Bonbon-Museum Willkommen im Schlaraffenland!

Von Kerstin Ruchay 

Im Bonbon-Museum Foto: AP
Im Bonbon-Museum Foto: AP

In Vaihingen an der Enz steht seit mehr als zehn Jahren Deutschlands einziges Bonbonmuseum.

Vaihingen/Enz - Klein, aber fein: Mitten in der Provinz, im Vaihinger Stadtteil Kleinglattbach, liegt das Paradies für Schleckermäuler. Große und kleine kommen im Bonbonmuseum auf ihre Kosten. Ein Streifzug durchs Schlaraffenland aus zwei Perspektiven. Marie hat nur Drops im Kopf, Tante Kindheitserinnerungen.

Tante bringt mich hier nicht raus. Nie im Leben! Hier gibt es jede Menge Bonbons, Gummibärchen und Schokolade. Ich muss mich nicht mal auf die Zehenspitzen stellen, um in den Regalen an die kleinen Plastikschälchen mit den Süßigkeiten zu kommen. Die darf man probieren, hat die Verkäuferin gesagt, wenn's schmeckt, auch zweimal.

Das war ja klar. Marie rennt schnurstracks in den Verkaufsraum der Jung'schen Bonbonfabrik und stürzt sich aufs Naschzeug. Wie um Himmels willen kriege ich eine Fünfjährige aus so einem Paradies für Schleckermäuler wieder raus und lotse sie einen Stock höher ins Bonbon-Museum? Museumsmaskottchen Clara Drops sei Dank! Der rote Automat mit den Himbeer-Drops, den Clara im Schlepptau hat, zieht. Der funktioniert ohne Geld und spuckt eine Karamelle nach der anderen aus. Auch wenn mich das dauernde Geklackere wahnsinnig macht.

Tante nervt. Immer, wenn es am schönsten ist, muss ich aufhören. Ich soll den Automaten nicht kaputt machen und anderen Kindern auch noch was übrig lassen, meckert sie. Dabei ist gar niemand da. An die großen Gläser mit den Goldnüssen, Vollmilchmünzen und Pfefferminzkissen komme ich auch nicht ran. Da ist so 'ne doofe Scheibe davor. Was, ich darf Fernsehn gucken mit Clara Drops? Super!

Hoffentlich taugt der Film über die Zuckerfabrik was, und Marie sitzt wenigstens ein paar Minuten still. Die Tafeln über die Zurückgewinnung und die Erfindung des Bonbons um das Jahr 600 in Persien haben die Kleine nicht die Bohne interessiert. Genauso wenig wie die Tatsache, dass Süßes früher purer Luxus war, weil es lange Reisen hinter sich hatte und sogar als Medizin in Apotheken verkauft wurde. Rübenheber und Kopfschippe, die früher bei der Ernte eingesetzt wurden, würde Marie am liebsten testen. Weil die Ausstellungsstücke jedoch taub sind, zieht sie beleidigt ab. Und entdeckt die Klingel unterm Apothekenschild . . .

Wow, der sieht ja aus wie mein Kaufladen, nur viel größer. So viele Bonbon-Gläser hätte ich zu Hause auch gern. Tante sagt, die Einrichtung des Tante-Emma-Ladens sei sehr alt und stamme aus dem Jahr 1893. Damals sei noch nicht mal Oma auf der Welt gewesen. Trotzdem hat sie den Laden gekannt, weil er ganz lang in Stuttgart stand. Sogar die alten Plakate an der Decke sind von dort. Die gefallen mir, noch viel besser finde ich aber die alte Kasse mit den schwarzen Knöpfen und die glänzende Waage.

Nein, die wird doch nicht! Keine zwei Minuten kann man das Kind allein lassen. Krabbelt einfach unter der Eisenkette durch und klettert auf den Holztresen. Als ob sie das zu Hause auch dürfte! Da hilft nur noch Zupacken und ein fester Griff an der Hand - so lange, bis wir wieder auf ungefährlichem Terrain sind. Vielleicht lässt sich Marie ja für die großen Maschinen begeistern, mit denen bis heute noch Drops hergestellt werden. Zum Glück ist die rosa Masse auf dem Fließband durch ein Glas geschützt.

Das sieht ja aus wie eine riesige Zunge. Und daraus sollen Bonbon werden? Tante sagt, die Bonbonmacher schütten Rote-Bete-Saft in den zähen Zuckerbrei, damit er rosa wird. Das wäre was für Opa. Der mag auch kein Gemüse, muss es aber essen, weil Oma sagt, das sei gesund. Soll er zum Mittagessen doch Drops lutschen, da sind auch Vitamine drin!

Nach einer Dreiviertelstunde durch mehr als 1300 Jahre Bonbonkocherei ist Marie für nichts mehr zu gewinnen - geschweige denn für alte Blechdosen aus meiner Kindheit zu begeistern. Oder die Urkunde von 1865, in der ein Arzt Friedrich Jung bestätigt, "dass seine Fichtennadelbonbons bei Heiserkeit, Husten und Verschleimung mit gutem Erfolg angewandt werden". Marie ist schon wieder einen Stock tiefer und darf sich durchs Schlaraffenland wühlen.

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