akzent keine Zweifel.

Wechsel vom Country zum Rock

Nach ihrem Durchbruch mit „Lost in France“ wurde „It’s a Heartache“ 1977 ein noch größerer Hit und toppte in mehreren Ländern die Charts. Doch als ihr Plattenvertrag Anfang der 80er auslief, lehnte Tyler einen neuen ab. „Ich hatte keine Lust mehr, diese Country-Rock-Musik zu machen. Ich wollte mehr in Richtung Rock gehen.“

Bei ihrem neuen Plattenlabel beharrte sie darauf, mit Jim Steinman zu arbeiten, der sich als Songwriter von Rocksänger Meat Loaf („Bat out of Hell“) einen Namen gemacht hatte. „Und der Rest ist Geschichte!“, so Tyler. Die von Steinman geschriebene und produzierte Powerballade „Total Eclipse of the Heart“ wurde ihr größter Hit, erreichte Platz 1 in Großbritannien und den USA und brachte ihr eine Grammy-Nominierung ein. Das Album „Faster than the Speed of Night“, das überwiegend aus wuchtigen Coverversionen bestand, wurde ebenfalls ein großer Erfolg.

Von dem kürzlich gestorbenen Steinman stammt auch die Kulthymne „Holding out for a Hero“. Der theatralische Rocksong war 1984 im Kinofilm „Footloose“ zu hören. Die Szene, in der Kevin Bacon eine Mutprobe auf einem Trecker begeht, wirkt heute unfreiwillig komisch, aber Tylers bombastisches Lied ist ein Klassiker. Natürlich darf „Holding out for a Hero“ bei keinem ihrer Konzerte fehlen.

Dieter Bohlen produzierte drei Alben für Bonnie Tyler

Warum Tylers 1988 erschienenes Album „Hide your Heart“ kein Erfolg wurde, ist ein Rätsel. Erfolgsproduzent Desmond Child schrieb für sie „Save up all your Tears“, das aber erst als Coverversion von Robin Beck und dann von Cher erfolgreich wurde. Ihre unbeachtete Single „The Best“ wurde ein Jahr später ein Riesenhit für Tina Turner.

In den 90ern konzentrierte sich Tyler zeitweise auf Europa. Die Britin unterschrieb beim deutschen Label Hansa Records. Dieter Bohlen produzierte für sie drei Alben. „Es hat Spaß gemacht, mit ihm zu arbeiten“, sagt sie. 2013 nahm Tyler für Großbritannien am Eurovision Song Contest teil. Mit ihrem Song „Believe in me“ belegte sie zwar nur den 19. Platz, fand das Erlebnis aber trotzdem „wundervoll“.

Bis zur Pandemie ging Bonnie Tyler regelmäßig auf Tournee. Die Band fehlt ihr. Im Juli soll es endlich wieder losgehen. „Es ist mir so fremd, so lange nicht auf der Bühne zu stehen“, sagt sie. In Spanien beginnt die Tour. 2022 sind viele Konzerte in Deutschland geplant.

Immer an ihrer Seite ist Ehemann Robert Sullivan. Mit dem britischen Judoka und früheren Olympia-Teilnehmer ist sie seit 1973 verheiratet. „Wir reisen überall zusammen hin“, sagt Tyler über das Geheimnis ihrer langen Ehe. „Er liebt das Reisen wahrscheinlich noch mehr als ich. Er steht gern an der Seite der Bühne und singt mit.“ Das Paar lebt abwechselnd an der Südküste von Wales und - wegen des Wetters - an der Algarve. Kinder haben sie nicht, aber viele Nichten und Neffen. „Die nennen mich Tante Gaynor“, sagt die Sängerin vergnügt.

Drei Mal pro Woche arbeitet die Sängerin mit einem Stimmtrainer

Daraus, dass sie sich gelegentlich Botox spritzen lässt, macht Tyler kein Geheimnis. In über vier Jahrzehnten als Künstlerin hat sich auch ihre rauchige Stimme kaum verändert. Dreimal pro Woche arbeitet die Nichtraucherin mit einem Stimmtrainer. Und vor jedem Auftritt gönnt sich Tyler einen Schluck Jack-Daniel’s-Whisky mit Red Bull. „Nur ein kleiner Schuss, das ist alles“, betont sie. „Aber wenn ich von der Bühne komme und meine Show vorbei ist, dann mag ich gern Rotwein.“

Mehr als 80 Singles hat die Waliserin während ihrer langen Karriere veröffentlicht. Im Februar ist ihr 18. Studioalbum „The Best is yet to come“ erschienen, das mit eingängigen Melodien und den Gitarren- und Synthesizer-Sounds an die Musik der 80er Jahre erinnert. „Es ist ein Feelgood-Album“, sagt Bonnie Tyler und betont, dass der Albumtitel wörtlich zu nehmen ist. Schließlich sei die Pandemie bald überwunden. „Dann können wir wieder anfangen zu leben.“

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