Terror der Boko Haram: Zerstörte Behausungen in Nigeria Foto: dpa

Die islamistische Sekte Boko Haram verfolgt die Christen in Nigeria seit Jahren mit brutaler Gewalt - Menschenrechtler beklagen Versagen des Staates.

Abuja/Stuttgart - „Beängstigende Nachrichten haben uns in den letzten Tagen aus Nordnigeria erreicht: 175 Christen sind allein im Januar bei Angriffen der Terrorgruppe Boko Haram ums Leben gekommen.“ Martin Lessenthin, Vorstandssprecher der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM), malt ein düsteres Bild der Situation in dem westafrikanischen Land. „Die Gewalt nimmt ein immer größeres Ausmaß an. Wir stellen eine Inflation des Terrors fest, der gesamte Norden des Landes steht bald in Flammen.“

Und auch im Februar scheint das Blutvergießen in Nigeria kein Ende nahmen zu wollen: Am Abend des 3. Februar haben Islamisten laut IGFM ein Dorf mit überwiegend christlicher Bevölkerung in einer ländlichen Gegend angegriffen. Zahlreiche Bewohner seien getötet worden, und die Ortschaft, die nach einem Überfall ein Jahr zuvor gerade erst wieder aufgebaut worden war, sei teilweise niedergebrannt.

Urheber des Schreckens ist die Sekte Boko Haram – übersetzt etwa „westliche Bildung ist Sünde“ –, die die Christen aus Nordnigeria vertreiben will. Keine Staatsgewalt kann sie zurückhalten, die Islamisierung wird mit Einschüchterung und Terror vorangetrieben. Allein im vergangen Jahr wurden mehr als 1200 Menschen umgebracht. Das Motiv der Extremisten: Sie wollen eine islamische Republik errichten – mit der Scharia als Grundlage.

Immer neue Schreckensmeldungen

Bei einer Pressekonferenz am Mittwoch in Stuttgart beschreibt Emmanuel Ogbunwezeh, Christ und Leiter des Afrika-Referats der IGFM, Nigeria als ein Land im Kriegszustand. „Es gibt beinahe wöchentlich neue Schreckensmeldungen.“ Betroffen seien neben Christen auch moderate Moslems, die der Vision von Boko Haram im Wege stehen.

Das Unheil begann vor 15 Jahren, als in zwölf nördlichen Bundesstaaten fast gleichzeitig das Scharia-Strafsystem eingeführt wurde – erster Schritt eines Plans, das ganze Land zu islamisieren. Zwar wurde im Kampf gegen den Terror mittlerweile in drei Bundesstaaten der Notstand ausgerufen, doch insgesamt hat sich die Regierung im Lauf der Jahre als zu schwach erwiesen, die Bevölkerung vor Extremisten zu beschützen. Auch bei der Bekämpfung von Armut und Korruption in dem 170-Millionen-Einwohner kommt der Staat nicht voran, was den Extremismus weiter stärkt.

Nicht nur Christen, auch Homosexuelle müssen in Nigeria um ihr Leben fürchten. Die IGFM berichtete von einem neuen schweren Zwischenfall in Bauchi, der Hauptstadt des gleichnamigen Bundesstaats, wo eine wütende Menge Homosexuelle lynchen wollte. Der Mob sei in ein Gerichtsgebäude eingedrungen, wo sieben Schwulen der Prozess gemacht wurde, habe auf die Männer eingeprügelt und sie fast zu Tode gesteinigt. Erst als die Polizei Schüsse in die Luft abgab, seien die Angreifer zurückgewichen. „Mittlerweile ist Nigeria eines der gefährlichsten Länder für Homosexuelle“, beklagt Lessenthin. Und daran sei die nigerianische Regierung schuld.

Homosexuelle in Lebensgefahr

Präsident Goodluck Jonathan habe Anfang Januar ein Gesetz gegen die gleichgeschlechtliche Ehe unterzeichnet, das für homosexuelle Handlungen oder Aktivitäten in Homosexuellen-Organisationen Haftstrafen von bis zu 14 Jahren vorsieht. „Das Gesetz hat vor allem in Nordnigeria, aber auch in anderen Teilen des Landes sowie im Internet zu einer Welle von schwulenfeindlichen Äußerungen geführt, einschließlich Aufrufen zur Gewalt gegen Homosexuelle“, so der IGFM-Vorstandssprecher. Und er weist noch auf eine weitere Tragödie im Land hin: Boko Haram und andere militante Islamisten würden immer häufiger gezielt Familienväter töten, und so Frauen und Kinder in große Not stürzen. Staatliche Hilfe könnten die Betroffenen kaum erwarten.

Keine Frage, die Lage im Land ist ernst, weil die Regierung laut IGFM bei der Bekämpfung der Terroristen kein Konzept hat. „Zurzeit setzt sie auf ein rein militärisches Vorgehen gegen Boko Haram. Das kann zwar kurzfristig Ergebnisse erzwingen, vor allem tote Terroristen für die Fernsehkameras, aber es kann niemals eine langfristige Lösung sein.“

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