Immer mehr Flugzeuge vom Typ Boeing 737 Max bleiben am Boden. Foto: Elizabeth Merida 843-641-2282

Der zweite Absturz einer Boeing 737 Max 8 binnen fünf Monaten sorgt für viel Unsicherheit. Gut die Hälfte der ausgelieferten Flotte steht am Boden. Europa ist bislang aber kaum betroffen.

München - Noch ist nicht geklärt, warum vergangenes Wochenende in Äthiopien zum zweiten Mal binnen fünf Monaten ein nagelneues Boeing-Flugzeug abgestürzt ist. Aber immer mehr Behörden und Fluggesellschaften halten das betroffene Modell 737 Max 8 am Boden. In Europa ist der gesamte Flugraum gesperrt. Das verunsichert auch Flugreisende. Boeing droht ein Debakel. Airbus könnte profitieren. Die entscheidende Frage ist, wie lange die augenblickliche Situation anhält und ob die Unglücke durch einen identischen Designfehler verursacht worden sind. Denn die 737 ist nicht irgendein Passagierflugzeug.

Was weiß man über die Absturzursachen bis jetzt?

Beide Maschinen sind kurz nach dem Start abgestürzt, wobei insgesamt 346 Menschen gestorben sind. Im ersten Fall war es ein Jet des indonesischen Billigfliegers Lion Air, der nach bisherigen Erkenntnissen mit einer neuen Automatiksteuerung namens MCAS zu tun hatte. Ein Sensor soll dem falsche Daten geliefert haben, was zu einer Fehlsteuerung geführt hat. Weil die Piloten die manuelle Kontrolle nicht mehr übernehmen konnten, ist das Flugzeug abgestürzt. Ob es in Äthiopien auch so abgelaufen ist und ein grundsätzlicher Designfehler hinter den Unglücken steht, weiß man noch nicht. Experten sagen, es gibt Indizien dafür aber auch dagegen.

Wie bedeutend ist das betroffene Modell?

Die 737 ist das weltweit am meisten geflogene Passagierflugzeug. Seine erste Generation wurde 1967 ausgeliefert. Die 737 Max 8 ist die vierte Generation. Sie wird seit 2017 ausgeliefert und ist laut Hersteller das sich am schnellsten verkaufende Flugzeug der Boeing-Geschichte. Bestellt sind weltweit gut 5000 Maschinen, von denen bis Ende Februar knapp 380 Stück ausgeliefert waren.

Wer fliegt das Flugzeug schon?

Das sind vor allem Fluggesellschaften in den USA und Asien. In Europa waren zuletzt rund 70 Boeing 737 Max 8 im Einsatz bei weit über 5.000 Passagierflugzeugen insgesamt. Europäische Hauptkunden sind Touristikriese TUI mit 15, Turkish Airlines mit 12 und der Billigflieger Norwegian mit 18 Maschinen in der Flotte. Das Trio hält sie nun aber am Boden. TUI hatte sie ohnehin nicht in Deutschland sondern Großbritannien und den Benelux-Staaten im Einsatz. Bei Norwegian sind sie vor allem zwischen Irland und den USA geflogen. Derzeit steht etwas die Hälfte aller global ausgelieferten 737 Max 8 am Boden. Die deutsche TUI-Fly soll ihre erste Maschine Mitte April geliefert bekommen. Nach Stand der Dinge wird sie nicht fliegen.

Sind deutsche Flughäfen gar nicht betroffen?

So ist es auch nicht. Aber am größten deutschen Airport in Frankfurt gibt es nach Auskunft von Betreiber Fraport wöchentlich im Schnitt nur rund drei Linienflüge mit einer 737 Max 8. Dazu kommen Charterflüge. Am Mittwoch hätte es beispielsweise je einen Linienflug nach Warschau und einen Charterflug nach Mazedonien gegeben. Betroffene Passagiere wurden auf einen anderen Flug umgebucht oder es wurde ein Ersatzflugzeug eingesetzt. Bei anderen deutschen Flughäfen dürfte es kaum anders aussehen, sagen Experten. Sie erwarten, dass die Auswirkungen auf deutsche Flugreisende klein bleiben, falls das Problem um die 737 Max 8 bald gelöst wird. Potentiell mehr zu befürchten haben Flugreisende nach Asien, die dort umsteigen. Nicht fliegen darf das Modell derzeit unter anderem in China, Indonesien, Singapur, Indien, Australien oder die Vereinigten Arabischen Emiraten.

Und wenn es länger dauert?

Dann könnte es für manche Airlines und deren Passagiere ungemütlicher werden. So fährt der irische Billigflieger Ryanair aus Kostengründen eine Ein-Modell-Strategie. Er hat nur 737-Flugzeuge im Einsatz, kann also nicht auf ein anderes Modell ausweichen. Bislang fliegen bei Ryanair nur ältere 737-Generationen, aber 135 Max-Modelle sind bestellt. Norwegian hat 92 Modelle dieses Typs geordert. Bei asiatischen und US-Fluglinien gehen die Bestellungen in die Hunderte. Erst wenn sich Flugverbote bis in den Osterreiseverkehr hineinziehen, könnte es in Europa zu spürbaren Kapazitätsproblemen kommen, sagen Experten. Meistens dauern Flugverbote nicht lange. Im Fall der Boeing 787 im Jahr 2013 waren es drei Monate. Die Sperre für den deutschen Luftraum gilt bis 12. Juni. Sie kann aber auch verkürzt werden.

Was bedeutet das für den Hersteller Boeing?

Bei Listenpreisen von rund 100 Millionen Dollar (umgerechnet rund 89 Millionen Euro) pro 737 Max 8 stehen für den US-Flugzeugbauer mehrere hundert Milliarden Dollar an Auftragsvolumen auf dem Spiel. Dem Vernehmen nach erwägt bereits Lion Air von der 737 Max 8 auf das Airbus-Konkurrenzmodell A320 neo umzusteigen. Die Boeing-Aktie hat in Reaktion auf den Absturz in Äthiopien gut ein Zehntel ihres Werts verloren. New York Times und der US-Sender CNN melden, dass Boeing-Chef Dennis Muilenberg beim US-Präsidenten Donald Trump darum geworben hat, kein Startverbot für die USA zu verhängen. Das hat die US-Flugaufsicht FAA bislang auch nicht getan. Boeing drohen auch außerdem Schadenersatzforderungen.

Gibt es die bereits?

Ja. Mit Norwegian hat eine erste Fluggesellschaft angekündigt, Boeing in Regress zu nehmen. Man werde dem US-Konzern „die komplette Rechnung schicken“ und sich nicht dafür bestrafen lassen, dass ein neues Flugzeug nicht fliegen kann, sagte ein Norwegian-Sprecher. Publik werden auch immer mehr Klagen von Piloten weltweit, die sich über das Flugverhalten der 737 Max 8, deren Automatiksteuerung MCAS sowie mangelhafte Schulung beschwert haben.

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