Mit diesem Foto kündigten die Onkelz ihr Comeback an. Foto: dpa

Die Böhsen Onkelz rocken die ausverkaufte Schleyerhalle in Stuttgart. Mehr als 40 Jahre gibt es die Band bereits. Dass es sie noch gibt, ist durchaus beachtlich. Ein Bandportrait.

„Die Onkelz hatten nie die Ambition, als Rockeremiten mit ergrautem Haar auf dem Rockolymp anzukommen, sondern wenn mit vollem Elan und nicht schon auf dem absteigenden Ast sitzend“: So verabschiedeten sich die Böhsen Onkelz 2004 von ihren Fans. Es war ein Abschied auf Zeit. 17 Alben und zwei Jahrzehnte später sind sie immer noch da – und im Rockolymp angekommen.

 

Am 14. und 15. Dezember spielen die Böhsen Onkelz zwei Konzerte in der ausverkauften Stuttgarter Schleyerhalle. Auch für das kommende Jahr sind bereits weitere Konzerte in Deutschland und Österreich angekündigt. Die Band hat sich in den vergangen vier Jahrzehnten mehr als einmal „gehäutet“ und eine beachtliche Entwicklung durchgemacht.

Wer sind die „Onkelz“?

Die Band kennt sich größtenteils seit Kindheits- und Jugendtagen. Der Name stammt von Kindern, die Stephan Weidner (E-Bass, Gesang), Kevin Russell (Leadgesang) und Peter Schorowsky (Schlagzeug) beim „Skifahren voller Angst und Ehrfurcht als böse Onkels bezeichneten“. 1980 wurden daraus die „Böhsen Onkelz“.

Ein Jahr später kam Matthias „Gonzo“ Röhr dazu, der zu dieser Zeit versierteste Musiker der Band. Danach sei „aus einer Gang, einer Punk-Bande, ab 1981 allmählich eine richtige Band“ geworden, schrieben die „Onkelz“ zu ihrem 40-jährigen Bestehen.

Wo kommen die „Onkelz“ her?

Die ersten musikalischen Schritte machte die Band im hessischen Hösbach in der Nähe von Aschaffenburg, wo sich das Gründungstrio 1977 kennenlernte. Weidner und Russel kommen aus schwierigen Verhältnissen. Schorowsky, der aus einem katholischen Elternhaus stammt, vermisste etwas in seinem Leben; in der Punkkultur, die aus Großbritannien nach Deutschland schwappte, fühlte sich das Trio heimisch.

Schnell hatten die „Onkelz“ den Ruf, im Auftreten authentisch und in der Botschaft asozial bis rechtsradikal zu sein. Dass sie in ihren Anfangsjahren eine ausländerfeindliche Haltung an den Tag legten, daraus machen sie heute keinen Hehl. Die betreffenden Songs bezeichnen sie mittlerweile als „dumm“. Seit Mitte der 80er-Jahre distanzieren sie sich davon.

Mit den ersten Platten, die auf dem Label Rock o Rama erscheinen, das nach und nach immer rechtsradikaler wurde, verdienten die „Onkelz“ nicht wirklich Geld. In den Texten ging es um das, was die vier Männer auch in ihrem Alltag in der Rhein-Main-Region erleben: Gewalt, Alkohol-Exzesse, jede Menge Drogen und Sex. Das Bild vom harten Mann war wichtig in der Szene, auch beim Fußball. Dem Sport, und auch der Hooligan-Szene, sind die „Onkelz“ bis heute verbunden. Dass die erste Platte „Der nette Mann“ (1984) zwei Jahre nach Erscheinen indiziert wurde, trug zur Legendenbildung und zum Kultstatus der Band bei.

Spätestens ab dem Album „Onkelz Wie Wir“ (1985) wandelte sich die Band abermals und wandte sich von der rechten Szene ab. Das änderte nichts daran, dass ihr das Label „Nazi-Band“ weiter anhaftete, obwohl sie in den einschlägigen Kreisen inzwischen als Verräter gilt. Im TV und im Radio finden die Onkelz praktisch nicht statt. Von der breiten Masse unbeachtet, entwickelte sich die Band in den folgenden Jahren auch musikalisch weiter.

Drogeneskapaden und „Hexenjagd“ auf die Onkelz

Von 1990 bis 1993 veröffentlichte das Quartett in jedem Jahr ein neues Album, die Schaffenskraft war groß, genauso wie die Drogenprobleme von Leadsänger Russell. Als Andreas „Trimmi“ Trimborn – ein guter Freund der Band – im Sommer 1990 in einer Kneipe erstochen wurde, geriet die Welt des Leadsängers vollends aus den Fugen.

Auf ihrer Webseite schreiben die „Onkelz“: Russell, in dessen Armen Trimborn starb, „rutschte in ein so tiefes Loch aus Selbsthass, Selbstzerstörung, unstillbarer Wut und Sucht nach jeder Droge und jeder Sorte Alkohol, die nicht schnell genug vor ihm flüchten können.“ Das Erlebnis schweißte die Band weiter zusammen und inspirierte sie zu mehreren Stücken. Unter anderem nimmt „Nur die Besten sterben jung“ (1991), einer der größten „Onkelz“-Hits, Bezug darauf. Er erschien auf dem Album „Wir ham`noch lange nicht genug“, die erste „Onkelz“-Platte, die unter „professionellen Bedingungen“ beim Label Bellaphon entstand.

Weidner (rechts) und Röhr 2015 am Hockenheimring. Foto: Archiv/dpa

Zu dieser Zeit wurde auch erstmals der Vorschlag geäußert, die Band solle ihren Namen ändern, um mit ihrer rechtsradikalen Vergangenheit abzuschließen. Die Onkelz lehnten empört ab. „Eine Vergangenheit mit selbst erlebten Fehlern, aufrichtigem Lernen und Einsichten; ein langer Prozess des Menschwerdens soll also weniger wert sein, als das Heucheln der eigenen Historie“, schrieben sie.

Auch in Musiker-Kreisen sind die „Onkelz“ nicht wohlgelitten. 1993 drohten unter anderem Peter Maffay, Udo Lindenberg und Herbert Grönemeyer mit Absagen, als die „Onkelz“ an einem Anti-Rechts-Festival in Frankfurt teilnehmen sollten. Auch mit den „Ärzten“ und Campino von den „Toten Hosen“ gab es immer wieder verbale Keilerein. Zumindest Campino hat mittlerweile seinen Frieden mit den Onkelz gemacht. In einem Interview mit der „FAZ“ sagte er im Jahr 2017: „Ich nehme der Band auch ab, dass sie sich auf ihre verschrobene, für mich nicht immer nachvollziehbare Weise, längst von ihrer Rechtsphase distanziert hat.“

Am weiteren Aufstieg der Onkelz änderte die fehlende mediale Präsenz und Anerkennung ohnehin nichts. Eine Schaffenspause im Jahr 1994 nutzte Leadsänger Russell, um von den Drogen loszukommen – zumindest vorerst. Viva los Tioz (1998) war die erste LP der Band, die es auf Platz Eins der deutschen Charts schaffte. Spätestens zu diesem Zeitpunkt waren die „Onkelz“ im Mainstream angekommen, auch wenn sie weiterhin behaupten kein Teil desselbigen zu sein. Auch mit den folgenden fünf Platten charteten die „Onkelz“ bis ganz nach oben.

Diskografie der „Böhsen Onkelz“:

  • 1984: Der nette Mann (Rock-O-Rama)
  • 1985: Böse Menschen – Böse Lieder (Rock-O-Rama)
  • 1987: Onkelz wie wir … (Metal Enterprises)
  • 1988: Kneipenterroristen (Metal Enterprises)
  • 1990: Es ist soweit (Metal Enterprises)
  • 1991: Wir ham’ noch lange nicht genug (Bellaphon Records)
  • 1992: Heilige Lieder (Bellaphon Records)
  • 1993: Weiß (Bellaphon Records)
  • 1993: Schwarz (Bellaphon Records)
  • 1995: Hier sind die Onkelz (Virgin Records)
  • 1996: E.I.N.S. (Virgin Records)
  • 1998: Viva los Tioz (Virgin Records)
  • 2000: Ein böses Märchen … aus tausend finsteren Nächten (Rule 23 Recordings)
  • 2002: Dopamin (Rule 23 Recordings)
  • 2004: Adios (Regel 23)
  • 2016: Memento (Matapaloz)
  • 2020: Böhse Onkelz (Matapaloz)

Trennung und Rückkehr der „Onkelz“

Für viele Fans überraschend, gaben die „Böhsen Onkelz“ im Mai 2004 ihre Auflösung bekannt. Die Gerüchte schossen ins Kraut. Unter anderem hieß es, Kevin Russel und Gitarrist „Gonzo“ Röhr hätten sich Bassist Stephan Weidner, der für so gut wie alle Texte verantwortlich war, verkracht. Angeblich hätten die beiden die dominante Rolle des Bassisten nicht mehr hinnehmen wollen.

Der Grund, den die Onkelz offiziell anführten, ist ein anderer: Russell und seine Eskapaden. „Seine nicht enden wollende Sucht, seine vielen Therapien und Therapie-Abbrüche, die unzähligen Enttäuschungen und Erwartungen – all diese Dinge summieren sich zu einem Nenner: Es geht nicht mehr“, hieß es auf der Webseite der Band.

In den Jahren nach der Trennung verfolgten die Bandmitglieder Soloprojekte, es wurden Bücher geschrieben und Unfälle gebaut. An Silvester 2009 verursachte Russell im Drogen-Vollrausch einen schweren Verkehrsunfall – und beging Fahrerflucht. Dafür musste er sich später vor Gericht verantworten. Er wurde zu einer Haftstrafe verurteilt. Wegen seines verheerenden Zustands kam er stattdessen in eine Entzugsklinik – was ihm vermutlich das Leben rettete und die „Onkelz“ wieder zusammenbrachte. Dem Mythos „Böhse Onkelz“ war die Abstinenz (von der Bühne) nur zuträglich. Die Anhängerschaft vervielfachte sich.

Russell bei einem Konzert im Jahr 2019. Foto: IMAGO/Beautiful Sports

Das zeigte sich beim Comeback 2014 auf dem Hockenheimring. Zwei weitere Konzerte an selber Stelle im darauffolgenden Jahr waren innerhalb weniger Stunden ausverkauft. Und die Erfolgsgeschichte setzt sich bis heute fort. Ein Ende ist nicht in Sicht.

Aus der einstigen Punkband ist ein mittelständisches Unternehmen geworden. Das Elend ihrer frühen Jahre hat das Quartett längst hinter sich gelassen. Auch wenn Kevin Russell immer noch als „Stimme aus der Gosse“ wahrgenommen wird, ist er längst zum Mulitmilionär geworden.

Dass die Band polarisiert und es immer noch tut, ist fürs Image förderlich. „Sie leben gut davon, dass sie immer wieder missverstanden werden“, sagt beispielsweise Rechtsrockexperte Dietmar Elflein. Dabei ist das auch Teil der Band-DNA. Die „Onkelz“ sind per se dagegen, „es wird aber nie gesagt, wogegen genau“, sagt Elflein. Das entspricht ein Stück weit dem heutigen Zeitgeist, „das machen die ,Onkelz’ aber schon immer so“.