Die Volksrepublik China gehört zu den drei wichtigsten Handelspartnern Deutschlands Foto: dpa

Die Kursstürze in China sorgen weltweit für Verluste an den Börsen. Ist das die neue Normalität von der man im Reich der Mitte spricht? Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Stuttgart - Warum sind schon zum zweiten Mal in dieser Woche die Börsen rund um den Globus auf Talfahrt gegangen?
Die chinesische Zentralbank hat den Renminbi gestern erneut abgewertet – um 0,5 Prozent. Damit stärkt sie die Wettbewerbsfähigkeit der heimischen Unternehmen, deren Waren im Ausland dann günstiger werden. Es war bereits der achte Tag in Folge, in dem die Notenbank die chinesische Währung abwertete. Anleger sehen darin das Eingeständnis, dass es der chinesischen Wirtschaft schlecht geht. Die Sorge darüber war der Auslöser für den massiven Kursrutsch an den Börsen in Schanghai und Shenzhen. Das Beben erfasst die Märkte weltweit.
Wie ernst ist die Lage?
Die schwächelnde chinesische Wirtschaft ist nicht das einzige Problem, das Anleger rund um den Globus in Sorge versetzt. Da ist die Furcht vor schnell steigenden Zinsen in den USA, die Spannungen zwischen den Ölförderländern Saudi-Arabien und Iran und auch der Atomstreit mit Nordkorea. Doch die Börsen neigen zu Übertreibungen. Anleger werden sich an starke Kursschwankungen gewöhnen müssen. Der Dax gab gestern um 2,29Prozent auf 9979,85 Punkte nach.
Warum wurde der Handel in China ausgesetzt?
Seit Beginn des Jahres ist an den chinesischen Börsen ein neuer Schutzmechanismus in  Kraft.   Danach wird der Handel für 15 Minuten ausgesetzt, wenn die Kurse um über fünf Prozent in den Keller rauschen. Bei mehr als sieben Prozent wird der Handel für den Rest des Tages ausgesetzt. Gestern war diese Schwelle nach 30 Handelsminuten erreicht. Es war der kürzeste Börsentag in Chinas Geschichte. Künftig will die chinesische Börsenaufsicht den Handel nicht mehr automatisch aussetzen.
Was geht in China ab?
Chinas Wirtschaftswachstum lag 2007 noch bei 14,2 Prozent. Als die Wachstumsraten 2008 zu sinken begannen, hat die Partei umfangreiche staatliche Ausgabenprogramme aufgelegt. Das führte zu „einer enormen Zunahme der Verschuldung, zu Überkapazitäten in der Industrie und zu einer Überhitzung am Immobilienmarkt“, sagt der Vermögensverwalter Ekkehard Wiek, der in Singapur lebt. Börsianer befürchten, dass der Anpassungsprozess in China zu größeren Verwerfungen führt. „Die Lokomotive der Weltkonjunktur hat deutlich an Fahrt verloren“, sagt Wiek. Im neuen Fünf-Jahresplan, den die chinesische Führung im Herbst 2015 verabschiedet hat, ist als jährliches Wachstumsziel für die nächsten Jahre 6,5 Prozent ausgegeben. Das gilt als neue Normalität.
Wie eng ist die Verflechtung zwischen der deutschen und der chinesischen Wirtschaft?
China ist mit einem Außenhandelsumsatz von 154 Milliarden Euro nach Frankreich und den Niederlanden der drittwichtigste Handelspartner für Deutschland. Gemessen an den Exporten ist China das viertwichtigste Land, bei den Importen das zweitwichtigste Land. China spielt als Absatzmarkt vor allem für die deutsche Autoindustrie und die deutschen Maschinenbauer eine große Rolle. Diese leiden auch am meisten unter der Schwäche der chinesischen Wirtschaft. „An der Schwäche am Bau haben auch ­Zulieferer  und Ausrüster zu knabbern“, sagt DIHK-Hauptgeschäftsführer Martin ­Wansleben. „China ist zum Sorgenkind der Weltwirtschaft geworden.“Mit Chinas ­Größe ist eben auch das Potenzial verbunden, „die Welt nicht nur nach oben zu ziehen, sondern auch nach unten“, sagt  LBBW-Analyst Julian Trahorsch.
Wie wichtig ist der Einbruch an Chinas ­Aktienmärkten für die deutsche Wirtschaft?
Die chinesische Wirtschaft befindet sich im Umbau – von der Produktionsgesellschaft hin zu einer Dienstleistungsgesellschaft. Die chinesische Führung verspricht sich davon ein stabileres Wachstum. Die Binnennachfrage soll eine wichtige Rolle einnehmen, damit die Wirtschaft unabhängiger von den globalen und auch unsteten Entwicklungen wachsen kann, erklärt Matthias Goldbach, Vermögensverwalter bei Sand und Schott in Stuttgart. Doch die Entwicklung verläuft holprig. „Eine Reduzierung des Geschäfts in China bleibt bei deutschen Unternehmen vor Ort aber die Ausnahme“, ist Verbandschef Wansleben überzeugt. Das Reich der Mitte bleibe für die deutsche Wirtschaft ein wichtiger Markt.
Chinas Staatsführung strebt einen Reformkurs für die eigene Wirtschaft an. Welche Branchen betrifft das wiederum?
Die Kaufkraft der Mittelschicht in China wächst, und damit auch die Ansprüche an hochwertige Konsumgüter, meint Wansleben. Von der Entwicklung werden die Konsumgüterindustrie, Logistikdienstleister und die Lebensmittelindustrie profitieren, erwartet Klaus Peter Lehr, Geschäftsführer von PT Asset Management in Metzingen. Wansleben sieht Chancen für Unternehmen, deren Produkte ein umweltschonenderes Wachstum der chinesischen Wirtschaft ermöglichen, etwa im Bereich Erneuerbarer Energien. Im neuen Fünf-Jahresplan der Kommunistischen Partei Chinas gehört auch die Gesundheitsreform zu den Kernthemen. Hersteller hochwertiger Medizintechnik dürfen auf Wachstumsimpulse hoffen.
Wie sind die nächsten zwölf Monate ­einzuschätzen?
Die chinesische Wirtschaftspolitik steht vor der „Mammutaufgabe, den riesigen Tanker auf neuen Kurs zu setzen“, sagt LBBW-Analyst Trahorsch. Dies werde Jahre dauern und große Wellen schlagen. Aber auch bei niedrigerem Wachstum bestehen weiterhin gute Absatzchancen, sind sich die Experten einig. „Ein Zuwachs in Höhe von sechs Prozent entspricht immerhin fast 700 Milliarden Dollar (umgerechnet 651 Milliarden Euro), rechnet Wansleben vor, „also einmal komplett die Schweizer Wirtschaft.“
Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: