Wäre die Bombe hochgegangen, wären Splitter anderthalb Kilometer weit geflogen. Foto: 7aktuell/Marc Gruber

Ein Wohngebiet wurde evakuiert, 500 Menschen mussten ihre Häuser verlassen. Auch viele Flüge am Stuttgarter Flughafen wurden umgeleitet.

Schönaich - Es ist kurz vor 14.30 Uhr, als ein Sprecher der Feuerwehr im Schönaicher Rathaus verkünden kann: „Die Bombe ist entschärft.“ Zwei Stunden hat die eigentliche Arbeit an der 250 Kilogramm schweren Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg gedauert. Doch die Vorbereitungen für die gefährliche Aktion begannen schon vor Tagen. Am Tag X ist alles sei nach Plan gelaufen, es habe keine Komplikationen gegeben.

Dies sei durchaus nicht selbstverständlich, sagt Tobias Heizmann, der Erste Bürgermeister von Böblingen, der bis vor kurzem noch Bürgermeister in Schönaich war. Schließlich fordere die Entschärfung solcher Bomben immer wieder Todesopfer. „Das war auch für uns eine besondere Aufgabe“, räumt Christoph Rottner vom Kampfmittelbeseitigungsdienst ein. „Denn die Bombe hatte einen chemischen Langzeitzünder.“ In den vergangenen Jahren seien bei der Bergung solcher Sprengkörper mehrere Experten tödlich verunglückt.

Ein Bagger hat die Bombe freigelegt

Denn die Zünder dieser Bomben sind durch eine Sperre geschützt. „Die kann man nicht einfach ausbauen, sonst geht sie hoch“, erklärt Rottner. Deshalb habe zunächst ein Bagger den Zünder der Bombe freigelegt. Dann entschieden sich die Experten, diesen hydraulisch zu ziehen. „Dafür mussten wir erst einige Teile absägen“, so der Experte. Die Alternative: Man hätte die Bombe kontrolliert sprengen können. „Ich hätte aber nicht garantieren können, dass nicht Splitter in anderthalb Kilometer Entfernung Schaden anrichten.“

Vorteilhaft war, dass die Fliegerbombe mitten im Wald lag. „So hatten wir Zeit, alles in Ruhe vorzubereiten“, sagt Marcel Lauer, der Chef des Böblinger Ordnungsamts und Leiter des Einsatzstabs. Ganz bewusst habe man die Räumung auf einen Sonntag gelegt, um Probleme im Berufsverkehr zu vermeiden.

300 Helfer der Feuerwehr, Polizei, des Kampfmittelbeseitigungsdienstes, des Deutschen Roten Kreuzes sowie der Kommunalverwaltungen in Böblingen und Schönaich waren am Sonntag im Einsatz. Am Vormittag hatten 500 Schönaicher vorsichtshalber ihre Häuser verlassen müssen. „Die meisten kamen bei Bekannten unter, 104 Personen hat das Rote Kreuz in der Gemeindehalle betreut“, so der Schönaicher Ordnungsamtsleiter Mathias Bethge.

Hubschrauber mit Wärmebildkamera ortet Radfahrer in der Sperrzone

Auch der Böblinger Wald wurde von der Polizei großräumig absperrt. Teile der Panzerkaserne der US-Streitkräfte waren ebenfalls von dem Alarm betroffen. In einem Radius von 750 Meter um die Bombenfundstelle durfte sich während der Entschärfung niemand aufhalten. Um sicher zu gehen, dass sich keine Personen mehr im Sperrgebiet befanden, war ein Hubschrauber mit Wärmebildkamera über das geräumte Gebiet geflogen. „Dabei haben wir einen Radfahrer sowie eine weitere Person entdeckt“, berichtet Lauer.

Die Entschärfung hatte auch Auswirkungen auf den Flugverkehr am Stuttgarter Flughafen. Denn Schönaich liegt direkt in einer Flugschneise. Wenn die Bombe explodiert wäre, hätten die Splitter bis zu anderthalb Kilometer hoch in die Luft fliegen können. Die Flieger sind in der Ein- und der Ausflugsschneise aber nur in einer Höhe von 500 bis 600 Metern über Schönaich unterwegs. Deswegen konnten auf dem Stuttgarter Flughafen zwischen 11 und 14.30 Uhr keine Flugzeuge landen.

1000 Flugpassagiere können nicht in Stuttgart landen

Fünf Maschinen wurden daher nach Karlsruhe und fünf nach Nürnberg umgeleitet, eine weitere wich nach Frankfurt aus. Wie die vermutlich weit mehr als 1000 davon betroffenen Passagiere dann jeweils von dort aus zu ihren Reisezielen kamen, das sei die Sache der einzelnen Fluglinien gewesen, sagte eine Flughafen-Sprecherin. Bei den Landungen habe es auch nach der Entwarnung noch vereinzelt Verspätungen gegeben, bis sich der Flugbetrieb wieder normalisiert habe. Starts mussten nicht abgesagt werden. Die Maschinen mit Abflug in Stuttgart seien alle in Richtung Esslingen aufgestiegen.

172 Bomben, davon 22 mit einem chemischem Langzeitzünder, haben die Alliierten gegen Ende des Zweiten Weltkriegs laut Rottner im Böblinger Wald abgeworfen. Ihr Ziel war die nahe Panzerkaserne, wo die Wehrmacht saß. Bereits vor fünf Jahren hatte der Kampfmittelbeseitigungsdienst an der gleichen Stelle zwei Bomben mit Langzeitzündern geborgen. Und Christoph Rottner vermutet: „Dort liegen noch weitere.“

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