Geparkte Boeing 737 Max der US-Fluggesellschaft Southwest Airlines. Foto: AFP/MARK RALSTON

Nach den Abstürzen der Boeing 737 Max wurde ein Expertengremium eingesetzt. Das verlangt Reformen im Zulassungsprozess – und geht mit der US-Luftfahrtbehörde FAA hart ins Gericht.

Stuttgart - Was bisher aufgrund von Enthüllungen durch US-Journalisten gemutmaßt wurde, ist nun offiziell bestätigt: Die Zulassungsverfahren der amerikanischen Flugsicherheitsbehörde FAA haben Mängel. Zu diesem Schluss ist eine internationale Untersuchungskommission gekommen, die von der FAA im April den Auftrag bekommen hatte, die Zulassung des Boeing-Flugzeugtyps 737 Max zu durchleuchten.

Das Gutachten, dessen Tenor einigen US-Medien schon vor der in Kürze geplanten Veröffentlichung bekannt wurde, bemängelt vor allem eine zu große Bereitschaft der Flugaufsicht, sich im Genehmigungsprozess den Bedürfnissen des Herstellers unterzuordnen. Bei der Zulassung einer neuen Flugsoftware, welche die Boeing 737 Max im Fall eines Strömungsabrisses stabilisieren sollte, sei zudem das wahrscheinliche Verhalten von Piloten in Krisensituationen nicht genügend im Blick gewesen. Sie seien beim Umgang mit dieser Steuerungssoftware nicht genügend geschult worden.

Problematische Software

Die Software war nötig geworden, um die Auswirkungen neuer, größerer Triebwerke auf das Flugverhalten der ursprünglich in den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts entwickelten Boeing 737 auszubalancieren. Bei zwei Abstürzen in Indonesien im Oktober 2018 und in Äthiopien im März 2019 zeigten sich die Piloten allerdings bei ihrer Reaktion auf die Eingriffe des Computerprogramms namens MCAS überfordert. Die Gutachter fordern nun insbesondere auch einen besseren internationalen Datenaustausch – vor allem, wenn bisherige Flugzeugmodelle weiterentwickelt werden.

Das Votum der Experten hat keinen unmittelbaren Einfluss auf die Wiederzulassung der Boeing 737 Max – bestärkt aber Flugsicherheitsbehörden außerhalb der USA in ihrer Vorsicht. Bisher haben solche Gremien weltweit der amerikanischen Behörde vertraut. Nun ist zweifelhaft, ob die Verantwortlichen in Europa oder China einer für Ende des Jahres erwarteten, erneuten Flugfreigabe für die Boeing 737 Max gleich folgen werden.

Internationale Skepsis

„Diese Spaltung zwischen der FAA und deren ausländischen Pendants unterstreicht, wie das Ansehen der US-Behörde erodiert ist“, schreibt das „Wall Street Journal“. Das Gutachten, das ursprünglich dazu gedacht gewesen sei, einen raschen internationalen Konsens zur Wiederzulassung der Boeing 737 Max herzustellen, zwinge die US-Flugaufsichtsbehörde nun dazu, ihre ganzen Abläufe zu überdenken.

Der externe Untersuchungsbericht folgt unmittelbar auf eine interne Analyse von Boeing selbst. Laut dem „Wall Street Journal“ will der Boeing-Aufsichtsrat sicherheitsrelevante Abläufe neu organisieren. Boeing-Ingenieure sollen sich künftige in Sicherheitsfragen nicht zuerst an den Abteilungsleiter, sondern an die obersten Sicherheitsingenieure im Konzern wenden müssen.

Für die FAA hat die Wiederherstellung ihrer Reputation inzwischen höhere Priorität als die wirtschaftlichen Folgen für Boeing: Nach Aussage des Chefs der US-Luftfahrtbehörde, Stephen Dickson, gibt es deshalb bei der 737 Max weiter keinen festen Zeitplan für eine Betriebsgenehmigung: „Ich kann Ihnen garantieren, dass der Flugzeugtyp nicht wieder abhebt, bis ich davon überzeugt bin, dass es die sicherste Sache da draußen ist“, sagte er dem TV-Sender CNBC.

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