Federico Cassarà hat ein Faible für Geschichte und würde später gerne in die Forschung gehen. Foto: David Ausserhofer

Federico Cassarà hat beim Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten den ersten Preis gewonnen. Der Schüler des Alfred-Amann-Gymnasiums hat sich mit dem Verhältnis von Kommunismus und Kirche in Italien befasst.

Bönnigheim - An diesem Mittwoch ist der Bönnigheimer Federico Cassarà zu Gast im Schloss Bellevue. Der Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier überreicht ihm den ersten Preis eines Geschichtswettbewerbes. Cassarà setzte sich mit seiner Arbeit gegen 1638 andere eingereichte Beiträge durch. Titel seiner Arbeit: „Katholisch-kommunistische Beziehungen im Italien der Nachkriegszeit. Zwischen Konflikt und Kompromiss.“

Es ist selten, dass ein damals 17-Jähriger in seiner Freizeit eine 50-seitige Hausarbeit zum Thema Kommunismus und Kirche in Italien schreibt. Wie kamen Sie dazu?
Das war gar nicht so einfach. Das Thema des Geschichtswettbewerbs des Bundespräsidenten war in diesem Jahr »Gott und die Welt. Religion macht Geschichte«. Meine Eltern sind nur wenig religiös geprägt, mein Vater ist Atheist. Da war es schwierig für mich, ein passendes Thema zu finden. Dann ist mir eingefallen, dass meine Großmutter in Italien ja bekennende Katholikin ist. Dieser Widerspruch zwischen meinem atheistischen Vater und seiner katholischen Mutter hat mich stutzig gemacht. Da wollte ich dann mehr erfahren.
Und wie kamen Sie dazu, an dem Wettbewerb teilzunehmen?
Der wurde mir von meiner Geschichtslehrerin Frau Regine Winkler empfohlen, die mich dann auch als Tutorin unterstützt hat. Ich habe mich dazu entschlossen, mitzumachen, ohne dass ich ein Thema hatte. Die Hausarbeit ersetzt im Abitur die Präsentationsprüfung. Aus meiner Schule war ich dann der einzige, der mitgemacht hat – wohl weil es viel mehr Arbeitsaufwand war als die Präsentationsprüfung.
Wie viel Zeit haben Sie in die Arbeit gesteckt?
Ich habe mit den Recherchen Ende Dezember begonnen und war Mitte Februar fertig. Daran arbeiten konnte ich aber nur Wochenends und abends, ich hatte ja noch normal Schule.
Was hat sie beim Einstieg ins Thema am meisten überrascht?
Es war interessant zu sehen, wie sehr die Parteipolitik in Italien Einfluss auf die zwischenmenschlichen Beziehungen in dem Dorf meiner Großmutter genommen hat. Meine Großmutter erzählte mir, dass die Priester so intensiv vor den Kommunisten gewarnt hatten, dass sie am Ende Angst vor ihnen hatte. Ein weiterer Zeitzeuge, den ich befragt habe, sagte mir, dass die Kirche von den Kommunisten das Bild gemalt hat, dass sie Oger seien, die Kinder fressen.
Dennoch hat das Gemeinwesen funktioniert. Wie haben die Italiener das geschafft?
Der italienische Kommunismus ist kein atheistischer Kommunismus, wie man ihn von der DDR kennt. Die Politiker wussten, dass sie sich mit dem vor allem auf dem Land sehr stark ausgeprägten Katholizismus arrangieren mussten, wenn sie Erfolg haben wollten. So waren viele Italiener Katholiken und Kommunisten zugleich. Die Religion mit den zehn Geboten diente als moralische Leitlinie, der Kommunismus mit seiner Lehre vom Klassenkampf als politische Leitidee.
Haben Sie ein Faible für historische Themen?
Das ist auf jeden Fall da. Mein Vater war Geschichtslehrer, in meiner Kindheit habe ich schon Kinderbücher über Geschichte gelesen. In der Oberstufe habe ich Geschichte als Neigungsfach gewählt. Bei der Arbeit zum Wettbewerb habe ich dann wieder gemerkt, warum Geschichte so faszinierend ist. Ich war, weil ich aus einem nicht religiösen Elternhaus komme, skeptisch, was den Glauben meiner Großmutter angeht. Aber durch die wissenschaftliche Distanz meiner Herangehensweise habe ich gemerkt, dass sich ihr Glaube aus ihrer persönlichen Geschichte ergibt und Teil ihrer persönlichen Identität ist. So habe ich gelernt, den Glauben ernst zu nehmen.
Sie studieren jetzt in Berlin. Wir nehmen an Geschichte?
Nein, ich studiere Volkswirtschaft, was erstmal nicht so naheliegend ist. Aber Menschen sind nicht nur durch ihre Vergangenheit bestimmt, sondern auch durch ihre ökonomischen Verhältnisse. Und diesen gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang würde ich gerne näher verstehen.
Würden Sie gerne in die Wissenschaft ?
Mein Traum ist es, an der Universität zu forschen. Aber dazu muss ich erstmal fertig studieren und dann promovieren. Das Thema weiß ich natürlich noch nicht, aber ökonomische Ungleichheit interessiert mich sehr.
Was sagen Ihre Eltern zum Preis?
Die sind natürlich furchtbar stolz. Mein Vater als studierter Historiker hatte schon immer vor, unsere Familiengeschichte aufzuschreiben. Da habe ich jetzt schon einen Beitrag dazu geleistet.
Sie bekommen 2000 Euro Preisgeld. Haben Sie schon eine Idee, was Sie damit machen?
Da gibt es noch keine konkreten Pläne. Ich ziehe in Berlin um, da brauche ich Geld für Möbel. Und eventuell finanziere ich damit eine kleine Reise nach Schottland. Dort hat es meiner Schwester und mir sehr gefallen.
Nicht nach Italien, der Heimat Ihres Vaters?
Nein, da möchte ich ein Erasmus-Semester verbringen.

Der Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten

Idee Seit 1973 richten die Hamburger Körber-stiftung und das Bundespräsidialamt den Geschichtswettbewerb aus, der auf eine Initiative des damaligen Bundespräsidenten Gustav Heinemann und den Stifter Kurt Körber zurückgeht. Ziel ist es, bei Kindern und Jugendlichen das Interesse für die eigene Geschichte zu wecken, Selbständigkeit zu fördern und Verantwortungsbewusstsein zu stärken.

Teilnehmer Mehr als 5000 Kinder und Jugendliche beteiligten sich 2017. Neben dem ersten Preis für Cassarà gab es noch zwei dritte Preise für Baden-Württemberg: Adriana van der Donk befasste sich mit dem Islam in Mosbach, Martin Lauterbach, Sebastian Röhrle und Jannik Vorholzer aus Nagold mit dem Wirken Sebastian Lotzers und Michael Sattlers in Horb.

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