Von Michelangelo inspiriert: Eine Werbebild der Daimler AG für einen IT Recruiting Day ähnelt stark dem Gemälde „Die Erschaffung Adams“ Foto: MediaPortal Daimler AG

Compart ist ein Hidden Champion in der Digitalisierung von Schriftverkehr. Der Software-Spezialist ist gut im Geschäft, hat aber ein Problem: In der Region Stuttgart Mitarbeiter zu rekrutieren, ist ein schwieriges Unterfangen.

Böblingen - Gleich am Empfang hängt ein überdimensionales Bild von der Mannschaft. Zum 25-jährigen Bestehen vom Compart haben die Mitarbeiter Brücken gebaut. Auf dem Foto präsentieren sie ihre Ergebnisse. Auf einem anderen Bild von einem anderen Fest sind lauter Handabdrücke zu sehen, „Wir sind die Spezialisten“, sagt Harald Grumser. Seit seiner Gründung hat sich der Böblinger Mittelständler zu einem Hidden Champion im Bereich der Dokumentenkonvertierung entwickelt. Rund 160 Mitarbeiter erwirtschaften einen Umsatz von 20 Millionen Euro. Weil die Digitalisierung gerade erst am Anfang ist, könnte der Firmenchef noch ein paar Software-Spezialisten gebrauchen. „Aber IT-Fachkräfte zu bekommen, ist sehr schwierig“, sagt er.

Richtig gut läuft das Geschäft bei Compart, seit sich das Unternehmen darauf fokussiert, Druckdaten in digitale Formate zu bringen. „In jeder Sekunde werden weltweit knapp 8000 Daten mit unserer Software konvertiert“, erklärt Harald Grumser. Papierrechnungen sind ein Beispiel dafür: Konzerne wie die Telekom können Millionen sparen, wenn sie diese Briefe nur noch per Mail verschicken. Aber der Datenstrom zwischen den verschiedenen Formaten muss erst einmal bewältigt werden. Die Dokumente müssen mehrkanalfähig gemacht werden – dass sie sich unter anderem auf Papier ausdrucken, in ein PDF verwandeln und eben auch auf dem Smartphone im HTML-Format darstellen lassen.

Der Arbeitsmarkt wird immer enger

„Diese Digitalisierung wird noch Jahre dauern“, sagt Grumser über die Zukunftsaussichten vom Compart. Bei der Hälfte der Böblinger Belegschaft handelt es sich um Informatiker, Entwickler, Techniker für Bildkomprimierung, Kryptologie oder HTML. Weitere 40 Mitarbeiter sind im Ausland stationiert, wo die Firma die Hälfte des Umsatzes macht. Zu den Kunden gehören Postorganisationen, Banken und Versicherungen. Gleich um zehn Mitarbeiter könnte Harald Grumser sein Personal im Moment aufstocken. Aber der Arbeitsmarkt wird immer enger: „Wir müssen uns strecken, wir konkurrieren hier mit Daimler und Porsche.“

Für den Automobilkonzern auf der anderen Seite der Autobahn A 81 ist es dagegen kein Problem, an Personal zu kommen. Laut Oliver Wihofszki erhält Daimler „trotz des verstärkten Wettbewerbs um qualifizierte Kräfte allein in Deutschland jedes Jahr eine sechsstellige Zahl an Bewerbungen“. Das Unternehmen mit seiner weltbekannten Marke Mercedes-Benz sei eben ein sehr attraktiver Arbeitgeber, erklärt der Pressesprecher für Personalangelegenheiten, freie Stellen könnten deshalb mit hochqualifizierten Kandidaten besetzt werden. „Der technologische Umbruch hin zum elektrischen und autonomen Fahren ist für viele Universitätsabsolventen sehr spannend“, erklärt Wihofszki. Allerdings muss auch Daimler auf die Zielgruppe zugehen – mit speziellen Bewerbertagen für IT-Fachkräfte, von denen vergangenes Jahr vier in Böblingen und Stuttgart veranstaltet wurden. „Im Idealfall winkt ein Arbeitsvertrag – noch während des Recruiting Events“, wird dafür geworben.

Jeder Mitarbeiter ein Rad und kein Rädchen

Bei Compart sei jeder Mitarbeiter ein Rad und kein Rädchen, preist Harald Grumser dagegen die Anstellung bei einem Mittelständler. „Hier kann man mit einer Idee direkt zum Chef gehen“, sagt er. Obst, Snacks und Getränke gibt es umsonst, Betriebssport gehört ebenso zum Paket wie die Betriebspartys. Die Firma wirbt mit Familienfreundlichkeit und flexiblen Arbeitszeitmodellen. Weil ein Mitarbeiter aus Griechenland in die Heimat zurück wollte, arbeitet er dort nun im Homeoffice. „Wir bieten alles, was man heutzutage anbieten kann, um verwöhnte Mitarbeiter zu generieren“, sagt Harald Grumser. Die Bewerber hätten nämlich nicht nur gehaltsmäßig eine hohe Erwartungshaltung.

Mindestens 10 000 und bis zu 20 000 Euro muss Compart in eine Stellenbesetzung investieren. Dafür werden Headhunter engagiert, die Suche läuft international. Aus Osteuropa hat Harald Grumser Bewerber einfliegen lassen, die jüngste Neueinstellung stammt aus Usbekistan. Menschen aus 22 Nationen arbeiten in dem Unternehmen, gesprochen wird Englisch. Für internationale IT-Fachkräfte ist Deutschland jedoch nicht unbedingt das Traumziel: Kurz vor der Vertragsunterzeichnung sprangen kürzlich zwei Kandidaten aus Russland und aus Indien ab. Sie hatten Jobs in den USA vorgezogen.

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