Vorbild Islamischer Staat: Boko Haram eifert mit Symbolen und Vorgehensweise den Dschihadisten in Syrien und im Irak nach Foto: dpa

Aus der Terrorsekte Boko Haram ist eine schlagkräftige Armee geworden, die Land erobert und blutig regiert. Doch Nigerias Regierung verdrängt die wachsenden Sicherheitsprobleme bisher lieber.

Stuttgart/Abuja - Auf dem Markt im Zentrum von Maiduguri herrschte dichtes Gedränge. Wie jeden Samstag, wenn die Frauen in der Millionenstadt im Nordosten Nigerias ihre Vorräte für die kommende Woche einkaufen.

Am Eingang zum Markt wurde ein Mädchen angehalten. Der Metalldetektor schlug an. Doch der Sprengsatz detonierte trotzdem. So starben am 10. Januar 20 Menschen, unter ihnen auch die Selbstmordattentäterin. Wahrscheinlich wurde die Bombe ferngezündet. Gut möglich, dass das Kind nicht einmal wusste, was es bei sich trug. Oder aber es wurde zu der Tat gezwungen.

Die Identität des Mädchens ließ sich nicht mehr feststellen. „Die Täterin war ein hübsches Mädchen“, sagte ein Sprecher des örtlichen Krankenhauses.

Zehn Jahre alt soll die jüngste Attentäterin gewesen sein, die Boko Haram in den Tod schickte, sagen nigerianische Behörden. Die Steinzeit-Islamisten wollen in Westafrika ein Kalifat, einen Gottesstaat errichten. Und schicken dafür immer mehr Kinder in den Krieg: Am darauffolgenden Tag sprengten sich in Potiskum, ebenfalls im Norden, zwei weitere Mädchen in die Luft und rissen drei Menschen mit in den Tod.

„Westliche Bildung ist Sünde“

15 000 Menschenleben ausgelöscht haben die Terroristen der Organisation Boko Haram, die zu deutsch so viel wie „Westliche Bildung ist Sünde“ heißt. 2009 begannen die Fanatiker ihr Morden. Hunderttausende Menschen befinden sich innerhalb Nigerias oder in den Nachbarstaaten auf der Flucht. Flüchtlinge, die sich, so befürchten Experten, nach Europa aufmachen könnten, sollte der brutale Konflikt anhalten.

Unter der Führung von Abubakar Shekau ist aus der kleinen sunnitischen Sekte längst eine schlagkräftige Streitmacht mit schätzungsweise 15 000 bis 20 000 Kämpfern geworden. Die nigerianische Armee hat ihr meist nicht viel entgegenzusetzen. Boko Haram finanziert sich überwiegend aus Überfällen, Entführungen und Erpressung. Ihre Waffen, darunter Panzer, Artillerie und panzerbrechende Waffen erbeutete sie von der nigerianischen Armee oder sie stammen aus den Beständen des gestürzten libyschen Diktators Muammar Gaddafi.

Erst am vergangenen Wochenende hatte Boko Haram erneut versucht, mit schwererer Artillerie und gepanzerten Fahrzeugen Maiduguri, die Hauptstadt des Bundesstaates Borno und Gründungsort der Gruppe, einzunehmen. Nigerias Armee konnte die Attacke zwar abwehren, doch kontrollieren die Extremisten Dutzende Dörfer in der Umgebung und alle Ausfallstraßen bis auf eine.

Vorbild sind die Dschihadisten des Islamischen Staates

Nach Auffassung westlicher Terrorexperten folgt Boko Haram inzwischen dem Vorbild der Dschihadisten des Islamischen Staates im Irak und in Syrien – von den Symbolen über die salafistische Ideologie bis hin zur militärischen Vorgehensweise. Verfolgte die Gruppe anfangs noch die Guerilla-Taktik, sich nach Anschlägen schnell wieder zurückzuziehen, um den Sicherheitskräften zu entgehen, stellen sich die Islamisten jetzt in offenen Gefechten, verteidigen und verwalten einmal eroberte Gebiete auf brutalste Weise – mit „Schwert und Koran“.

In einer Videobotschaft vergangenen Oktober spielte Boko Haram die „Nationalhymne“ des Islamischen Staates „Meine Gemeinde, die Morgenröte ist angebrochen“. Dazu rief Anführer Shekau ein islamistisches Kalifat aus.

Mit der Eroberung des Handelsstädtchens Baga auf der nigerianischen Seite des Tschad-Sees Anfang Januar sind die afrikanischen Gotteskrieger diesem Ziel ein ganzes Stück näher gekommen. Die Terroristen kontrollieren im verarmten Nordosten Nigerias bereits ein Gebiet von der Größe Belgiens. Sie verüben weiter Anschläge auf Schulen und Märkte, fackeln Tausende von Gebäuden ab, entführen Hunderte von Menschen – in vielen Großstädten Nigerias, längst nicht nur im überwiegend muslimischen Norden.

Verbindungen zur islamistischen Al-Shabaab-Miliz?

Für die US-Regierung steht fest, dass Boko Haram Kontakte zu El-Kaida unterhält und dass der Islamische Staat in Syrien und im Irak versucht, ein Bündnis mit Dschihadisten in Afrika zu schließen. Die Regierung im benachbarten Niger behauptet, Boko-Haram-Kämpfer seien in einem Trainingslager von „El-Kaida im Islamischen Maghreb“ in Mali ausgebildet worden. Außerdem gibt es Berichte – aber keine nachprüfbaren Beweise –, die nigerianischen Terroristen unterhielten Verbindungen zur islamistischen Al-Shabaab-Miliz in Somalia, ihrerseits ein enger Verbündeter des El-Kaida-Ablegers im Jemen.

Letzterer hat jüngst erst die Verantwortung für die Anschläge von Paris übernommen. Auffallend immerhin: in den Reihen der Jemeniter gibt es eine beträchtliche Anzahl von Nigerianern.

"Alle haben Angst"

In deren Heimat steht viel auf dem Spiel. Das Land besteht aus dem armen muslimischen Norden und dem wirtschaftlich boomendem christlichen Süden. Mit seinen 170 Millionen Menschen ist es das bevölkerungsreichste Land Afrikas. Es ist die größte Volkswirtschaft Afrikas, auch wenn der weltweite Ölpreisverfall die wirtschaftlichen Aussichten im Augenblick verfinstern. Eine Spätfolge der Militärdiktatur, die 1999 zu Ende ging: Polizei und Armee sind von der Spitze bis in die niedrigen Ränge notorisch korrupt und schrecken auch vor schweren Menschenrechtsverletzungen nicht zurück. Oft mangelt es den Sicherheitskräften an Moral ebenso wie an Ausrüstung und Ausbildung. Diese Mischung aus Misswirtschaft, Korruption, Unterdrückung und Armut sind für die Islamisten im Norden ein idealer Nährboden.

Im In- und Ausland werden die Stimmen, die vor der sich zuspitzenden Krise im Land warnen, immer lauter. „Der Staat bricht zusammen und alle haben Angst“, sagte etwa Jibrin Ibrahim, Politologe am Zentrum für Demokratie und Entwicklung der „New York Times“. Viele Menschen befürchteten, dass Boko Haram „das ganze Land einnehmen könnte“.

Pfarrer Riley Edwards-Raudonat von der Evangelischen Mission in Stuttgart, die seit vielen Jahren Kontakte nach Nigeria unterhält, meinte: „Ich mache mir große Sorgen über den Zusammenhalt des Landes. In den vergangenen Jahren wurde die Lage immer nur schlechter.“

Ein Christ und ein muslimischer Ex-Putschist treten an

Obendrein finden in dem Krisenstaat in zwei Wochen Präsidentschaftswahlen statt. Viele Beobachter erwarten einen knappen Wahlausgang zwischen dem amtierenden Präsidenten Goodluck Jonathan, einem Christen aus dem Süden, und seinem Herausforderer Muhammadu Buhari, ein muslimischer Ex-Putschist aus dem Norden. Jonathans Regierung leugnet die Sicherheitsprobleme seines Landes weitgehend. Alles sei unter Kontrolle.

Als Wiederwahlstrategie belebt er lieber die Erinnerung an den harten Militärmachthaber der 80er Jahre und behauptet, sein Rivale wolle das Scharia-Recht, das im Norden gelte, im ganzen Land durchsetzen. Der 72-jährige Buhari macht dagegen das Wüten der Terroristen zum Thema seines Wahlkampfes. Sollte es zu Stichwahlen kommen, könnte es, wie in der Vergangenheit immer wieder, zu religiös aufgeladenen Gewaltausbrüchen zwischen Anhängern beider Lager kommen.

Auch in Kamerun hat die Armee wenig entgegenzusetzen

Derweil hat sich Boko Haram längst zu einer grenzüberschreitenden Gefahr entwickelt. Am schlimmsten leidet das Nachbarland Kamerun unter Überfällen und Entführungen. Auch dort hat die Armee den Islamisten wenig entgegenzusetzen. Aber auch im Niger verschlechtert sich in den Flüchtlingslagern an der Grenze die Sicherheitslage rapide. Benin sieht sich ebenfalls bedroht. Einzig der Tschad scheint der Gefahr gewachsen. Das Land schickte Truppen nach Kamerun und Nigeria.

Gerade hat die Afrikanische Union (AU) die Aufstellung einer 7500 Mann starken regionalen Eingreiftruppe beschlossen. Überraschend stimmte Nigerias Regierung dem Einsatz ausländischer Truppen auf seinem Territorium zu. Das US-Militär unter Führung des Afrika-Kommandos (Africom) in Stuttgart schränkte die Zusammenarbeit mit dem nigerianischen Militär zuletzt stark ein. Dabei verstärkte man nach der weltweit aufsehenerregenden Entführung von 276 Schülerinnen im April vergangenen Jahres – die Mehrzahl von ihnen bleibt weiter entführt – insbesondere die nachrichtendienstliche Kooperation.

Doch hatte das US-Militär den Eindruck, Nigerias politische und militärische Führung sei nicht wirklich am Kampf gegen Boko Haram interessiert. Sogar der Verdacht, Nigerias Armee könnte von den Terroristen infiltriert sein, stand im Raum. Nun hofft Washington, dass Jonathan oder sein Nachfolger den Kampf gegen die Dschihadisten und die sozialen Wurzeln des Terrors endlich ernst nehmen. „Die nigerianische Regierung muss diese Bemühungen anführen“, sagte Africom-Kommandeur David Rodriguez unserer Zeitung.

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